Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 5-6
- Article
- Der Kaufmann von Venedig
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 395 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Kaufmann von Venedig 395 das wahre, jenseits aller vergänglich geschichtlichen Einkleidungen, lautet, daß er ist, der er ist, und daß er bleibt, was er so geworden ist, daß Wandlung nicht mehr möglich ist. Er ist ein Mann nur von Verstand und Trieben und also, mit Spinozas Worten gesagt, ein in sich gebundener, stöckischer Knecht, kein mit seines Gleichen verbundener Freier; in sich gebunden und doch zugleich in sich, mit sich zerfallen; denn die höhere Sphäre, die erst zur Einheit ruft, die aus dem Verstand die Ratio, die Beschauung und Weisheit, den universalen Geist, aus den Trieben die Emotion, das Gefühl, die Empfindungsseligkeit zu machen vermag, die die Gier in die Sehnsucht, die Wut ins Heroische wandelt, die fehlt völlig. Die andern haben wohl zumeist das eine Element gemeinen Trieblebens, das Shylock fehlt: gemeine Genußsucht, Beziehung aufs Glück in niedriger Gestalt; sie aber sind wie im freien Feld des Werdegangs, sind Repräsentanten der Jugend, und selbst von so unterer Stufe aus ist ihnen wie ihrem Volke keine Entwicklung abgeschnitten; der alte Shylock aber ist in die Ecke gesetzt, der große Bann ist über ihn ausgesprochen, es gibt keinen Fortgang für ihn. Die andern alle, selbst der melancholische Antonio, den die Einsamkeit auch gefährlich angeweht hat, können noch irgendwie zur Heiterkeit kommen, zu der Lust, die Erlösung und Gemeinschaft ist; Shylocks böses Lachen ist der Ausdruck seiner gänzlichen Absonderung und Verstoßung, des gräßlichen Widerspruchs, in dem er zur Welt steht und den er in der Welt gewahrt. Wie ist nun dieser Sinn, diese innere Handlung, die zwischen den Sphären und Personen waltet, in die äußere Handlung, die von einer Verkoppelung zweier Novellen stammt, umgesetzt worden? Wie drückt sich die zwischen Licht und Finsternis in allen Schatten und Farben sich ergehende Stimmung in der Folge der Szenen aus? In welchen Vorgängen tritt die Beziehung der vier Hauptgestalten — Shylock, Bassanio, Antonio und Porzia — und der Nebengestalten zu einander und zum Grundmotiv hervor? Die erste Szene des Stücks führt uns in eine Straße Venedigs. Nehmen wir die Szenen in Belmont — in Porzias Haus und Garten — für sich, so spielen alle venetianischen Szenen mit Ausnahme der großen Gerichtsszene und einer winzigen Szene zwischen Shylock und seiner Tochter auf öffentlichen Straßen und freien Plätzen. Freie Luft und Licht weht durch dieses Stück; aber auch die dunkle, scharfe Silhouette Shylocks hebt sich von dieser Freiheit ab; in der Öffentlichkeit geschieht sein Keifen, Wüten und tückisches Mordplanen. In dem ersten Bild haben wir den alternden, männlichen Junggesellen Antonio mit seinen jugendlichen Kameraden. Lust zu Heiterkeit und zu Festen äußert sich; aus Antonio aber vor allem Schwermut, die so wenig Einzelgründe für sich kennt, wie Shylocks allgemeiner Haß mehr braucht als Auslösungen; Antonio sieht ja die Welt, er lebt ja in ihr; die scherzhaft geäußerte, unglaubliche Vermutung, er sei verliebt und darum gedrückt, wird mit einem Pfui zurückgewiesen; verliebt? nein, das paßt nicht zu ihm. So wie er über alle Welt Handel treibt, so hat er Sympathie zu aller Welt und Trauer kommt zu ihm aus aller Welt; aber an eines vermag er sich nicht zu schenken. Bassanio sein Freund vermag es und muß es: er liebt Porzia, die Schöne, die Tugendreiche, die Erbin, die Herrin von Belmont; von allen vier Himmelsrichtungen segeln die Freier an ihre Küste; wie eine Mythosgestalt steht sie in dieser ersten Be-