Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Inhalt
- Article
- Antisemitismus
- Date
- 1916-04-01
- Page
- 62 (sequence 2)
- Language
- German
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62 Bemerkungen erscheinung, und nicht auf die gleiche Stufe mit allen anderen nationalen Antipathien und Gegensätzlichkeiten zu stellen ist. In die nationale Gegensätzlichkeit der nichtjüdischen Umgebung zu den Juden wird immer eine ganz besondere Note hineingetragen, weil eben die Juden eine ganz besondere Nation bilden, weil die Juden als Volk dem außenstehenden Beobachter nicht dasselbe Bild, wie alle anderen Völker bieten. Es ist schon längst auf den Umstand hingewiesen worden, daß der Antisemitismus mit dem Erstarken des nationalen Selbstbewußtseins innerhalb der europäischen Gesellschaft entstanden ist, und viele haben sich dadurch sogar veranlaßt gesehen, jede nationale Gesinnung überhaupt als eine Abart des Chauvinismus von vornherein zu perhorreszieren. Hier ist nicht der Ort, auf die Unrichtigkeit der letzten Schlußfolgerung einzugehen. Aber wahr bleibt es allerdings, daß der Antisemitismus den verzerrten Reflex einer vorwiegend nationalen Orientierung darstellt, und daß beispielsweise die grausamen Judenverfolgungen des Mittelalters nicht eigentlich als Ausbrüche antisemitischer Leidenschaften aufzufassen sind, da diese Verfolgungen nur den Bekenner einer gewissen Religion im Auge hatten, und von einem besonderen Gegensatze zum Semitismus damals nicht die Rede sein konnte. Erst die Einstellung auf das Nationale brachte auch natürlich die nationale Gegensätzlichkeit zum besonderen Bewußtsein, eine Gegensätzlichkeit, die nicht notwendig eine gehässige Wendung zu nehmen braucht. Was speziell die Juden anbetrifft, so hat sie eine ganz besondere Zuspitzung erfahren. Woran liegt das? Wie überall in solchen Fällen, wo es sich vornehmlich darum handelt, den sozial-psychischen Triebfedern einer gewissen gesellschaftlichen Erscheinung auf die Spur zu kommen, muß man sehr darauf bedacht sein, nicht die besonders auffallenden Verzerrungen dieser Erscheinung zum Ausgangspunkt zu nehmen, sondern muß jene sozial-psychische Konstellation ins Auge fassen, die solche Verzerrtheiten begünstigt. In der Gesellschaft gibt es viele Verhältnisse, die eine lange Zeit hindurch sich sozusagen in einem labilen Gleichgewichtszustande befinden und denen daher schon ein leiser Anstoß gefährlich werden kann. In einer derartigen labilen Gleichgewichtslage befindet sich die Judenheit der Diaspora. Der Jude wird wohl als Nationalität gefühlt, aber nicht als solche erkannt, denn die Juden als Nation bieten dem Außenstehenden keine festen Umrisse, an die dieser sich halten könnte, es gehen ihnen alle jene üblichen Merkmale ab, die er von jeher als nationbildende aufzufassen gewohnt war. Diese Inkongruenz zwischen Fühlen und Erkennen erzeugt eine gewisse Spannung, die den geeigneten Boden für allerhand sozialpsychische Explosionen schafft. Jedes Gefühl, dessen Objekt unbestimmter, schwankender Natur ist, nimmt einen unruhigen Verlauf und mündet in einen Affekt aus. Der Jude ist nirgends und überall, man kann ihn nicht fassen, er läßt sich in keine festbegrenzte Kategorie bringen, er ist dies und jenes, er ist nichts und alles — und wenn nun bei dieser Sachlage ein wirklicher nationaler Antagonismus ausbrechen soll, so wird er notwendig in Verzerrtheiten ausarten. S. R. „Ostjuden"*) Nun wissen wir's und weiß es die ganze Welt, „daß es dicht vor unserer Tür so etwas gibt". Reb Jajnkew-Mejer nämlich, der kurz vor Eintritt des Sabbat durch die Straßen fährt und ruft: „Jiden, es ist Zeit zu machen Schabbes!" und der unter einer ovalen Bettdecke schläft, weil er die Ecken für „Kleiderzipfel" hält; einen mit einer „behandschuhten Hand" geohrfeigten Juden nämlich, der zu Boden fällt und „wie ein angeschossener Hase zappelt"; einen „erzreaktionären" Chossid nämlich, der „sich bei allen vorkommenden Fällen stets auf die Seite der Behörden und oft sogar gegen die Interessen der Juden stellt"; einen seltsamen Heiligen nämlich, der zum Vorlesen der Thora „leinen", zum gewöhnlichen Beten „oren" oder „dawnen" und zum Segen- und Tischgebetsprechen „benschen" sagt, bei dem die Familie „mischpoche", der Bräutigam „chossen" und die Braut „kalle" heißt; eine Religionsgemeinschaft nämlich, die vielleicht — vielleichtl „wissen können wir es nicht!" — „ihren Willen dahin ausdrückt, eine eigene Sprach- und Kulturgemeinschaft bilden zu wollen"; eine bedauernswerte Masse nämlich, die nach dem Licht der westeuropäischen Emanzipation dürstet und der man aus reinem Erbarmen — ohne zu fragen, ob sie dessen würdig sei oder nicht — die Gleichberechtigung und vielleicht auch gewisse Selbstverwaltungsrechte schenken sollte; einen unterdrückten Nomadenstamm nämlich, der früher zu den Samojeden, Ostjaken, Tungusen, Kirgisen und Kalmüken, neuerdings zu den Zigeunern und Bettlern gerechnet wird; eine witzige Gesellschaft nämlich, die sich gegenseitig *) Ostjuden, Sonderheft der Süddeutschen Monatshefte, Februar 1916.