Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Prozeß Kranz
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 204 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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204 Bemerkungen geraten", wenn er ein Einkommen von so und so viel tausend Kronen hat. Die Verwaltungsräte großer Finanzinstitute und Aktiengesellschaften sind offiziell anerkannte Machthaber, vor denen „man" sich bückt, die außer ihren schönen Gebühren von Staat und Gesellschaft Orden und Ehren erhalten. Die Schätzung der Menschen nach ihrem Geld ist Konvention--ist all dies jüdisch?? Nun ... Krieg ... wirtschaftliche Bedrängnis . . . Warenbeschlagnahme . . . staatliche Monopole ... Preistreibereiverordnungen . . . Sensationsprozesse... Man ahnt etwas wie Zusammenbruch des ganzen armseligen, lügenhaften Systems. Aber es wuchert ja dabei der schönste Kapitalismus und rindet neue Wege. Die Generation, die dieser Welt entstammt, wird nicht fassen können, daß Geldverdienen auch ein Vergehen sein kann. Die Preistreiberei-Gesetze sind immerhin Ansätze einer neuen Wirtschaftsgesinnung; nur: ob sie wohl ehrlich ist? Dem Volk, das sich bedrückt fühlt, wird das Schauspiel der schützenden Hand geboten: es werden viele kleine Krämer um geringe Vergehungen bestraft, und jetzt „endlich einmal auch einer von den Großen", der getaufte Dr. Kranz und seine jüdischen Genossen. Die Öffentlichkeit, die Zeitungen usw. überströmen vor Genugtuung, daß diese Schädlinge und Volksbedrücker bestraft werden. Heißt das nicht ein wenig täuschen? Ist das nicht Beschwichtigung, neben der die Entwicklung in gleicher Linie weitergeht? Ist das die Art, in der die Schacherer aus dem Tempel gejagt werden? Heißt das nicht vielmehr Beruhigung schaffen und den Menschen ihre falsche Selbstzufriedenheit wiedergeben? Ist nicht der Tempel, aus dem der Schacherer gejagt werden soll, im Grunde — das Herz des Menschen? Wir bedauern wahrhaftig diese Juden nicht, die da verurteilt wurden. Uns trennt eine Kluft von ihnen und ihrer Welt. Aber wir stehn befremdet vor einer Auffassung, die das Grundübel der staatlichen Lebensgemeinschaft, das Übel der geist- und gottverlassenen Gesellschaft, das Übel der Herzen, all das tiefe Unglück, das über die Welt gekommen ist, durch die große demagogische Geste zu heilen versucht, mit der sie dem Unmut des Volkes ein paar Namen als Opfer hinwirft. Auch ein — vage formuliertes — Gesetz, das einen guten Geist atmet, ist keine Hilfe, sofern es nicht etwa nur als willkürliche Handhabe gegen den jüdischen Mittelstand dienen soll. Wir sehen nur, daß das Bewußtsein noch nicht vorhanden zu sein scheint, von w o eigentlich der Neuaufbau einsetzen müßte. Aber wir . . . falls wir glauben, daß eine Erneuerung von Grund aus, eine Umformung der Herzen not tut, wird uns das Beispiel dieses Tappens im Dunkeln ein Fingerzeig sein können, wohin wir gehen müssen und welche Wächter wir vor denNeubeginn unserer, der jüdischen Gemeinschaft zu stellen haben. Robert Weltsch Juden und Deutsche (Ein Nachwort an M. H. Böhm)*) In einem glaube ich mich, obgleich er das nirgendwo gesagt hat,in sicherer Übereinstimmung mit Böhm zu befinden: in der Ablehnung der mehr oder minder tiefen Versuche, zwischen dem uralten Judentum und dem jungen, eben geborenen Deutschtum metaphysische oder psychologische Übereinstimmungen zu beweisen. Mögen diese stets zweideutigen Beteuerungen von alten oder jungen Führern der jüdischen Seite ausgehen, es wäre gut, sie zu unterlassen, aus einer großen Zahl von Gründen des Geistes, der Politik und des Taktes. Daß es sich um das neue Deutschtum, das mit Preußen gegeborene, handelt, geht deutlich hervor aus dem Nachdruck, mit dem diese Apologeten und Vermittler auf die ethische Einstellung des Deutschtums verweisen — als ob sie nicht erst mit Kant geboren worden wäre, besser noch, als ob nicht in dem Königsberger Revolutionär das vom Befehl geschaffene neue Norddeutschtum seine erste großartige Rechtfertigung im Geiste gefunden hätte — würdig derjenigen, die die herrliche Gestalt des großen Königs ihm in der Sphäre der Tat schuf. So gewiß der Jude vom Sittlichen alle Antriebe empfängt, die ihn genial machen, so sicher baut sich die Genialität des Deutschen im Ästhetischen auf, und so rein bildet sich der echte Deutsche, der blutreine Deutsche des Südens und Westens, als Weltmensch, Freund der Erde, Künstler aus. Nicht die mit einer Aufgabe an das Leben belastete, innerlich rastlose, vor der eigenen Unfertigkeit qualvoll fliehende nord- oder neudeutsche, gerade die in ihrer engeren oder weltweiten Fülle selig ruhende vielmehr, die singende und bildende* sich selbst an der Welt entzündende und läuternde Seele, und die kriegerisch und ritterlich dem Widerstande begegnende, das sind die Urelemente des Deutschtums, wenn ich je recht gesehen habe. Und die ganze Arbeit der neuen norddeutschen Philosophie ist nichts anderes als der *) Vgl. den Aufsatz „Jude und Europäer", Heft 1/2, S. 21 ff.