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Der Jude · 1919-01-01 · Heft 5-6 · p. 386

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Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 5-6
Article
Der Kaufmann von Venedig
Date
1919-01-01
Page
386 (sequence 9)
Language
German
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386 Gustav Landauer: „Wenn ihr uns stecht, bluten wir nicht? Wenn ihr uns kitzelt, lachen wir nicht? Wenn ihr uns vergiftet, sterben wir nicht? Und wenn ihr uns beleidigt, sollen wir uns nicht rächen?" Und hier lernen wir ihn zum zweiten Mal als eine künstlerische Natur kennen; in der Rache ist er ein Künstler. Seine Rache ist, obwohl er's selber nur in erhöhter Stimmung weiß, ganz und gar Selbstzweck; sie befriedigt sich schwelgerisch in sich. Was er für einen Grund hat, Antonios Fleisch zu wollen? Er braucht keinen besonderen Grund; er will keinen! Wer haßt ein Ding und brächt* es nicht gern um! Weiter begreift er nichts; will's nicht begreifen; aber — so sagt doch einmal, ihr dort oben, die ihr mit Verachtung auf mich herunterschaut — seid ihr denn anders? Viel habt ihr unter euch gekaufte Sklaven, Die ihr wie eure Esel, Hund und Maultier In sklavischem, verworfnem Dienst gebraucht, Weil ihr sie kauftet. Sag* ich nun zu euch: Laßt sie doch frei! Vermählt sie euren Erben! Was plagt ihr sie mit Lasten! laßt ihr Bett So weich als eures sein, labt ihren Gaurn Mit eben solchen Speisen, — ihr antwortet: ,Es sind ja unsre Sklaven*; und so geb ich Zur Antwort: das Pfund Fleisch, das ich verlange, Ist gut bezahlt, 's ist mein, und ich will's haben! Jetzt sind wir in der Lage, ganz zu verstehen, warum dieses bis an die Grenzen des Menschenmöglichen gehende Motiv uns so fraglos hinnimmt, so in allen Tiefen erschüttert. Weil wir selbst, weil die Zustände unsrer Gesellschaft es sind, an die Shylock sich mit seinen Worten ebenso wendet wie an die edeln Venetianer, die zugleich ein adliges Leben im Geiste, Spiel und schönem Luxus, ein Leben der Kaufmannschaft und ein Leben der Sklavenhalterei führen. Auch hier ist des Dichters Amt vor allem wieder die Deutung; die Fabel, daß der Jude auf sein Recht pocht und das Pfund Fleisch des Schuldners haben will, ist da, wie Agamemnon da ist, der seine Tochter geopfert hat; Shakespeare aber zeigt uns, wie es in dem Juden aussieht, wie er sich gegen seine Umgebung stellt, wie diese Stunde, wo er den Repräsentanten seiner Feinde vor Gericht zieht, um das Recht zu haben, er der Rechtlose, ihn zollweise zu morden, die in tollen, ungeglaubten Träumen ersehnte Stunde seines fürchterlichen Triumphes ist. Diese Dinge, Shylocks Haß gegen die Christen, sein Versuch, diesen Haß zu befriedigen, der ihm keineswegs ganz mißlingt, denn er, der Jude, darf seinen Haß vor dem Dogen von Venedig in Wahrung seines Rechts hinausschreien, und die Gründe zu diesem Haß, sie sind der Intensität nach stärker als alles andre im Stück; sowie wir das Buch weglegen oder das Theater verlassen, verflüchtigt sich das andre alles wie Spiel und Traum, dies aber bleibt wie böse, arge, harte, undurchdringliche Wirklichkeit. Und so soll es sein; so hat es dieser Dichter in seinem Traumspiel komponiert, und daß wir auf dieses Intensitätsverhältnis achten, ist schon ein wesentlicher Gewinn zum Erfassen des Sinnes, um dessentwillen diese Vorgänge ineinandergeflochten sind.

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