Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 10 (Januar 1917)
- Article
- Mendelssohn und seine Kinder
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 666 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
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- IRI
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666 R. Bernstein-Wischnitzer: Mendelssohn und seine Kinder Satzungen veränderlich. Vor einigen tausend Jahren war die jüdische Form die herrschende, dann die heidnische, jetzt ist es die christliche. . . Wir, deine Mutter und ich, sind von unseren Eltern im Judentum geboren und erzogen worden und haben, ohne diese Form verändern zu müssen, dem Gott in uns und unserem Gewissen zu folgen gewußt. Wir haben Euch, Dich und Deine Schwester, im Christentum erzogen, weil es die Glaubensform der meisten gesitteten Menschen ist und nichts enthält, was Euch vom Guten ableitet, vielmehr manches, was Euch zur Liebe, zum Gehorsam, zur Duldung und zur Resignation hinweist, sei es auch nur das Beispiel des Urhebers, von so wenigen erkannt und wenigeren befolgt. Du hast durch Ablegung Deines Glaubensbekenntnisses erfüllt, was die Gesellschaft von Dir fordert, und heißest eine Christin. Jetzt aber sei, was Deine Menschenpflicht von Dir fordert, sei wahr, treu, gut, Deiner Mutter, und ich darf wohl auch fordern, Deinem Vater bis in den Tod gehorsam und ergeben, unausgesetzt aufmerksam auf die Stimme Deines Gewissens, das sich betäuben, aber nicht berücken läßt. ♦. Es ist vielleicht auch gut so, daß die kleine Fanny nicht weiter über diesen eigentümlichen Einsegnungsbrief nachgedacht hat. Sie würde sonst um die arme zerquälte Seele ihres Vaters geweint und schweren Herzens, zögernd die Brücke betreten haben. Henriette Mendelssohn erbte vom Vater literarische Begabung und eine verwachsene Gestalt. Beides machte ihn zum Weisen, sie zur Gouvernante, Die tadellose Erzieherin höherer Töchter war sittlich entrüstet über den Übertritt der älteren Schwester Dorothea, folgte aber deren Beispiele, als es sich darum handelte, Gesellschafterin bei einer Generalstochter zu werden. * Es war ordentlich eine Erleichterung für Caroline Schlegel gewesen festzustellen, daß ihr Berliner Gast, Friedrich Schlegels Geliebte, von deren Vorzügen ihr der Schwager so viel vorgeschwärmt hatte, auch lachen konnte. Dorothea Veit lachte und ging willig auf jeden Scherz ein, obzwar sie bitter enttäuscht war, da Caroline sich kaum Mühe um sie gab. Und sie sah demütig der Bekanntschaft mit Schlegels Schwester Charlotte entgegen, ängstlich um den Eindruck besorgt, den sie machen würde. Sie wollte allen gefallen, alle mit ihrer Milde bezaubern. Es war aber kaum die göttliche Demut, die mit Erhabenheit geparte Herablassung, von der Moses Mendelssohn in seinen väterlichen Anweisungen in den „Morgenstunden" gesprochen, kaum die von Schleiermacher gepriesene Tugend der Schamhaftigkeit. Was sie darunter verstand — sie äußerte sich einmal darüber — war das Bewußtsein der Blöße, das Grauen vor der Erbärmlichkeit. Schleiermacher dachte sich unter der Schamhaftigkeit den Schauer der Heiligkeit, die Ehrfurcht vor dem nackten Menschentum. Und auch Mendelssohn heiligte den Menschen, den jüdischen Menschen, spürte liebevoll den Quellen seines Wesens nach, fand sie reinen Ursprungs und segnete sie und schützte das Judentum, die heiligen Quellen, vor Verunreinigung. Seine Tochter Dorothea verabscheute das alte Judentum, verschüttete die Vergangenheit, verdeckte die Blöße. Das Judentum war ihr die Blöße, der man sich schämte, die Sünde. Sie sühnte in Zerknirschung. Name und Art sollten getilgt werden. Sie ließ ihren Roman „Florentin", Verse, Kritiken, Übersetzungen anonym erscheinen,