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Der Jude · 1917-02-01 · Heft 11 (Februar 1917) · p. 778

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 11 (Februar 1917)
Article
Volk
Date
1917-02-01
Page
778 (sequence 2)
Language
German
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778 Bemerkungen sie können. Ich muß gestehen: die Empfangenden sind hier die ethisch eigentlich Gebenden — sicher werden sie vielfach auch materiell später alles wieder der Allgemeinheit zurückerstatten, und jedenfalls liegt in ihrer Art zu nehmen meistens etwas von der Unterwürfigkeit des Betteins so absolut Verschiedenes, etwas so Menschliches und naiv Schönes . . . Dieses Volk ist auch noch in Lumpen das ethische Ferment Europas. Im europäischen Kriege nimmt es Partei nicht für die Einen und nicht für die Anderen, nicht für vermeintliche Befreier oder gegen offensichtliche Bedrücker, sondern für etwas gänzlich Irreales, das jenes deutlich zurückdrängt: für eine sicher zu erwartende und notwendig kommende göttliche Gerechtigkeit, die sich nicht im mindesten nach Gewalt und Macht kehrt, aller geschichtlichen Begründung in diesem Kampfe feindselig und verachtend Hohn spricht, und allein gemäß dem geoffenbarten heiligen Worte verfährt. Dieses Volk ist zum Leiden freiwillig bestimmt, da es die Werte des physischen Geschehens aus innerster Notwendigkeit als inferior ansieht — ich glaube, hier liegt der Grund für alle Schwierigkeiten seiner Erziehung zum „staatlichen" Denken: vielleicht ist Staatlichkeit für solches Volksein ein innerlich überwundener Standpunkt, den anderen Völkern neidlos überlassen... All dieser Geistigkeit fehlt nur neue Form, da die ältere nicht mehr das Ganze zu fassen vermag. Und wahrhaftig ist die gesamte Kultur Europas nicht zu gut, um einer solchen neuen Form äußeren Umriß zu geben: im jüdischen Geistesleben haben eben Kunst und Wissen, von Einzelnen ganz um ihrer selbst willen getrieben, nur als Vorposten des eigentlichen Seins Gültigkeit, erst recht aber das ganze Wirtschaftsleben, dieses größte Blendwerk der neuesten europäischen Staatsentwicklung ... H. G. Wenn Kinder sterben ... (Aus dem Felde) In einem jüdischen Hause fand ich am Sukkothfest ein Machsor, und las darin folgenden Midrasch zu Koheleth IV, i: „Ich kehrte mich um und sah alle die Geraubten unter der Sonne, und die Tränen der Geraubten, die sie weinen, und sie haben keinen Tröster ... Damit sind die kleinen Kinder gemeint, die vor ihrer Zeit sterben. Denn wie ein Kaufmann in die Stadt geht, um Geld auf ein Pfand zu leihen, so hat Gott den Juden die Thora nur gegen ein Pfand gegeben: das sind die Kinder. Wenn das Geschlecht der Thora nicht achtet, dann sterben die kleinen Kinder, um der Sünden der Väter willen, und das ist die Schmach für die Väter. Zweierlei Pfand ist gegeben: das eine sind die Gerechten, das andere die Kinder. Der Unterschied ist folgender: Wenn ein Mann seinen Freund besucht und dessen kostbares Gerät zerbricht, dann muß er, wenn er ein Reicher ist, den Schaden in Geld ersetzen, und so dem Hausherrn, Wenn schon nicht den Gebrauch seines Gerätes, so doch einen Ersatz dafür wiedergeben. Ist er aber ein Armer, dann hat der Hausherr weder das Gerät noch einen Ersatz. Ebenso Gott: wenn ein Gerechter (Zaddik) stirbt, der schon viele gute Taten getan hat, so könnte es sein, daß ein Mann, der sieht, daß Gerechte sterben, sich besinnt und zurückkehrt zur Thora und guten Werken, um Gott das zu ersetzen, was er durch den vorzeitigen Tod des Gerechten verloren hat. Wenn aber ein Kind stirbt, das noch gar nicht zu leben begonnen hat, wer könnte diesen großen Schaden ersetzen? Denn dieses hätte ein Gerechter werden können, vom Beginn bis zum Ende seines Lebens. Und selbst wenn der Vater des Kindes von nun ab der Thora und den guten Taten lebt, kann er den Verlust nicht ersetzen. Das hat auch Salomo der König gewußt, und darum sagt er: sie haben keinen Tröster... Und noch ein Unterschied ist, ob Gerechte sterben für die Sünden des Geschlechtes oder ob Kinder sterben: jene haben doch schon gelebt, und haben vielleicht schon Mitschuld, haben vielleicht schon einmal den Geschmack einer Sünde verkostet; diese aber haben sicher noch nie von einer Sünde gekostet und sterben nur für fremde Schuld. Dazu ein Gleichnis: Ein Mann hatte seine Tochter verheiratet und nahm den Eidam zu sich ins Haus. Da kamen einst seine Gläubiger, ihn an alte Schulden zu mahnen. Der Mann schickte schnell den Eidam fort in das Haus seines Vaters, damit er nicht diese Schande leide. Als nun seine eigenen Kinder ein Geschrei erhoben: warum uns dieses Schlechte?, da sagte der Mann: ihr habt mit mir von dem Gelde genossen, so müßt ihr mit mir das Schlechte leiden; er aber, der nichts genossen hat, warum sollte er das Schlechte leiden? — Ebenso ist es, wenn kleine Kinder sterben für die Sünden des Geschlechtes. Darum heißt es: Sie haben keinen Tröster.. Am nächsten Tage des Sukkothfestes erhielt ich von einer Freundin die Gedichte des Knaberi

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