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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 5-6 · p. 354

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 5-6
Article
Theodor Herzl und Baron Hirsch
Date
1918-01-01
Page
354 (sequence 2)
Language
German
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IRI
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354 Adolf Stand: Er wendet sich an Baron Hirsch, an einen mächtigen und verständnisvollen Mann. Er fand nur den mächtigen Mann. Baron Hirsch. Ein ganz anderer Typus. Ein Mann in den sechziger Jahren, der die ganze Welt genau kennen gelernt hat. Die äußere und die innere Welt Er bereiste den Okzident und den Orient, und noch mehr als die äußere Welt kennt er die innere — die Seele der Machthaber. Die Kniffe und Schliche, die Intrigen, Neid, Eifersucht, Schlauheit der Menschen hat er in jahrelanger gieriger Hast nach dem Gelde bis in die kleinsten Details kennen gelernt. ~~ Hast nach dem Gelde. Das war der Spiritus movens seiner Jugendträume. Geld, viel Geld, Haufen von Geld, Berge von Geld, mehr Geld als Rothschild — diese fixe Idee verfolgte ihn bei Tag und schlich sich in seine Schlafstube ein. Und diesem Gedanken widmete er sein Leben. Er begab sich auf die Jagd nach dem Gelde. Und die Beute war erfolgreich. Er reiste nachts, er arbeitete bei Tag, und er gönnte seiner Seele keine Ruhe, dem Leibe keine Erholung, den Sinnen keine Freude. Seine Augen sahen nur die Klumpen des Geldes, seine Ohren hörten nur das Klirren des Goldes. Und Jahrzehnte anstrengender Arbeit vergingen — er hatte den Zweck seines Lebens erreicht. Zuerst das unermeßliche Geld, dann den höchsten Adelstitel, den ein Jude erlangen konnte, zuletzt den Verkehr mit einigen Mächtigen dieser Erde. Dann fand ein Umschwung in seiner Seele statt. Seine Tendenz war bis jetzt das Nehmen und Sammeln gewesen. Da er kinderlos war, beschlich ihn in alten Jahren die Frage: „Wozu, für wen habe ich das genommen und gesammelt?" Er wird pessimistischer Denker, und die Philosophie des Kohelet: „Alles ist eitel" bestimmt seine Gedanken. Er hört auf zu nehmen und zu sammeln, er beginnt zu geben und zu verteilen. Darin unterschied er sich von allen bisherigen Mammonssklaven, darin war er der erste in Europa, während in Amerika die Goulds und die Vanderbilts, die Astors und die Morgans dasselbe taten. Und es zeigt sich das Merkwürdige. Das Geschick, das Glück, der richtige Instinkt, der gesunde Menschenverstand, die geniale Kombinationsgabe, die feine Witterung der Konjunktur, die ihn bisher bei der Jagd nach dem Gelde unaufhörlich begleiteten und seine Wege wiesen, haben ihn verlassen. Diese Faktoren bewährten sich glänzend beim Nehmen und Sammeln, sie versagten beim Geben und Verteilen. Er gab an die unrichtige Adresse, er verteilte unter diejenigen, die es nicht verdienten, und er schuf damit nichts Gutes, sondern stiftete Unheil. Zu diesem Menschen kommt Theodor Herzl. Er fragt bei ihm schüchtern an, im Mai 1895: „Wann kann ich die Ehre haben, Sie zu besuchen? Ich möchte mich mit Ihnen über die Judenfrage unterhalten/' „Ich wünsche nur mit Ihnen ein judenpolitisches Gespräch zu führen, das vielleicht in eine Zeit hinaus wirken wird, wo weder Sie noch ich da sein werden/' Prophetische Worte. Ein Gespräch, das vielleicht in eine Zeit hinauswirken wird, wo weder Herzl noch Hirsch da sein werden. Das hat sich genau bewahrheitet. Weder Hirsch noch Herzl sind da, und dieses judenpolitische Gespräch, das zwei bedeutende Persönlichkeiten in der Rue d'Elysee am 2. Juni 1895 &e" führt haben, wirkt mächtig, bahnbrechend, Werte zerstörend, aber auch Werte schaffend, in unsere grauenvolle Zeit.

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