Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 12 (März 1917)
- Article
- Christlich und christlich, jüdisch und jüdisch
- Date
- 1917-03-01
- Page
- 852 (sequence 2)
- Language
- German
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852 Bemerkungen niederzuringenden Feind. Die Stellung des Judentums unter den Völkern, jüdisch gefärbten Gedankenlebens neben andern Tönungen des Denkens scheint mir aber keineswegs auf feindselige Kämpferstellung hinauszulaufen; in der Geschichte des Christentums sehe ich, auf den immer wiederkehrenden Stufen der Hoheit wie in den Verzerrungen der Anpassung, einen Weg jüdischen Geistes durch die Völker der Erde; und das Wort von dem Splitter im eigenen Auge und dem Balken im Auge der andern hat ja wohl ein Jude zu Juden gesprochen. Sage ich in diesem Zusammenhang: Selbstgerechtigkeit ist nicht jüdisch, so versteht jeder, daß es eine Mahnung, ein Soll ist; gebrauche ich die nämlichen Worte in einer Polemik gegen das Christentum, um mit ihnen eine Aussage über jüdisches Wesen zu machen, so bin ich ein Selbstgerechter. Gustav Landauer Kuriositäten der Literatur Sehr geehrter Herr Redakteur! Sie haben mir das unlängst erschienene Buch „Galizien" von A. v. Guttry *) zur Besprechung übergeben, mit der Bemerkung: „Ich glaube zwar nicht, daß Sie hier viel Neues über die Juden Galiziens rinden werden. Vielleicht aber doch das eine oder das andere, das unsere Leser interessieren könnte." Sie haben sich geirrt. Herr A. v. Guttry bringt zwar nicht vieles — er fertigt uns galizische Juden auf kaum 17 Seiten seines 238 Seiten starken Buches ab —, dafür aber viel, namentlich viel Neues, unerhört Neues. Nicht nur über die galizischen Juden. Er behandelt sein Thema breit und weitherzig, indem er interessante Einblicke in Geschichte, Religion, Literatur, Sitten und Gebräuche des jüdischen Volkes überhaupt gewährt. Hier einige Stichproben: Der Rabbiner ist „unbeschränkter Herrscher" in der jüdischen Kultusgemeinde vermöge seiner Kenntnis der Mischna, der Gemara und endlich „des 14000 Gesetze umfassenden Kompendiums des Schulschen Arusch" (sie!) (S. 97). Herr A. v. Guttry versagt sich, auf die 14000 Gesetze des Schulschen Arusch einzugehen. Das würde, meint er, „zu weit führen". Er begnügt sich damit, hervorzuheben, „daß es bei der Fülle der Vorschriften für den Rabbiner ein leichtes ist, irgendeine *) A. v. Guttry: Galizien, Land und Leute. Mit 74 Bildbeilagen. 3. Auflage. Georg Müller Verlag, München 1916. ihm im Augenblick passende auszuwählen und deren Befolgung anzuordnen." Auch von den Chassidäern und ihren „speziellen Zadiks" weiß Herr A. v. Guttry viel zu erzählen, darunter folgendes: „Die Vorschriften des Talmuds werden nur insofern beachtet, als sie sich mit den Vorschriften des Zadiks decken." Mit den anderen jüdischen „Sekten" beschäftigt sich Herr A. v. Guttry nicht. Er beschränkt sich auf die bloße Feststellung der Tatsache: „Außer den Chassidäern gibt es noch die Karaiten und die Frankisten" — eine Entdeckung von unschätzbarem Werte. Waren wir doch bisher der Ansicht, daß die Frankisten vor 150 Jahren zum Christentum übergetreten wären. „Abgesehen von den Sekten — meint Herr v. Guttry — liegt auch sonst ein schwerer Nebel über der jüdischen Bevölkerung Galiziens, der Aberglaube ist tief eingewurzelt und befremdend wirken viele Bräuche und Sitten." Ais Beispiele führt Herr v. Guttry an: „Dann folgen gegen Ende des Jahres drei Wochen, die der Erinnerung an die Tempelzerstörung geweiht sind, und sechs Wochen strengen Fastens unter Tränen und Beten" (S. 101). Aber ganz besonders übel ergeht es den galizischen Juden am Osterfeste, am Passah: „Alle vorhandenen Nahrungsmittel und Gefäße müssen an einen Christen oder an einen Rabbiner verkauft werden, freilich mit Rückkaufsrecht" (S. 100/101). Schade, daß uns Herr v. Guttry nicht verrät, warum in diesem merkwürdigen Brauch der Christ gleichberechtigt neben dem — Rabbiner steht. „Für die armen Juden", schließt er mit einem teilnehmenden Stoßseufzer, „jedenfalls eine sehr rigorose Vorschrift." Ach, die rigoroseste Vorschrift ist leichter zu ertragen, als die traurige Erscheinung, daß krasse Unwissenheit über uns zu Gericht sitzen, ja, was weit schlimmer ist, uns bemitleiden darf. Herr A. v. Guttry tut beides. Ihr sehr ergebener A. R. Notiz zum Schaffen Oskar Baums Ich lernte Baum durch einen gemeinsamen Freund, einen meinen liebsten Freunde kennen. Das geschah vor vielen Jahren. Damals wußte ich von Oskar Baum nur, daß er in früher Jugend durch unglückselige Zufälle erblindet, daß er in einem Wiener Blindeninstitut erzogen worden war, wo er durch seine außer-