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Der Jude · 1917-01-01 · Heft 10 (Januar 1917) · p. 705

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 10 (Januar 1917)
Article
Ein Bialikbuch
Date
1917-01-01
Page
705 (sequence 2)
Language
German
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Bemerkungen 705 von Lipschitz eingehen, der die Sprache Bialiks bis in die kleinsten Details verfolgt (Gebrauch des Status constructus, Ausdruck der Gegenwart, literarische Anspielungen und Reminiszenzen in der Wahl der Worte usw.). Wie lieb, innig und gar nicht langweilig die Philologie da ist! In merkwürdigem Gegensatz zum Stil der Bialikschen Gedichte steht seine Prosa. Hierüber verbreitet der über Inhalt und Sprache des Bialikschen Werkes gleich vielseitig orientierende Aufsatz von Jakob Rabbinov/icz viel Licht. In den Gedichten flimmert, glitzert, strahlt, flammt alles, in Farben, in Lichtern, in Leidenschaft. Ob Bialik vom „Glänze" singt, vom „Teiche", vom „Winter", immer ist er der Südländer, der starke, satte Farben haben muß, und mehr noch als Südländer Orientale darin, daß schließlich das Pathos der Seele auch noch alle Plastik der Darstellung verschlingt In seiner Prosa dagegen bemüht sich Bialik mit vollem Bewußtsein um einen nördlichen Stil, um graue Farben und Stimmungen. Bialiks unbedingte Wahrhaftigkeit mag hier im Spiele sein, die den Prosaiker zu einem extremen Realismus führt. Wie er in seine Gedichte nirgends das Alltagsleben hineinspielen läßt — das z. B. in Tschernichowskis Idyllen so herrlich dahinflutet — so verbietet sich Bialik, seine eigene Sprache zusprechen, wenn er dieses Leben in seiner Prosa schildern will. Er verwendet hier die Sprache Mendeles, jenes dialektartige Mischnahebräisch, mit dem Mendele glücklich das Jiddische nachahmt, dem aber alle Grenzen des Dialekts gezogen sind. Rabbinowicz zeigt, wie der Gegensatz der jüngeren hebräischen Erzähler Gnessin, Schofmann, Jakob Steinberg, Schneor, Fichmann zur Prosasprache Mendeles eine Wiederholung des Gegensatzes von europäischer und Heimatkunst in andern Kulturen bedeutet. Bialik blieb in seiner Prosa treuer Schüler Mendeles. Es ist unmöglich, hier einen Auszug aus den Beiträgen des Buches zu geben, die den inneren Werdegang der Bialikschen Poesie verfolgen. Das Phänomen, das fast alle Mitarbeiter des Buches am meisten beschäftigt, ist Bialiks Schweigen in den letzten Jahren. In neun Jahren hat er neun Gedichte veröffentlicht; das ist alles. In einem andern Schrifttum, das weniger intim und weniger intensiv ist wie das unsere, hätte eine solche Zurückhaltung den Namen des Dichters längst vergessen gemacht; Bialik hat nicht aufgehört, der Meister zu sein und jedes seiner kurzen Gedichte war immer wieder eine Offenbarung. Heft xo. Eine Offenbarung, die freilich auch Trauriges enthüllte. Seine letzten Gedichte bedeuten einen Gipfelpunkt seiner lyrischen Kunst, seine Zeilen werden immer einfacher, tiefer und inniger, aber sie enthüllen in ihrer restlosen Wahrhaftigkeit eine grenzenlose Einsamkeit und eine tiefe Trauer. Vor 20 Jahren schrieb Bialik zionistische Gedichte, die voller Mut und Zuversicht waren, dann kam der Höhepunkt der nationalen Hoffnungen unter Herzl, für Bialik die Zeit seiner schönsten Schöpfungen (Der Glanz, Der Teich, Zwerge der Nacht usw.); vor 15 und 10 Jahren hatte er noch das gewaltige Pathos der Anklage, das in der „Stadt des Mordens", dem Kischinewgedicht, schauerlich widerhallt — in den letzten 10 Jahren findet sein Lied keinen Anschluß mehr an das nationale Schicksal. Während der Privatmann Bialik mit unermüdlichem Eifer als Herausgeber und Übersetzer national tätig ist, während er uns das liebe Sagenbuch Sefer ha-agadah sammelt, verstummt uns der Dichter; und wenn er singt, ertönen die furchtbaren Fragen: „Man sagt, es gebe eine Jugend. Wo ist meine Jugend? Man sagt, es gebe Liebe in der Welt. Was ist Liebe? Die Sterne haben mir gelogen, es war ein Traum, er ist vorbei. Jetzt habe ich nichts in der Welt, gar nichts---" J. Ch. Brenner meint: Wäre das nationale Schicksal nicht so dunkel, wären die nationalen Kräfte lebendiger und würden sie den Dichter in den großen Strom mitnehmen, dann wäre er nicht das Opfer seiner traurigen Stimmungen. So aber — was bleibt ihm, als in seinen Wunden zu wühlen? Am Schlüsse des Buches steht — eine erschütternde Bestätigung von Bialiks letzten Gedichten — ein Bericht K. L. Silmans über des Dichters Aufenthalt in Palästina vor 7 Jahren. Bialiks Reise durch Erez Israel, eine Triumphfahrt, war dem Dichter ein Schmerzensweg. Den lauten Trinksprüchen antwortet er, indem er sein Gedicht liest: „Ach verwelkendes Gras ist das Volk." Und dann steht er mitten in einer Versammlung auf, geht hinaus und setzt einem Freunde im Wandelgang draußen Otto Weiningers Ansichten über das Judentum auseinander--- Nicht ein Wort hat Bialik über seine Reise veröffentlicht--- Und doch, wie Bitteres uns dieser Band „Beschaa su" sagt, es ist doch ein Trost, daß er in solcher Wahrheit und so inniger Liebe jetzt in Palästina geschrieben wurde. Für uns alle spricht A. M. Boruchow, wenn er an die Spitze des Buches die Worte setzt: Mann Bialik, wo bist du? Hugo Bergmann 49

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