Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Inhalt
- Article
- Ostjuden
- Date
- 1916-04-01
- Page
- 63 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3101111-3101112-8875855-3101358--0106-3101447- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Bemerkungen 63 lustige Rätsel aufgibt und überhaupt scharfsinnig die Worte zu verdrehen weiß; eine Kulturgemeinschaft nämlich, weil sie sogar eine eigene Schrift besitzt und ihr Alphabet geheiligt hält; eine Betbrüderschaft nämlich, die „schiwoh" sitzt, „Jahrzeit" hält, „kaddisch" sagt, eine „chewro kaddischo" und kunstvoll gebaute Synagogen besitzt; einen Ghettojuden nämlich mit einem „scheinbar schwach entwickelten Ehrbewußtsein", einer knechtischen und gebückten Haltung und „dieser Unempfindlichkeit, mit der er Beleidigungen hinnimmt"; einen unsauberen Menschen nämlich mit einer „im Vergleich zu den westeuropäischen Geschäftsprinzipien geringeren Solidität"; eine unorganisierte Masse nämlich, deren „politische Gruppierung" man auf der zweiten Hälfte der 834. Seite erledigen kann; ein politisches Objekt nämlich, das deutschen Juden bei geschickter Handhabung manche Ehre für „gehabte Mühewaltungen" einbringen kann; einen willkommenen Anlaß nämlich, um mit Ministerien, Kommandanturen und Gouverneuren ins Gespräch zu kommen und sich überhaupt bemerkbar zu machen. Und wir Arglosen ahnten nicht, „daß es dicht vor unserer Tür so etwas gibt"! Aber wir fragen uns: ist dennwirklich das Kulturleben der Ostjuden mit Zizzis, Tallis und Jarmulke erschöpft, sind denn in der Tat unsere Juden im Osten nichts als eine „ehrlose" und „unsaubere" Gesellschaft, mit der man aber Mitleid haben muß, und der man aus liberaler Gesinnung sogar Autonomie schenken soll? Warum hat das Ostjudenheft der „Süddeutschen Monatshefte" uns einen veralteten zurückgebliebenen Typus des Ostjuden dargeboten und den neuen, selbstbewußten, sich selbst helfenden und auf seine Kraft vertrauenden Ostjuden vorenthalten? Warum ist das ganze, tief in das Dasein des Ostjuden einschneidende und besonders für die ostjüdische Intelligenz charakteristische politische Leben unterdrückt? Warum besaß man den traurigen Mut, dieses ganze schwerwiegende Kapitel der politischen Parteien und Strömungen, das dem modernen Ostjudentum sein eigentliches Gepräge gibt, in ein paer schalen, nichtssagenden Aufzählungen abzutun? Warum schildert man in breiter Behaglichkeit den orthodoxen Juden mit all seinen kleinen Sorgen und Kümmernissen, der sich aber schließlich in nichts Wesentlichem von einem frommen Frankfurter Juden unterscheidet, und warum ist die ganze jüdisch-nationale Jugend mit keinem Wort erwähnt, gleich als ob sie nicht vorhanden wäre? Warum ist das Judentum Bialiks und Tschernichowskis, Achad Haams und Nathan Birnbaums nirgends zu finden? Wo ist überhaupt mit einem Wort gesagt, daß es im Ostjudentum junge produktive Kräfte gibt, die sich vor dem Europäertum der westlichen Volksgenossen nicht zu verkriechen brauchen? Warum hat das Abgestandene der ostjüdischen Welt eine so offensichtliche Überbetonung erhalten? Die Antworten auf alle diese Fragen können auf eine zurückgeführt werden, von der aus dann all das Befremdende dieses Buches leicht erklärbar ist. Die Autoren des Ostjudenheftes vertreten zu ihrem größeren Teil eine Sache, für die sie sich nicht mit ihrem ganzen Wesen einzusetzen vermögen. Sie behandeln ihre jüdischen Volksgenossen wie eine wissen^ schaftliche Materie, mit der sie „sonst" nicht viel zu tun haben, oder bestenfalls als Objekt für philanthropische Betätigung. Sie sind die Schauspieler, die dem Publikum eine Vor-. Stellung geben, ohne sich mit dem schlechten Autor identifizieren zu wollen, sie sind die Rechtsanwälte, die von der moralischen Unantastbarkeit ihrer Klienten nicht überzeugt sind. Das gibt dem Ostjudenheft, das gerade die Welt, die es eigentlich zu schildern berufen war, unterschlagen hat, den falschen Ton, das kalte, unpersönliche Gepräge. Das ist der große Riß, der dem jüdischen Volksfreund die Lektüre des Heftes so schmerzlich und bitter macht. Ganz anders verdient das Buch unter dem Gesichtswinkel beurteilt zu werden, daß ein deutscher Verlag es unternommen hat, ein ostjüdisches Sammelheft herauszugeben. Wenn man bedenkt, daß bis vor Ausbruch des Krieges die Frage der polnisch-russischen und galizischen Juden allgemein als so peinlich empfunden wurde, daß man jede öffentliche Diskussion am liebsten vermied und, wo sie trotzdem unvermeidlich auftauchte (Pogrome, Ritualmordprozesse, galizische Landtagswahlen) mit einem gewissen Achselzucken abtat, gleich als ob man andeuten wollte, daß man „nichts Gewisses" wissen könne, so ist es in der Tat sehr dankenswert, daß plötzlich so viel guter Wille vorhanden ist, den bisher so arg vernachlässigten und stiefmütterlich behandelten Ostjuden eine gerechtere Beurteilung widerfahren zu lassen. Wir müssen anerkennen, daß von diesem Gesichtspunkt aus der Gedanke eines Ostjudenheftes eine schöne und bedeutende Äußerung deutschen Objektivitätsstrebens ist. M. M. Argumente Über die polnischen Juden ist in den letzten Monaten ein Trommelfeuer von Argumenten