Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 5-6
- Article
- Theodor Herzl und Baron Hirsch
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 356 (sequence 4)
- Language
- German
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356 Adolf Stand: sofern man überhaupt von einer ernsten, modernen, zielbewußten Führerschaft sprechen kann, haben sich immer an die Verfolgungen geklammert. Sie hörten den Schrei der verfolgten Judenschaft. Und sie handelten nicht wie der weitblickende Arzt, den weder die Wunde schreckt, noch der Aufschrei des Patienten stört — er untersucht die Ursache des Leidens und diese trachtet er zu beheben. Dieser neue Arzt des Judenleides wollte nach dieser Methode handeln. Und auch da war er großzügig. Nicht bei den anderen suchte er den Urheber des Übels, den Sitz des Bösen. Bei sich selbst, bei seinem eigenen Volke suchte er es und da fand er es. Und bei der Wurzel wollte er es fassen. „Nach dem Zweck aber, den wir dann, wenn wir ein Zentrum, einen Kopf haben, verfolgen wollen, werden die Mittel sein." Ein Gesichtspunkt, wie ihn nur großzügige Denker haben können. Die geläufige Denkungsart, die wir als fertig von Fremden geschaffen träge übernommen haben, sagte sich bisher, den Mitteln wäre der Zweck angepaßt. Der Staatsmann Herzl lieh sich seine Idee bei der Methode, nach der die Staaten ihr Budget einrichten. Der Privatmann reguliert sein Budget nach der Vorschrift: „Der Höhe der Mittel soll der Zweck entsprechen, den Einnahmen die Ausgaben". Der Staat macht es umgekehrt: „Nach dem Zweck die Mittel, nach den Ausgaben die Einnahmen." Dieses Rezept übernahm Herzl und danach wollte er seine Methode einrichten. Produktive Talente müssen den Glauben haben. Ohne Glauben keine Erneuerung. Diesen unverwüstlichen Glauben hatte Herzl. Es schadete nicht, daß er sich da manchmal geirrt hat. Er irrte nur in den Details. In prinzipiellen, in wesentlichen Dingen hat er nicht nur nicht geirrt, sondern recht behalten. Mit einer gewaltigen Sehergabe ausgestattet, hat er die Zukunft sicher vorausbestimmt. Seine Voraussagen, die für den Alltag versagten, stimmten in den Ewigkeitsfragen. „Moses brauchte 40 Jahre. Wir werden vielleicht 20 oder 30 brauchen." Ich führe es an, damit auch der Philister, dessen Beruf es ist, Flecken an. der Sonne zu finden, auf seine Rechnung komme. Ja, 20 oder 30 Jahre, sagte Herzl. Schlau lächelt der Philister und glaubt uns mit einem Einwände aus unserem Gleichgewichte zu bringen. „Nun sind mehr als 20 Jahre dahin und ihr habt nichts erreicht", sagt er. Wie ich es oben sagte, gestehe ich ja gerne ein, daß Herzl da irrte. Und doch ehrt ihn die Stärke dieses Glaubens. Ein Spruch sagt, der Glaube versetze Berge. Der Herzische Glaube hat Stärkeres geleistet, er organisierte das jüdische Volk. Er irrte da also. Nicht 20 oder 30 Jahre brauchen wir, um ins gelobte Land zu kommen. Die Ziffer, die Moses brauchte, wird sicher überschritten, vielleicht gar verdoppelt werden müssen, aber das Ziel werden wir erreichen. Denn Herzl selbst sagte uns beruhigend im nächsten Satze: „Jedenfalls steigen inzwischen neue Geschlechter herauf, die wir uns erziehen müssen"; und als Ergänzung und Beleuchtung dieses Gedankens kommen wiederum neue Gesichtspunkte über die Erziehung des Volkes. Hirsch bekommt scharfe Worte zu hören. Sicherlich hatte ihm nie noch jemand in so prägnanter, bündiger, entschlossener Form die volle uneingeschränkte Wahrheit gesagt: „Sie züchten Schnorrer". Mut, Stolz, Verantwortlichkeitsgefühl spricht aus diesen drei Worten. Sie wirken wie die Explosion eines Vulkans. Nie noch war ein Mensch Baron Hirsch gegenübergesessen, der ihm so unverblümt die Wahrheit sagte, die Wahrheit, die ein Verdammungsurteil über ihn war. Er hatte sich gegenüber