Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 12 (März 1917)
- Article
- Die Mischehen bei den deutschen Juden
- Date
- 1917-03-01
- Page
- 855 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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DATEN UND MATERIALIEN Die Mischehen bei den deutschen Juden Während in noch gar nicht weit zurückliegenden Zeiten die Mischehe zwischen Juden und Christen in Deutschland zu den großen Seltenheiten gehörte, hat sich das in den letzten Jahren beängstigend rasch geändert. Die kürzlich veröffentlichte Reichsstatistik für das Jahr 1914 zeigt bereits auf 100 rein jüdische Eheschließungen 53 Ehen mit Andersgläubigen. Niemand, wer die Soziologie des modernen deutschen Juden studiert, wird sich darüber wundern. Es handelt sich um einen Prozeß, den jeder aufmerksame Beobachter längst vorausgesagt hat, wie denn auch heute schon vorausgesagt werden kann, daß die Mischehe in Deutschland auch weiter sehr stark zunehmen wird. Dafür sprechen zwei Momente: erstens, die Beobachtung der sogenannten Oberschicht, und zweitens die Zustände in den großen Städten. Wer nämlich auf eigene Faust Statistik treibt und in jenen „Oberschichten" Auszählungen veranstaltet, der wird heute schon in gar manchen Kreisen statt der 53 Prozent 100 und mehr Prozent feststellen. Dabei ist es ziemlich gleichgültig, wie man den Begriff der sozialen Oberschicht faßt, ob man dabei in erster Linie an die materiell besonders Bevorzugten, oder aber an die geistig Führenden denkt. Der Verfasser dieser Zeilen hat einen eng umgrenzten Kreis von Schriftstellern ausgewählt und dabei gefunden, daß mehr als die Hälfte der in diesem Kreise lebenden Juden Mischehen eingegangen haben. Der zweite Beleg dafür, daß aller Voraussicht nach die Mischehe zum mindesten einstweilen zunehmen wird, ergibt sich, wie erwähnt, aus der Beobachtung in den Großstädten. Das, was die Juden in den großen Städten heute tun, wird erfahrungsgemäß in fünf oder zehn Jahren in den kleineren Städten Nachahmung finden. Nun zeigen die in der Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden veröffentlichten Stichproben für Berlin, Hamburg, München usw., daß dort die entsprechenden Zahlen viel höher sind als im Reichsdurchschnitt. Der Prozeß bedeutet nichts Geringeres als die denkbar schwerste Auf 1 ösungsgefahr für die deutsche Judenheit, die auch ohnehin von einigen anderen, nicht minder großen Gefahren umlauert ist. Am wenigsten denken wir dabei an die Taufe, die alljährlich nur einige hundert Opfer verschlingt. Viel wichtiger ist noch die Kinderarmut, die in den letzten Jahren geradezu dahin geführt hat, daß bei den deutschen Juden die Zahl der Todesfälle größer ist als die der Geburten. Die Gefahr der Mischehe aber besteht rein statistisch zunächst darin, daß nach den seitherigen Feststellungen 3/4 der aus diesen Ehen hervorgehenden Kinder als Christen erzogen werden. Eine weitere ganz eigenartige Gefahr ergibt sich, wenn man die Mischehe nach den Geschlechtern auszählt. Da stellt sich nämlich heraus, daß die Neigung zur Mischehe bei den Männern unvergleichlich größer ist als bei den Frauen. So heirateten beispielsweise im Jahre 1914 nicht weniger als 22,37 Proz. der aufs Standesamt gehenden jüdischen Männer Christinnen, während bei den Jüdinnen die entsprechende Zahl 17,37 Proz. ist. Was bedeutet das? Es bedeutet, daß durch diese Neigung der jüdischen Männer immer mehr jüdische Frauen keine Gelegenheit zur rein jüdischen Ehe haben. Folgende Zahlen mögen das veranschaulichen: in den Jahren 1902 bis 1904 gingen 8246 jüdische Männer Mischehen ein gegenüber nur 6398 jüdischen Frauen. Es sind also 1858 Frauen übrig geblieben. Besonders hervorgehoben sei, daß diese Mißverhältnisse zu Ungunsten der Frau sich von Jahr zu Jahr mehr bemerkbar machen. Ob irgend eine Reaktion, etwa das Erstarken der national-jüdischen Bewegung, oder aber auch die Verstärkung des Antisemitismus die von uns hier skizzierten Tendenzen aufhalten oder umkehren werden, ist schwer zu sagen.