Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 1-2
- Article
- Das Judenschiff
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 130 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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130 Bemerkungen Durchzieht kein einziger heller, froher Klang die düstere Weise von dem irrenden Judenschiff? Ihr müßt nur lauschen, so hört ihr, wie die Elegie sich in ein brausendes Heldenlied wandelt: Von allen Häfen vertrieben, von Not und Feindeshaß verfolgt, lebt Ahasver noch immer. Lebt, weil er sich erhalten wollte für den Tag der Verheißung. Eine neue spanische Ära bricht an für Ahasver, und wenn das verweilende Judenschiff den Hafen eines Tages wieder verlassen muß, so wird vielleicht der Sinn auch dieser Ära gewesen sein: dem Judentum neue Stützen zu geben für seine ermattenden Arme, die es emporgereckt hält zum Himmel an dem schier endlos langen Tage des Golus. Helene Hanna Cohn Wilnas Kriegsvermächtnis „Daß dieser Krieg mit seinen großen Wandlungen ein neues Kapitel unserer alten passiven Geschichte eröffnen wird, ist sicher. Ob aber mit ihm die tätige Geschichte des jüdischen Volkes einen mächtigen Aufschwung bekommen wird, das hängt davon ab, ob die jüdischen Menschen diesen Krieg nicht bloß als eine Zeit des Elends, sondern als eine Zeit der Taten erlebt haben," Als Hugo Bergmann im i. Heft des ersten Jahrgangs dieser Zeitschrift solche Worte schrieb, konnte er nicht ahnen, daß noch im gleichen Jahr ein Buch erscheinen wird, das auf seine Alternative eine unzweideutige Antwort gibt. Die Wilnaer Juden haben in ihrem „Sammelbuch" *) für Wilna die Frage entschieden, ob der Flüchtling oder der Held der jüdischen Zeitgeschichte das Gesicht geben wird. Die Antwort Wilnas aber ist — weit über seine Stadtmauern hinaus — die Antwort des zur Entscheidung einzig berufenen jüdischen Volksgeistes. Knapp und sachlich hat Wilna geantwortet. Als am Schwuothfeste 1915 die grauenhafte Nachricht die Stadt durcheilte, daß die 250000 Juden des Kownoer Gouvernements ohne Ausnahme binnen 48 Stunden die Grenzen des Gouvernements überschritten haben müssen, und als am gleichen Tage noch in den nahen Bahnstationen die Evakuierten, in verschlossenen Waggons eingekerkert, nach *) Wilnaer Sammelbuch, 1. Band. Redakteur : Dr. Z. Schabad. Zugunsten der Wilnaer Kinderheime. Wilna 1916. Zu beziehen durch den „Jüdischen Verlag", Berlin W 15. Brot und Wasser schmachteten und herzzerreißende Telegramme: Schickt Essen! Ärztliche Hilfe 1 sich überstürzten — „gab es keinen Wilnaer Juden, der nicht seinen letzten Bissen gegeben hätte. Die Gassen mit den Sammelstellen waren schwarz von Menschen, jeder mit einem Päckchen in der Hand. In kurzer Zeit waren tausende Pfund Brot und anderer Lebensmittel aufgestapelt". Wilna hat dem Wahnsinn des russischen Evakuierungsbefehls den Sinn der jüdischen Volkshilfe eingehämmert. Es hat der Erbärmlichkeit des ohnmächtigen Flüchtlings, den die nichtjüdische Gewalt in den Mittelpunkt der jüdischen Tragödie zu zerren drohte, mit starker, selbstbewußter Hand die Ekstase des sein Volk beschützenden, sich mit ihm bis zum letzten solidarisch fühlenden Helden entgegengesetzt, und er, der tätige Jude, war es, der der Tragödie den entscheidenden Charakter gab. Als dann im okkupierten Wilna die eigene Not an Nahrung und Kleidung das jüdische Leid von Tag zu Tag steigerte, als Beschäftigungslosigkeit der Armut immer häßlichere Formen gab, als über zwei Drittel der Wilnaer Juden sich gezwungen sah, die öffentliche Fürsorge in Anspruch zu nehmen, als Licht und Holz fehlte und das Leben keine andere Frage mehr kannte, als die: „werden wir morgen noch leben?" — haben die Hungernden und Frierenden, die Bedrängten und Bekümmerten sich und dem Leben die rechte Antwort erteilt. Sie errichteten das Wilnaer jüdische Sc hui werk und — als breitestes Bildungsinstitut — die jüdische Volkshochschule, die Juden zu Tausenden unermüdlich besuchten, in Fetzen gehüllt, mit leerem Magen seit Tag und Vortag, glühenden Auges, in höchster Entflammung ihres wahren Seins. Den unfreiwilligen Hunger des Körpers stillten sie mit der freigewählten Nahrung des Geistes. Das grimmig-verzerrte Gesicht der allgemeinen Entbehrung wandelten sie in die stillverklärten Züge des jüdischen Kulturdrangs. Den Flüchtling verdrängte der Helfer, den Leidenden der Lernende. Die Zeit des Elends wurde zur Zeit der Taten. Das ist Wilnas Kriegsvermächtnis, das es der Geschichte hinterläßt. Max Mayer Der jüdische Kapitalismus (Zur Sombart-Brentano-Kontroverse) 1. Das viel bestrittene Buch Werner Sombarts über „Die Juden und das Wirtschaftsleben" hat neuerdings den Nestor der deut-