Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 1-2
- Article
- Vergessene Kunst
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 78 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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78 Leo Baeck: Das Gemeinsame wie das Besondere der jeweilig in den einzelnen Siedlungsgebieten erblühenden jüdischen Kleinkunst wird auf Grund einer umfassenden Sammlung und sorgfältigen Sichtung des Tatsachenstoffs in jedem Gebiet und dessen vergleichender Prüfung festzustellen sein. Eins scheint unzweifelhaft: daß neben der verschiedenartigsten Beeinflussung durch Zeit und Ort in den Gebilden des gesamten jüdischen Kunsthandwerks ein eigener Geist und eine uralte Kunstüberlieferung zutage tritt, deren Ursprung im Osten zu suchen ist. Der eigene Geist und die sich fortsetzende Überlieferung drücken allen Erzeugnissen des jüdischen Kunsthandwerks ein einheitliches Gepräge und einen einheitlichen Charakter auf. Die Besonderheit und Einheitlichkeit dieses Charakters rechtfertigen es vollauf, daß man von einer für sich bestehenden von anderen unterschiedenen jüdischen Kleinkunst spricht, ihr Schönheitswert verdient es, daß man sich seiner annehme. Was hat man bis heute hierfür getan? In einigen wenigen Instituten besteht so etwas wie ein jüdisches Museum, das ein verborgenes, kümmerliches Leben führt. Ist dies zureichend? Die Forschungsarbeit muß zielbewußt in Angriff genommen werden, reiche Mittel müssen ihr zu Gebote stehen, in allen Zentren des gegenwärtigen und vergangenen jüdischen Lebens müssen womöglich selbständige, allenfalls wohldotierte Sammelinstitute geschaffen werden, die mit Eifer und Methode die Sammelarbeit betreiben. Das so gewonnene Material muß in Fachorganen reproduziert und der allgemeinen wissenschaftlichen Arbeit zugeführt werden. Dann wird sich erweisen, daß der Weg zu einer neuen jüdischen Kunst über eine edle vergessene Kunst führt. Lemberg Sigmund Bromberg-Bytkowski LEBENS GRUND UND LEBENS GEHALT Mit einem Worte hat sich der israelitische Stil dem Menschheitsgedächtnis ganz besonders eingeprägt, mit dem Worte: „nicht!" Es ist eines der klassischen Worte der Bibel, von dem „du sollst nicht" der Zehngebote bis hin zum Schlußsatze des letzten Propheten: „daß ich nicht komme und die Erde mit dem Banne schlage!" Im Grunde und im Wesen ist es ein Ausdruck der Freiheit, ein undogmatisches Wort. Das Dogma will festhalten, festlegen auf einen für immer bestimmten Weg, auf ein endgültiges Schicksal. Das biblische Nicht steckt nur die Grenzen ab und läßt die vielen Pfade frei, die im Lande Gottes sind: einer ist der Weg, welchen du meiden sollst, und weithin erstreckt sich dir das Gebiet, wo die Schritte zu deinem Gotte hinführen. Die Geschichte menschlichen Suchens offenbart häufig die zwiefache Auffassung. Die eine glaubt, daß die Wahrheit die völlige und unabänderliche, die eine ist und bloß der Irrtum vielfältig und das Vielfältige daher der Irrtum. Die andere meint, daß eines das Falsche, Verkehrte ist, und daß zur Wahrheit die mannigfachen Wege, auch manche Umwege, hinweisen; der Richtungen zu ihr gebe es viele.