Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 5-6
- Article
- Die Fische springen der Sonne entgegen
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 411 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Zwei Gedichte von Hedwig Lachmann 411 Großes geschah, als Gottes Hand den glühenden Lichtball aus der opalenen Luftmasse aufhob, und so wollten sie, Großes beginnend, mit Seele und Leibern das Große ehren. Ein jeder begriff es, und mächtig durchlohte aus solchem Begreifen uns alle die Frage: „Wenn schon unter stumpf fließenden Fischen solchen Jubel die Sonne erregt, daß es sie lüstet, Vögel zu werden, welchen Preis soll der Mensch beginnen, Gott zu danken für neuen Tag?" Später, wochenhin, sprachen wir oft von dieser unvergeßlichen Stunde. Esther aber, das Mädchen Esther, das damals mit uns gewesen war, redete dieses glückhafte Wort: „Als die Fische zur Sonne aufsprangen, schien mir ihr kleines Rauschen und Glimmen ein Gleichnis zu sein dem Rauschen und Glimmen, das von dem Körper der Thora ausgeht, wenn der dienende Rabbi sie aufrollt." Doch sogleich, alles Lob zu vermeiden, senkte sie errötend das Haupt. ZWEI GEDICHTE Von Hedwig Lachmann Mit den Besiegten Preist Ihr den Heldenlauf der Sieger, schmückt Sie mit dem Ruhmeskranz, Euch dran zu weiden — Ich will indessen, in den Staub gebückt, Erniedrigung mit den Besiegten leiden. Geringstes Volk! verpönt, geschmäht, verheert Und bis zur Knechtschaft in die Knie gezwungen — Du bist vor jedem stolzeren mir wert, Als war' mit dir ich einem Stamm entsprungen! Heiß brennt mich Scham, wenn das Triumphgebraus Dem Feinde Fall und Untergang verkündet, Wenn über der Zerstörung tost Applaus Und wilder noch die Machtgier sich entzündet. Weit lieber doch besiegt sein, als verführt Von eitlem Glanz — und wenn auch am Verschmachten, Und ob man gleich den Fuß im Nacken spürt — Den Sieger und das Siegerglück verachten!