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Der Jude · 1917-01-01 · Heft 1-2 · p. 127

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 1-2
Article
Der Westjude als Kulturdünger
Date
1917-01-01
Page
127 (sequence 2)
Language
German
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Bemerkungen 127 stimmte politische Richtung. Das wird auch in unserm Lager oft durcheinander geworfen. Am Anfang steht, bewußt oder nicht bewußt, sich äußernd in tausenderlei Erregungen, die jüdische Bewegung; sie ist das eigentliche Problem, sie zwingt zur Erklärung, auf daß wir für ihr unruhig schäumendes Gewoge das Bett graben, in dem sie am sichersten einem, ihrem Ziele zustrebt. Grabowsky sieht auf der einen Seite den Westjuden als Individuum, beweglich, europäisch, vielseitig, leicht anzuregen und reich an anregenden Kräften, unruhig, ziellos, — den europäischen Sauerteig, auf der andern Seite eine zionistische Partei, armselig, den Blick starr auf ein kümmerliches Zion gerichtet, gewillt, den wundervollen Reichtum des deutschen Judentums einzutauschen gegen das Linsengericht einer primitiven Geschlossenheit. Von einer aus sich strömenden, überindividuellen jüdischen Bewegung auch in Westeuropa scheint er kaum etwas zu ahnen, und die nationalistische Erklärung dieser Bewegung ist ihm daher nur Parteischablone, einem engen politischen Ziele dienstbar. Fast alle Einzeltatsachen, die er zur Begründung anführt, sind falsch. Es ist unmöglich, in der Entstehung des Zionismus eine Übertragung, und nun gar eine mechanische Übertragung ostjüdischer Verhältnisse auf westjüdische zu sehen. Der Zionismus als solcher ist im Westen entstanden. Herzl wußte, als er den Judenstaat schrieb, nichts von der national jüdischen Zionsbewegung des Ostjudentums, aber bitter empfand er die Not des Westjuden. Der assimilierte Jude kommt nach Grabowskys Meinung für den Zionismus nicht in Betracht. War Theodor Herzl wirklich nicht assimiliert? Das assimilierte Judentum hat die zionistische Partei geschaffen. Ihre eigentliche Lebenskraft freilich verleiht ihr das Ostjudentum, davon wird noch zu sprechen sein. Und nur ganz ausnahmsweise ist für den Zionisten die romantische Sehnsucht nach verklungenen Zeiten das leitende Motiv. Oder man müßte auch die Männer alle Romantiker nennen, die von 1813 bis 1870 die deutsche Einheit erstrebten. Ist das Deutschland Kaiser Wilhelms eine „Rückbildung" zu Barbarossas heiligem römischen Reiche? Gewiß, ohne Romantik in diesem weiteren Sinne wird kein großes Ziel erfaßt, und Romantiker war nicht nur, wer mit Rousseau einem idyllischen Leben angeblichen Altertums zustrebte, sondern auch, wer vor Jahrzehnten davon träumte, daß der Mensch die Luft durchfliege. Die bloße Anerkennung des Bestehenden hat noch nie etwas geschaffen. Wohl hat die Schwärmerei für die Schönheit des Judenlandes, der Traum einer orientalischen Lebenseinheit, die Sehnsucht nach einem weniger komplizierten und geistig weniger gefährdeten Dasein — das alles mag man in einem engeren Sinne Romantik nennen — ihren Anteil an der zionistischen Bewegung, ihre bestimmenden Kräfte aber sind anderswo zu suchen. Kennt ihr sie nicht, die Qualen unserer jüdischen Mädchen von sechzehn, unserer jungen Männer von achtzehn Jahren, wie sie rastlos von Ibsen zu Nietzsche, von Wagner zu Strauß, von Hodler zu Liebermann, von Marx zu Stirner, von Wyneken zu Foerster getrieben, von Haß zu Liebe, von Bejahung zur Verneinung, von Himmel zu Hölle gejagt, in unerhört wacher und unrastgepeinigter Sehnsucht sich ihrer Seele Frieden und Sicherheit irgendwie zu erkaufen suchen? Ihr wagt, hier von einer gottgewollten Tragik, von dem völkerverbindenden Kitt in der Seele des Juden zu sprechen? Und wenn ein Jude euch empört entgegnet: „Mögen sich die Deutschen, mögen die Westeuropäer sich ihren Kulturdünger, ihren Sauerteig holen, woher sie wollen, ---unsere jüdische Jugend ist uns zu schade dazu", dann zuckt ihr die Achseln uud rühmt die notwendige europäische Funktion des Judentums! O, man kennt das Rezept. Auch die englischen Professoren kennen die alleinige Funktion, die Deutschland der Welt zu erfüllen hat, als Volk der Dichter und Denker, als Land Fichtes und Goethes, als Heimat der Musik und der Chemie! Was braucht es noch Schiffe zu bauen! Und ihr, die ihr für Deutschland einen Platz an der Sonne erkämpfen wollt, merkt ihr nicht, wie ihr dem deutschen Volke „seine Tragik und damit seinen entscheidenden Vorzug" in Europa raubt! Wahrlich ein bequemer Standpunkt des Zuschauers, der mit ästhetischem Behagen eines Volkes Tragik betrachtet, die ihm nicht weh tut. Nicht immer ward derZustandder vielsei tigsten europäischen Anregung von dem deutschen Juden als Not empfunden. Es ist bald hundert Jahre her, da lebte in einem Winkel Deutschlands ein frommer, reicher, jüdischer Kaufmann, der mit seiner Familie ein Mittelpunkt des gesetzestreuen deutschen Judentums war, und er reiste nach Weimar, und wanderte durch Park und Straßen, — um Goethe von ferne zu sehen und wieder heimzufahren. Ihm entstand daraus kein innerer Konflikt. Was

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