Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1917-02-01 · Heft 11 (Februar 1917) · p. 782

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 11 (Februar 1917)
Article
J. L. Katzenelson (Buki ben Jogli)
Date
1917-02-01
Page
782 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3101111-3101112-8875895-3101589--1088-3101680
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

782 Bemerkungen men das Herz in Wehmut ahnt, noch nicht ab, um jedem Schmerz gegenüber unanfechtbar zu bleiben? Oder erlitt unsere Literatur in den letzten Jahren keine bedeutenderen Verluste, deren Folgen für ihre Entwicklung und unsere Gesundung noch verhängnisvoller waren? Warum weiß das Herz keinen Trost? Dieser Tod schloß eine ganze Geisteswelt ab. Das verkörperte Ideal einer ringenden und verschwindenden Epoche wurde mit Katzenelson der kalten Erde des Petersburger Friedhofs übergeben. Er predigte keine Vereinigung der nichtjüdischen „Haskaia" und der jüdischen „Thora". Das taten seine Lehrer und Vorgänger. Er rang auch nicht um eine von innen heraus strömende Vollkultur, die den ganzen jüdischen Menschen einheitlich umfaßte. Dieses zu tun, suchen seine Nachfolger und Leser. Er stand dazwischen, als lebendige Verkörperung der von seinen Vorgängern ersehnten Vereinigung. Er lebte diese Synthese. Ein europäischer wissenschaftlicher Forscher und ein urwüchsiger altjüdischer Talmid-Chochom in einer Person! Dieser Synthese gesellte sich in seiner harmonischen und reichhaltigen Seele eine zweite, die noch seltsamer und segensreicher ist: die Synthese der exakten Forschung und der dichterischen Intuition. Viele Männer der Forschung haben wir, die in den Methoden der modernen Quellenkritik Bescheid wissen und die Urkunden selbst vortrefflich beherrschen, für die aber der einzige Gegenstand des Studiums die Ürkunden selbst sind, die toten Worte, hinter denen ihr Ohr kein pulsierendes Leben vernimmt. Und viele Männer von Geist und Intuition besitzen wir, für die aber das historische Gestern ein versiegeltes Reich bleibt. Er aber war Forscher und Künstler zugleich. Aus jeder Mischna und Bareita, die er in den Kreis seiner Untersuchungen zog, sprudelte ihm ein vielfarbiges warmes Leben entgegen, und unter dem Zauber seiner belebenden Feder erhielten die Geisteskämpfe der Propheten mit den Priestern, der Saduzzäer mit den Pharisäern, der Schule Hillel mit der Schule Schamaj Blut und Reiz. Ein Dichter auf dem Dozentenkatheder war er. Und dieser Weise war mit uns. Wie wenige Fachmänner von Wissen zählen gerade wir in unseren Reihen! Ein Fluch ruht auf der jüdischen Regeneration und auf der jüdischen Wissenschaft zugleich, daß sie beide voneinander durch eine unglückselige Kluft getrennt sind. Für ihn galt sie nicht. Sein Wissen und seine Kunst gehörte dem auferstehenden Juden. Wohl machte er nicht alle Seine Kämpfe mit. Seinem harmonischen kindlich reinen und liebevollen Wesen war die Härte des Kampfes fremd. Sogar in seinen Jugendfeuilletons, die an die ihrem Volke entfremdete russisch-jüdische Intelligenz gerichtet waren und die Lüge dieser Entfremdung so unbarmherzig brandmarkten, war keine Spur von Zorn sichtbar. Wie ein guter Großvater strafte er, wie ein alter Arzt, der einen nervösen Kranken behandelt. Aber sein Schaffen und sein Segen gehörte uns. Die meisten seiner Werke schrieb er hebräisch, nach seiner Palästinareise im Jahre igio begann er auch seine russisch geschriebenen Werke ins Hebräische zu übertragen. Der vor kurzem geschaffenen jiddisch-politischen Tageszeitung versprach er seine inhaltreiche Autobiographie jiddisch niederzulegen. Als er die Hauptredaktion der russisch-jüdischen Enzyklopädie übernahm, sprach er zu einem seiner Mitarbeiter: sie wird mir eine Schule sein, damit die hebräische Enzyklopädie, die ich bald zu redigieren hoffe, lückenlos werde. Und als er nach seiner Rückkehr aus Palästina in das schlichte Auditorium der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums trat, um seinen Kursus über die Geschichte des Talmuds fortzusetzen, und statt der ordentlichen Vorlesung eine begeisterte Schilderung seiner Palästinaeindrücke gab, da leuchtete sein Silberhaupt und die jugendlichen Augen strahlten auf: Kinder, hieß es, was machen wir hier, verpflanzen wir uns nach Jerusalem. Die jüdische Öffentlichkeit, die sich nach einer schönen und urjüdischen Persönlichkeit sehnt, beugte sich mit Anerkennung und Hingabe vor ihm. Wie weit entfernt waren die Petersburger jüdischen Politiker und die Leiter der großen jüdischen Gesellschaften, die alten wie die neuen, von der Geistesrichtung dieses Mannes; und doch erwählten sie ihn schweigend und einstimmig zu ihrem Ersten. Weil jeder Bruchteil des jüdischen Volkes das Vorbild eines großen Juden liebevoll im Herzen trägt und sich nach seiner Verwirklichung sehnt. Das alles war Dr. J. L. Katzenelson für die Literatur, für die Wissenschaft, für die Bewegung, für die Öffentlichkeit. Für die aber, die das Glück hatten, ihn persönlich zu kennen, seinen weichen Blick auf sich gerichtet zu fühlen, in seinem Arbeitszimmer zu weilen, seine Schüler zu sein, für die bedeutete er unendlich viel mehr: sie Hebten ihn. Daher trifft der Schmerz so tief. R. Salman

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.