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Der Jude · 1917-02-01 · Heft 11 (Februar 1917) · p. 779

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 11 (Februar 1917)
Article
Wenn Kinder sterben ...
Date
1917-02-01
Page
779 (sequence 2)
Language
German
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Bemerkungen 779 Ludwig Franz Meyer,*) der am i. Mai 1915 in Polen gefallen ist. Und als ich sie gelesen hatte, und mir inne ward, daß dieser Judenknabe tot ist, da kam es über mich: Sie haben keinen Tröster .. . Das ist kein Buch, das literarisch eingeschätzt werden will. Es ist ein Dokument, aus dem eine ganze Generation von Kindern redet, die gestorben sind, bevor sie noch zu leben begonnen haben; in diesen Versen eines jungen Menschen, eines noch ungewordenen Dichters ist ewige Jugend: der erste Morgengruß an das Leben, ein Ahnen von Schönheit, Größe und Liebe, ein unbeholfenes Stammeln des Glückes und des Leidens. Aber noch mehr ist darin: das erste Bewußtsein einer großen, heiligen Aufgabe, das Feuer der Tat. Dieser kindliche, reine Jüngling war berufen, ein Gerechter zu werden und an der Erlösung eines Volkes teilzunehmen. Nun ist er tot. Und hinter ihm steht die große Zahl jener, die mit ihm hinabgegangen sind, und deren Sprecher er War. — Ihr, Ihr, die mit diesem zusammen die große Schuld zu tilgen habt, ihr Bürgen, Solidarschuldner, wisset, daß ein mächtiger, reicher Zahler weggefallen ist, bevor er noch zum Zahlen kam. Euere Schuld hat sich erheblich vergrößert. Gott und das Volk — Wer wird ihnen ersetzen, was diese Menschen geleistet hätten, die als Kinder gestorben sind, bevor sie ihr Gelöbnis erfüllen konnten? Ihr, die ihr noch am Leben seid, stehet ein für diese Toten! Brüder, wir wollen uns zusammentun und versuchen, Wenigstens einen Teil des großen Schadens zu ersetzen, den wir niemals ganz Werden herstellen können! Es gibt für uns keinen Tröster und keinen Trost. Aber eine heilige Verpflichtung, daß Wir zu den Taten, die uns selber aufgegeben sind, noch die andern zu vollbringen haben, die jener großen Schar von Toten ungetanes Werk sind. Robert Weltsch Heine-Biographie Ein Dichter bedarf zum Verständnis seines Künstlertums keiner Biographie: das Lebendige, das die Geschlechter überdauert, ruht ausschließlich in seinen Werken, und der Ablauf seines Lebens, die Beziehung zu seiner Zeit, kurz das Zufällige seiner Erscheinung ist nur da .von Wichtigkeit, wo es in sein *) Ludwig Franz Meyer, Gedichte. Im Auftrage der Mutter des Verfassers herausgegeben und eingeleitet von Emil Cohn, Bonn. Berlin I0*<5> Jüdischer Verlag. Schaffen wirklich einging. Gerade auch die allgemeinste Einreihung seiner Persönlichkeit, sein Zusammenhang mit Land und Volk, kann nur an den Schöpfungen seines Geistes erkannt werden; niemals läßt sich aus dem Leben, aus Biographie und Geschichte das Werk, sondern bestenfalls aus dem Werk das Leben ablesen. Und wenn umgekehrt sein Werk nicht genügt, um hinlänglich für die Persönlichkeit zu sprechen, wenn hinter dem Dichter erst „sein Leben und seine Zeit" zur Erklärung oder Auffüllung gesucht werden muß, dann blieb gewiß auch der Dichter selbst ein Torso, und seine Begabung hat vor der ersten Forderung aller Kunst versagt: eine in sich ruhende, voraussetzungslose, den Leser durch sich selbst bezwingende Welt hervorzubringen. Es ist gar keine Frage, daß Heine die biographische Ergänzung weniger als jeder andere entbehren kann. Das verletzende Gemisch von echter Glut und kaltschnäuziger Ironie, von sprachlicher Kraft und feuilletonistischer Spielerei, womit er uns auf jeder Seite überfällt, sein Schaukeln zwischen Kunst und Politik, zwischen Europa und Judentum, zwischen Gott und dem plattesten Atheismus, die hundert Gesichter, die er aufsteckt und von denen keins das wahre zu sein scheint, weil keine einheitliche Grundstimmung die ewig sich verlierenden Teile zusammenhält, — solche Leistung rechtfertigt sich nicht durch sich selbst. Man wird sie entweder von vornherein ablehnen oder man wird immer wieder nach dem Wie und Woher seines Lebens fragen müssen, um den Antrieb zu einer so chaotischen Kunstübung zu finden. Diesen Versuch hat neuerdings Max Fischer in einer kleinen Schrift „Heinrich Heine, der deutsche Jude" gemacht, und zwar beginnt er damit, ganz allgemein die Lage des modernen Westjuden zu charakterisieren, dessen tragisches Erlebnis „sich nirgends tiefer und schmerzlicher abgespielt hat, als in der gefühlsamen Künstlerseele Heinrich Heines". Er sieht also in Heine nicht nur ein persönliches Schicksal, sondern macht für ihn die Emanzipationswehen des deutschen Judentums verantwortlich, jene fragwürdigste Erschütterung, die je ein Volk zu bewältigen hatte. Mit Recht: denn daß Heine wurzellos und zerrissen, ein Empfinder ebenso wie ein Anempfinder war, das erschöpft ihn nicht, das hat er mit recht vielen unsicheren Geistern gemeinsam, es wäre nichts als ein persönlicher Mangel, den niemand seiner Leistung anzurechnen brauchte. Heines Krankheit ist in Wahrheit eine Volkskrankheit, 54*

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