Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 10 (Januar 1917)
- Article
- Mendelssohn und seine Kinder
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 665 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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R. Bernstein-Wischnitzer: Mendelssohn und seine Kinder 665 MENDELSSOHN UND SEINE KINDER Friedrich der Große liebte Porzellan, den Schmelz seiner leuchtenden Farben, die Sprödigkeit der zerbrechlichen Formen. Die Berliner Manufaktur kämpfte mit Schwierigkeiten. Da übernahm sie der König, verstaatlichte den Betrieb, hob die Leistung durch Berufung Meißner Künstler und sorgte für den Vertrieb der Erzeugnisse. Dem Unternehmen sollte eine gesunde Grundlage unterbaut werden, derer es bedurfte, um die köstlichen Figurinen, Miniaturen, Vasen, Service — man denke an den berühmten Tafelaufsatz für Katharina IL — ausführen zu können. Die kostspieligsten, die mühsamsten Versuche durften nicht gescheut werden, wie sie z. B. mit der leider mißglückten Reiterstatue des Großen Kurfürsten gemacht wurden. In den königlichen Werkstätten hatte nur ungehinderte Schaffenslust zu walten. Der Absatz wurde durch Kaufzwang gesichert, und zwar so, daß jeder Jude für eine bestimmte Summe Porzellan abnehmen mußte. „Moses Mendelssohn bekam zwanzig lebensgroße massiv porzellanene Affen." * Die Herzogin von Kurland sah gerne in ihrem Palais unter den Linden (jetzt russische Botschaft) und draußen in Friedrichsfelde erlesene Geister um sich. In zwangloser Unterhaltung — in diesem Salon schienen alle Standesunterschiede aufgehoben zu sein — durften hier die Ideen einer neuen aufgeklärten Zeit verfochten werden. Eines Tages, ob Zufall oder sinnige Absiebt, den jüdischen Philosophen zu ehren, wurde in Gegenwart Mendelssohns aus „Nathan dem Weisen" vorgelesen. Man lauschte andächtig Ramlers Vortrage. Aber als er zu Ende war, ließen sich alle zu lauter Bewunderung hinreißen. Man rühmte die wahren Gedanken des Autors, den trefflichen Charakter des Helden. „Möses Mendelssohn saß mit verschlossenem Munde da und seine Seele schien sich bloß in die Augen zurückgezogen zu haben." * Mendelssohn sagte: „Ich habe bisher die Geschichte mehr für die Wissenschaft des Bürgers als des Menschen gehalten, und geglaubt, ein Mensch, der kein Vaterland hat, könne sich von der Geschichte keinen Nutzen versprechen." Nichtsdestoweniger übte Mendelssohn wackere Bürgerspflicht aus, als er dem großen König die „Poesies diverses" tadelnd vorhielt. Er, der nur Mensch sein wollte, nur Mensch sein konnte — weil er kein Vaterland sein eigen nennen durfte — gebärdete sich als Bürger . . . ohne sich übrigens in der „Wissenschaft des Bürgers" zu bewähren. Denn es brauchte ihm um die deutsche Sprache wahrlich nicht bange zu sein; die hatte, Gott sei Dank, ihren Lessing und ihren Winckelmann. Die hebräische Sprache aber hatte keine Namen von solchem Klang aufzuweisen, als Mendelssohn die Bibel verdeutschte. Er tat es für seine Kinder. Die Kinder traten das Erbe an und bauten es aus. Als Brücke. Mendelssohn hatte es nicht vorausgesehen - aus Mangel an historischem Sinn. * Der älteste Sohn Moses Mendelssohns Abraham an seine Tochter:.....Die Form, unter der es*] dir dein Religionslehrer gesagt, ist geschichtlich und wie alle Menschen- •) Vom Wesen des Göttlichen.