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Der Jude · 1917-01-01 · Heft 10 (Januar 1917) · p. 667

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 10 (Januar 1917)
Article
Mendelssohn und seine Kinder
Date
1917-01-01
Page
667 (sequence 3)
Language
German
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Gustav Mayer: Liberales Judentum im Vormärz 667 selten mit einem flüchtigen D. gezeichnet; ein vornehm gedämpfter Stil verschleierte ihre scharfen Züge. Dorothea meidet alles Akzentuierte, „Ostentative"; aus diesem Grunde — sie gibt diesen Grund an — ist ihr der Katholizismus wie das Judentum verhaßt. In einem gemäßigten Protestantismus sucht sie die Weihe für ihre Lebensführung, Aber die kunstvoll verhüllte Leidenschaftlichkeit bricht doch durch — im Eifer, mit dem sie alles Menschliche geißelt. Schon erscheint ihr die himmlische Seligkeit verdächtig. Ist der Unsterblichkeitsglaube nicht eine Verstiegenheit, eine Anmaßung menschlichen Hochmuts? Und eines Tages kommt der völlige Zusammenbruch. Die Schwungkraft der in mühsamer Zucht sublimierten Seele versagt und die zersprengten Kräfte lassen sich nicht mehr meistern. Vergeblich sucht die verwüstete Seele im Taumel mystischer Verzückungen, im Dämmerlicht katholischer Kirchen das zersplitterte Ichgefühl, das Einheitsbewußtsein wiederzugewinnen und krampft sich in jäher Erleuchtung zu neuen Taten empor, es ist nur mehr ein ohnmächtiges Gewährenlassen über den Kopf gewachsener dunkler, unseliger Triebe. Und Dorothea wird zum „Dämon", wie sie die um Schlegel besorgten Freunde nennen, zur rücksichtslosen Proselytenmacherin, die das Vertrauen des Vaters ihrer Kinder mißbraucht. Sie, die verinnerlichte, der es widerstrebte, ein öffentliches Bekenntnis abzulegen, ist nun eifrig bemüht, für ihre Söhne einflußreiche Taufpaten auszusuchen. So wandelte sich Dorotheas demütiger Sinn. Es war nicht die Demut, die Herablassung und Erhabenheit vereint. Es war Sklavenunterwürfigkeit, die sich rächt. Berlin R. Bernstein-Wischnitzer LIBERALES JUDENTUM IM VORMÄRZ (Zwei Briefe Johann Jacobys) Im Judentum finden sich Religion und Nationalität auf eine wenigstens für die moderne Zeit ganz einzigartige Weise miteinander verwachsen. Das ist keine Entdeckung von heute: seitdem die hermetische Einschließung der Juden in ihre dunklen Viertel dem Ende entgegenging, drängte sich das Problem, ob sie als Volk oder als Religionsgemeinschaft anzusehen und zu behandeln seien, ihnen selbst wie den Christen zur Lösung auf. So wird in Preußen-Deutschland gegenwärtig nicht zum erstenmal leidenschaftlich darüber gestritten, ob die Juden eine nationale Sonderheit zu erhalten und zu betonen haben, ob sie nur die Religion als Überrest ihrer ehrwürdigen Geschichte bewahren sollen oder ob Ahasver allein zur Ruhe kommen kann, nachdem er von der Vergangenheit rückhaltlosen Abschied genommen hat. Jene Generation, die in Deutschland den modernen Rechtsstaat erkämpfen wollte, hatte zu der Alternative Stellung zu nehmen, ob die staatliche Praxis die seit undenklichen Zeiten in das Gestein des deutschen Volkes eingesprengte Judenheit bloß als eine religiöse oder als eine volksfremde nationale Gemeinschaft behan-

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