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Der Jude · 1916-04-01 · Inhalt · p. 64

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Inhalt
Article
Argumente / B.
Date
1916-04-01
Page
64 (sequence 2)
Language
German
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64 Bemerkungen niedergegangen, die beweisen: erstens, daß die polnischen Juden nichts taugen, also zu verschwinden haben; zweitens, daß sie zwar was taugen, also nicht zu verschwinden haben, aber naturnotwendig und geschichtsnotwendig verschwinden müssen; drittens, daß sie zwar nicht verschwinden müssen, daß sie aber klug daran tun würden, zu verschwinden, dieweil es ihnen so schlecht geht und es aufhören wird, ihnen schlecht zu gehen, wenn sie nicht mehr da sind; viertens endlich, daß sie überhaupt gar nicht da sind, dieweil es in Polen nur Polen gibt und also keine Juden geben kann. Beispiel des ersten Typus: Ein bekannter Schriftsteller — dessen sonstigem Gebiet das Thema zwar fern liegt, aber in einer Zeit wie diese darf man sich nicht scheuen, die übelriechendsten Dinge anzufassen! — erklärt die „Polnischen" für eine niedere Menschenart, denn sie lebten in eitel Furcht, zum Beispiel vor Gott. Verweist man auf die kindliche Zärtlichkeit, auf den unwiedergeblich vertrauten Tonfall des „Süßer Tatenju", womit die besagten Polnischen ihren Gott anreden, so antwortet unser Autor, das täten sie gerade aus Furcht, um sich bei dem Herrn einzuschmeicheln. In Anwendung dieser Logik könnte man etwa behaupten, die Deutschen lebten in eitel Berechnung, und wer darauf mit einem Hinweis auf die strenge Sachlichkeit ihrer Arbeit käme, dem wäre zu antworten, das täten sie gerade aus Berechnung, um den Völkern Sand in die Augen zu streuen. Beispiel des zweiten Typus: Ein namhafter liberaler Publizist (für die liberalen Publizisten waren bis zum Kriege alle Nationen ein reaktionärer Atavismus, jetzt ist es nur noch die jüdische) stellt fest, die Juden müßten sich an die Polen assimilieren, da sich nationale Minderheiten nun einmal aufzulösen pflegen, „sobald der absondernde und zusammenschließende Druck nachläßt". Solch «ine Konstatierung hat einen so exklusiven Klang von Gesetzmäßigkeit, daß der Leser gar nicht auf den Einfall kommt, sich zu überlegen, ob diese Gesetzmäßigkeit auch in Wahrheit besteht (ob z. B. die Deutschen in Siebenbürgen sich assimiliert haben), oder gar sich die Frage vorzulegen, ob Geschichtsanalogien so allgemeiner Art einem so einzigartigen und unvergleichbaren Fall gegenüber überhaupt der Charakter eines Arguments zukommt. Beispiel des dritten Typus: Ein wohlwollender (dieses Wohlwollen ist die eleganteste Form der Distanzierung) jüdischer Professor und öffentlicher Täter — der übrigens die Reinheit seines Typus nicht wahrt, sondern mir zwischendurch in den ersten hineinpfuscht, indem er die Unmoral der unbequemen und grenzsperrbedürftigen polnischen Juden nach bewährter Methode demonstriert, nämlich durch die Entdeckung, daß man unter ihnen Kupplern und Betrügerei begegne — ermahnt diese seine kompromittierenden Glaubens-Genossen, ihre Eigenart, die moralische wie die unmoralische, schleunigst aufzugeben, da sie nur auf diesem Wege aus ihrer bemitleidenswerten Lage herauskämen. Probaten est: die zweckmäßige Entjudung oder Heilung des Kopfwehs durch die Guillotine. Beispiel des vierten Typus: Ein aus Warschau verschriebener Assimilationsspezialist legt dar, daß die polnische Judenheit in allem Wesentlichen bereits im Polentum aufgegangen sei und daß man sie nur noch — nur noch von ihrer Sprache zu befreien brauche; sonderbar immerhin, daß er sich über dieses Nichtmehrseiende noch so zu ereifern vermag. Ihm sekundiert ein „polnischer Genosse", der allerdings eine andere Kleinigkeit als den peinlichen Erdenrest bezeichnet, der den polnischen Juden vom Paradies des Polentums fernhalte und ihm daher, nötigenfalls mit Gewalt, eiligst abzustreifen sei, nämlich die religiöse Überlieferung. Dieser selbige Genosse faßt seine Anschauung über das Problem in eine These zusammen, die zu meisterhaft formuliert ist, um nicht wörtlich angeführt zu werden: „Ob die Juden eine Nation sind — das ist eine Frage, die die Ethnographie zu entscheiden hat, und sie hat entschieden." Dieser Fanatiker der ihm, wie aus dem Wortlaut der These hervorgeht, von Grund aus unbekannten Wissenschaft weiß Bescheid. Der wohlwollende Professor weiß Bescheid. Der liberale Publizist weiß Bescheid. Der bekannte Schriftsteller weiß Bescheid. Sie wissen alle Bescheid. Wir wissen nicht Bescheid. Wir sehen nur. Wir sehen eine res sui generis, der gegenüber alles Analogiespiel versagt. Wir sehen den Schmutz und die Reinheit, die Verderbnis und die Treue, die Geschäftigkeit und die Inbrunst. Wir sehen die ringende Seele und die übergewaltige Not. Wir sehen im Herzen des neuen das alte, ungebrochene Judentum, das nicht zu beugen und nicht zu schwächen ist. Auf allen Gesichtern sehen wir die ungeheure Möglichkeit. Wir strecken die Hände aus: Brüder — laßt uns einander helfen, auszuharren und zu überwinden! B. Für die Redaktion verantwortlich; Dr. Max Mayer, Berlin-Wilmersdorf, Uhlandstrafie iio/iii. — Für Österreich-Ungarn; Dr. M. Präger, Wien I, Rotenturmstraße 22. — Verlag ron R. LÖwit, Berlin und Wien. — Druck Ton Oscar Brandstetter in Leipzig.

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