Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 5-6
- Article
- Unser Daseinszweck
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 416 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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4X6 Bemerkungen im Kampf ums Dasein gebraucht, wohl recht skrupellos, jedenfalls so, wie es der Deutsche nur „widerwillig und unter Hemmungen" tut; im besten Fall ist er der Mittler zwischen dem — deutschen — Genie und der Masse. Das also ist des Juden Bestimmung: er soll den Hauptfehler des Deutschen (der eigentlich nur Kehrseite seines Vorzuges ist), die Schwerfälligkeit, paralysieren; er soll der Masse des deutschen Volkes die Ideen, den Gehalt des deutschen schöpferischen Geistes, vorkauen oder genießbar machen. Wir müssen fragen: In welcher Wissenschaft ist es erlaubt, das Zerrbild einer Spezies aus der empirischen Wirklichkeit zu greifen und für die Spezies als typisch zu nehmen? Ein Zerrbild, ein Entartungsprodukt, dem gerade die spezifischen Eigenschaften verloren gingen? Leopold von Wiese will Judentum charakterisieren und greift nach dem Anti-Juden, jenem Gegenpol des wahren Juden, der nur durch die systematische Entblätterung der jüdischen Blüte entstand. Er sieht den im Vordergrunde des deutschen Volkslebens agierenden, aufdringlichen, zweckhaften Juden, den Schauspieler, der alle Rollen mimt, und den Händler, der alle Ware, auch des Geistes, vermittelt. Diesen Typus halt Wiese für brauchbar und will ihn perpetuieren. Weiß Herr von Wiese nicht, daß ein anderer Geist es ist, der sich in der Geschichte, im Leben und im Schicksal des jüdischen Volkes offenbarte? Hat Herr von Wiese noch nie einem wahren Juden ins Auge gesehen und — vielleicht hinter dem Schleier empfindlich verbergender Scheu — den Funken der göttlichen Leidenschaft erkannt? Weiß er nicht, daß jene Juden, die er betrachtet, im Begriffe sind, sich vom Judentum loszusagen, und daß andere Juden, die nur Juden sein wollen, den Glauben an ihr Ideal im tiefsten Grunde der Seele verankert haben? Wiese sagt: „Ich glaube nicht, daß der völlig selbständige, isolierte jüdische Geist (in dem Zustande, den er gegenwärtig erreicht hat) auf die Dauer Gedeihen verbürgen würde." Man muß sich vergegenwärtigen, welcher Zustand des Geistes gemeint ist, und wird dann beistimmen. Daneben aber wird man ganz bescheiden etwas vom wahren jüdischen Geist andeuten, der in der Freiheit des Lebens verwirklicht werden soll. Einst mußte eine jüdische Idee von den „Barbaren" vermittelt und umgebildet werden, um in ihrer Sphäre bestehen zu können. Der Christengott, der heute in den Kundgebungen aller Herrscher und Heerführer für die „gerechte Sache" angerufen wird, ist nicht der Gott Jesajas und Jeremjas, der sein eigenes Volk züchtigt und zur Umkehr ruft, zu einem neuen Leben. Zu einem neuen Leben. Es ist bedauerlich, daß ein Mann wie Wiese nur die Oberfläche streift, nicht das Wesen, das Problem und die Tragik sieht. Vielleicht wird doch auch der Verkünder des neuen Liberalismus, der „für ein paar glückliche Augen sämtliche Doktrinen der Weltweisheit hingibt", gewahr, daß gerade die Besten unter den Juden Unsägliches leiden unter dem Zustand, den er so freundlich billigt. Behauptungen und Beweise werden da vermutlich wenig überzeugen; auch hilft es nichts, der Charakteristik des sichtbaren Juden unsere Idee des Juden entgegenzuhalten, die Erfahrung durch die Forderung zu korrigieren. Leben . . . leben . . . die Idee werde Wirklichkeit, und das Bild des falschen, wesenlosen Juden wird in schemenhafte Nichtigkeit zerrinnen, wo über dem Geschäftigen das Sich-entfaltende, über dem Zeitlichen das Ewige lebendig in die Geschicke der Menschen hineinragt. Robert Weltsch Die Aufgabe (Eduard Bernstein; Von den Aufgaben der Juden im Weltkrieg. Berlin, Erich Reiß Verlag 1917.) Wir Jungen, die erst nach mancherlei Umwegen und Kämpfen gegen früher Geglaubtes und Vermeintes gelernt haben, uns in die jüdische Bewegung einzuordnen, fühlen ständig als Unsicherheit und Schmerz, daß Männer hohen geistigen Ranges, daß verehrte Lehrer nun unsere Gegner wurden, und nicht immer vermögen wir das Empfinden zu ertragen, daß wir vorgegangen, jene aber stehen geblieben sind. Ihr Kampf gegen uns, mindestens gegen Gefühle und Gedanken, Hoffnung und Glauben, mit denen wir uns identifizieren, zwingt uns zur Notwehr, und die Leidenschaften trüben Erkenntnis und Kritik unserer und ihrer Argumente. Und wir wünschten immer, es möchte doch endlich ausgesprochen werden, was uns im Gefühlsmäßigen trennt, was von unseren Unterschiedlichkeiten dessen Sphäre allein angehört, damit wir um so reiner prüfen könnten, wie weit die Argumente für sich bestehen könnten. Denn wir ahnen zuweilen, als müßten die Argumente jener Männer für uns auch in