Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 5-6
- Article
- Der Kaufmann von Venedig
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 397 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3101111-3101126-3101131-3102288--1726-3102439- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Der Kaufmann von Venedig 397 ihn und liebt, jung, leichtfertig und sehnsüchtig, niedrig und schwärmerisch zugleich, einen Jüngling aus dem andern Reich. Ein Fest bereiten sie wieder vor, diese Übermütigen; Shylocks ganze Abneigung gegen die Heiterkeit dieser Renaissancemenschen, dieser Christen, gegen ihre Maskeraden und Tollheiten und den Lärm, den sie Musik nennen, drückt sich aus; und gerade zu diesem heiteren Fest trägt Jessika die Fackel und flieht von der Stätte des Hasses und der Gier zu zweckloser, spielerisch-farbiger, berauschter, gliederlösender Freude und Liebeslust. Und in der selben Nacht bricht Bassanio zur Fahrt übers Meer, zur Werbung auf. Nun wieder Belmont. Der Marokkaner trifft seine Wahl. Gold, Silber und Blei, so geht's abwärts, wenn man auf die Fassung, das Material der Kästchen sieht; aber er achtet nicht darauf, daß die Steigerung umgekehrt ist, wenn man auf den Inhalt der Sprüche hört. Wir Vernehmens: Gold — „Wer mich erwählt, gewinnt, was mancher Mann begehrt", es trifft die Wirklichkeit, besagt aber nichts über die Würdigkeit des begehrend Wählenden. Das aber wählt er und bekommt zur Antwort, der prunkende, protzige Fürst: Es ist nicht alles Gold, was glänzt. Verwandlung: Venedig. Shylocks Verzweiflung über Tochter und Geld und Juwelen lernen wir im Bericht kennen. Was für eine Wirklichkeit, grell, häßlich, mit aller Gewaltsamkeit der Realität gestopft, gegen die heiter flüchtige, wie immaterielle Phantasiewelt in Belmont. Dort wie hier hat einer das Gold erwählt; dort wie hier ein geschlagener Mann; aber welche Unvergleichlichkeit! Schon bangt uns um Antonio, aus dessen Kreis der Räuber kam, der Jessika samt Shylocks Schätzen gestohlen hat: Daß nur Antonio nicht den Tag versäumt, Sonst wird er hiefür zahlen. Eine Wolke kommt näher; es laufen Gerüchte um, dem Antonio sei ein Schiff untergegangen. Und zugleich steigert sich die seelische Bedeutung des schwermütigen Mannes für uns; wir erfahren, daß er sein ganzes Herz an Bassanio gehängt hat; daß ihm das Liebesglück des Freundes repräsentativ ist, wie sonst nur dem Liebenden sein eigenes Glück; in einer strahlenden und doch dunkeln Abendbeleuchtung steht er da. Und hier, die Augen voller Tränen, wandt' er Sich abwärts, reichte seine Hand zurück, Und als ergriff ihn wunderbare Rührung, Drückt er Bassanios Hand; so schieden sie. Wir sind gespannt; aber der Dichter bricht ab. Wir müssen mit ihm rasch übers Meer, nach Belmont, zur Kästchenwahl. Der Prinz von Arragonien trifft seine Wahl. Silber: „Wer mich erwählt, bekommt so viel, als er verdient". Wir sind schon höher oben; schon ist eine Beziehung da zwischen Entscheidung und innerem Wesen des Wählenden; bedächte der Prinz nur, daß wer seines eigenen Verdienstes selbst sicher sein will, es ermessen muß an seiner eigenen Hingabe und Opferfähigkeit! Denn freilich, was das Urteil über den Wert der andern angeht, was haben wir eher zu fragen, als ob sie ihr Amt verdienen? Da sagt er in einer der sentenziösen Reden, die in Porzias Reich an ihrer Stelle sind, schon prachtvolle Dinge; im Objektiven, im Kritischen paßt er hierher: O würden Güter, Rang und Ämter nicht Verderbter Weis' erlangt, und würde Ehre