Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Zwei Gedichte
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 198 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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198 Zwei Gedichte von BenElieser Der immer enger unser Herz umgreift! Gott, leite uns! o laß uns nicht verfahren! Laß uns nicht dorren, ehe wir gereift! So wie die Wunde nach dem Linnen schmachtet, So brennen wir, mein Gott, in tiefstem Grund Nach einem Flüstern nur von Deinem Mund. Es ist so einsam. Und die Bosheit nachtet. Wie ein Licht im Erlöschen flackert die Welt. Gottvater, wie ist Dein Werk entstellt! Das lachend aus Deinen Händen gesprungen, Eh' es sein Kinderlied ausgesungen, Gebeugt und gebückt, krank und vergreist, Noch nicht Knospe und schon vereist! — Vater, willst Du uns denn vernichten? Jubelt es nicht aus Deinen Gedichten Heute noch wie in der ersten Wochen, Da Du Dein „Es ist gut" gesprochen? Sieh uns, Vater! zertritt uns nicht! Lebt nicht in unsern Augen Dein Licht? Glüht nicht in unsern Herzen Dein Trachten? Willst Du Dein Ebenbild verachten? — Sieh, schon blassen Formen und Farben Deiner Gebilde: Schwären und Narben, Zähren und Zittern, Wunden und Leid, Trauer und Tränen sind unser Kleid! — Vater, Du darfst uns nicht verderben! Du stirbst mit in unserem Sterben, Unsere Wunden sind Deine Wunden, Du bist an uns mit Ketten gebunden! Wir sind in Dir von Urbeginn. Du unser Wesen. Wir Dein Sinn. Wahn mag wanken, Wind mag wehen: Deine Werke müssen bestehen! Schüttle die Reue aus Deinem Blut, — Blick hinunter: Die Welt ist gut.