Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 5-6
- Article
- Theodor Herzl und Baron Hirsch
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 355 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Theodor Herzl und Baron Hirsch 355 „Ich werde Ihnen den Plan einer neuen Judenpolitik vorlegen; was Sie bisher unternommen haben, war ebenso großmütig als verfehlt, ebenso kostspielig als zwecklos. Ich will Ihnen den Weg zeigen, wie Sie mehr als Philanthrop werden können. Ich erwarte durchaus nicht, daß ich Sie gleich überzeugen werde, denn Sie müssen eine Anzahl Ihrer bisherigen Gedanken umdenken." Hunderte von Briefen pflegte täglich Baron Hirsch zu erhalten. In den ersten Jahren waren es nur geschäftliche Briefe, in späteren Jahren waren es auch Bittschriften. Ich nehme an, daß einen Brief dieses Inhalts Baron Hirsch weder früher noch später erhalten hat. Skeptisch, wie alte Leute sind, die sich alles zu verdanken haben, las er dies alles. Und sicher war es eher Neugierde, einen interessanten Projektenmacher kennen zu lernen, als das wirkliche Bedürfnis nach judenpolitischen Gesprächen, nach einer neuen Judenpolitik, nach dem „Umdenken bisheriger Gedanken", das ihn bestimmte, Theodor Herzl zu sich einzuladen. Und so kamen sie an einem Pfingstsonntag 1895 zusammen. Elastischen Ganges betritt der Mann mit den phantasievollen Augen, der Denkerstirn und der Adlernase den Salon in der Rue d'Elysee. Ein kleiner untersetzter Mann mit sinnlichen Lippen, klugen Augen, energischen, willensstarken Zügen bittet ihn Platz neben sich zu nehmen. Der Milliardär schaut in die Augen Herzls und sagt sich: Ein Phantast. Herzl blickt in die Seele Hirschs und sagt sich: Ein Geldmensch. Herzl: „Sie werden in dem, was ich Ihnen sagen will, einiges zu einfach, anderes zu phantastisch finden." So beginnt Herzl und spricht über eine Viertelstunde, ohne gestört zu werden. Baron Hirsch, der viel mit Menschen verkehrt hat, studiert den neuen Typus, macht sich Gedanken über das, .was er vorträgt, mehr noch über den Menschen selbst, und hört ihn ruhig, geduldig an. Weder durch ein Wort, noch auch durch eine Miene unterbricht er Herzl. Herzl spricht auf Grundlage der Notizen, die er sich gemacht hat, zunächst still, ruhig. Er streift die Geschichte der Juden, er äußert sich über die Verheerung, die die zwei tausend jährige Zerstreuung angerichtet hat, unterzieht einer scharfen Kritik die bisherige Beantwortung der Judenfrage und kommt endlich zu seinem neuen Plane, der Lösung dieser Frage. Auch Hirschs Stellung zur Judenfrage bemängelt er mit witzigen, beißenden Argumenten. Hirsch läßt alles gelten — hört, bewahrt ruhiges Blut. Ein Mensch, der viel gesehen und mitgemacht hat, lernt auch Selbstbeherrschung und bezwingt sich auch, wenn er Dinge hört, die ihm nicht passen. Aber das alles bis zu einer gewissen Grenze. Herzl: „So wird das moralische Niveau gehoben". Das bringt den Milliardär aus dem Gleichgewicht. Die bisherige Ruhe verwandelt sich in einen nervösen Protest, der Geduldige wird aufbrausend. In Aufregung verläßt Hirsch seinen Platz und stößt schreiend im Zimmer die Worte hervor: „Nein, nein, nein. Ich will das Niveau gar nicht heben. Alles Unglück kommt daher, daß die Juden zu hoch hinaus wollen." Und so geht es fünf Minuten weiter. Jetzt ist es an Herzl, die Ruhe zu bewahren. Er hört ihn eine gewisse Zeit an und bittet ihn, er möge ihn weitersprechen lassen, da er noch lange nicht fertig se*. Hirsch gestattet Herzl weiterzusprechen. Herzl äußert tiefe Worte über das Wesen des Judentums. Er entwickelt neue und großzügige Gedanken: „Bisher sind wir ohne einheitliche Leitung Unserer Politik gewesen. Das aber halte ich für unser Hauptunglück. Das hat uns mehr geschadet als alle Verfolgungen." Die bisherigen Führer der Juden, 24*