Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 5-6
- Article
- Theodor Herzl und Baron Hirsch
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 357 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Theodor Herzl und Baron Hirsch 357 häufig einflußreichere, wohlhabendere und ältere Menschen sitzen sehen. Sie überboten sich alle in Schmeicheleien, sie krochen und winselten vor dem Geld«* zaren. Ein ganz anderer Mensch saß ihm jetzt gegenüber. Ein einfacher Journalist, fremd und unbekannt, ohne Vermögen und Beziehungen, ohne Titel und Auszeichnungen — und der hatte nicht nur den Mut, ihn als Ebenbürtigen zu behandeln, er hatte den Mut, sich über ihn zu stellen. ,,Sie züchten Schnorrer!" Das Verantwortlichkeitsgefühl Herzls diktiert ihm in einem Briefe, den er am nächsten Tag an Baron Hirsch richtet, ein noch schärferes Wort. ,,Sie sind der große Geldjude, ich bin der Geistesjude. Diese Feder ist meine Macht." Herzl spürt, daß in seiner Feder eine viel größere Macht als in den Milliarden Hirschs liegt. Im Briefe sagt es Herzl, daß ihm Hirsch mit leiser Ironie gegenübergestanden ist. Es war auch nicht anders zu denken. Es legte auf eine Wage der ruhige, kühle, besonnene Mensch die Feder auf der einen Seite und die Montblancs des Goldes auf der anderen Seite. Er sah, daß das Gold stärker sei. Heute nach zwei Jahrzehnten fragen wir getrost: ,,Was hat sich mehr bewährt, was hat Werte geschaffen, den Ruhm des Judentums gemehrt, seine Positionen gestärkt, seine Stellung gehoben? War es die leichte, unansehnliche Feder des jungen Journalisten oder das klirrende, glänzende, die Sinne verwirrende, die Gewissen betörende Gold des alten Nabobs?" Verschwunden ist das Gold. Es kam unter viele Leute, denen es keinen Segen brachte, es hat keine Werte geschaffen: seine Spuren sind heute unsichtbar. Das Gold züchtete Schnorrer. Die Spuren der Feder Herzls sehen wir nach Jahrzehnten. Bevor sich diese Feder rührte, war das Judentum desorganisiert. Heute beginnt es sich zu organisieren. Früher liefen uns die Jugend und unsere Talente davon, heute stehen die Jugend und die Talente im Lager Herzls. Früher hatte man es mit einem verstorbenen, verschütteten, bestenfalls mit einem vegetierenden Judentum zu tun. Heute strotzt es von lebendigen Kräften, die sich rühren und regen, bewegen und schaffen. Als Herzl Baron Hirsch scharfe Worte über die argentinischen Kolonien sagte, antwortete ihm Hirsch: Meine Absicht ist, wenn die Kolonie gedeiht, ein schönes englisches Schiff zu mieten, hundert Zeitungskorrespondenten einzuladen — Sie lade ich heute schon ein — und mit ihnen hinüberzufahren nach Argentinien." Wie vergänglich sind die Worte der Reichen. „AI tiwtchi bindiwim, b'wen odaum, scheejn lau tschijo---" Die Absicht konnte nicht ausgeführt werden. Baron Hirsch ist nicht da, Theodor Herzl ist nicht da, die argentinischen Kolonien sind nicht da. Die Expedition wird nicht stattfinden. Man braucht auch nicht so weit zu fahren, um Erfolge des jüdischen Geistes, des jüdischen Mutes, der jüdischen Kraft zu sehen. Heute, zwei Jahrzehnte nach dieser historischen Unterredung, brauchen wir nur unsere Sinne und Gedanken in die Schützengräben von Ost und West, in die Gefangenenlager, in die Baracken, in die Flüchtlingslager, in die Zentren des jüdischen Lebens zu richten, und wir sehen, welche Wunder an Mut, Zähigkeit, Ausdauer, Widerstandsfähigkeit die Juden leisten. Hirsch hörte Herzl noch eine Viertelstunde an, dann zeigte er Zeichen von Ungeduld, die Herzl merkte und zu sprechen aufhörte. Hirsch entließ ihn mit den Worten: „Das war nicht unser letztes Gespräch. Sobald ich wieder von London herüberkomme, gebe ich Ihnen ein Lebenszeichen." Herzl antwortete darauf kühl, eher ablehnend: „Wann Sie wollen", und empfahl sich. Ich glaube, es war das letzte Gespräch.