Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Inhalt
- Article
- Eine Denkschrift
- Date
- 1916-04-01
- Page
- 57 (sequence 2)
- Language
- German
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Bemerkungen 57 bewegung, die den Kampf um die nationale Wiedergeburt auf ihre Fahnen geschrieben hat. In einer ebenso leidenschaftlichen wie würdevollen Sprache werden dann die beispiellosen Leiden der russischen Juden geschildert, für welche die blutbefleckte absolutistische Clique, nicht aber das russische Volk verantwortlich gemacht wird. Einer kurzen Besprechung der Verhältnisse in Rumänien folgt ein Kapitel „Nationale Entrechtung", das den Gedanken ausspricht, das Bürgerrecht sei für nationale Minderheiten ohne Garantien nationaler Gleichberechtigung illusorisch. Dieser Gedanke wird durch die österreichischgalizischen Verhältnisse eingehender illustriert und bei dieser Gelegenheit kurz auf die Grundbedingungen und Tendenzen des jüdischen Wirtschaftslebens hingewiesen. Ein größeres Kapitel ist dem polnisch-jüdischen Konflikt gewidmet, wobei mit besonders wirkungsvoller Schärfe das immer wieder aufgefrischte Märchen von der russifikatorischen Rolle der „Literatur" unter die Lupe genommen wird. Im Kapitel „Arbeiterschaft und Assimilation" wird der bourgeois-plutokratisch-intelligenzlerische Charakter dieser Bewegung nachgewiesen, die trotz der verschiedenen „nationalen" Ziele in den einzelnen Ländern doch ein einheitlicher, allgemeinen inneren Gesetzen folgender Faktor des jüdischen Lebens ist und überall dieselben Tendenzen der nationalen Selbstentäußerung, der Herabdrückung der Massen zum blinden Werkzeug fremder Machtinteressen, der Erstickung jedes Keimes der Selbsthilfe und des kulturellen Aufstiegs, der Täuschung der fremden Öffentlichkeit über die wahren Tatsachen des jüdischen Lebens verfolgt. Dieses Kapitel ist stilistisch und publizistisch vielleicht das glänzendste der Schrift. Ein besonderer Abschnitt ist der Türkei gewidmet. Einer kernigen Darlegung der Bedeutung Palästinas für die wirtschaftliche und nationale Gesundung des jüdischen Volkes folgt eine eingehende Schilderung der Ereignisse zu Beginn des Krieges, welche auf die jahrelange systematische Hetzarbeit der assimilatorischen Plutokratie verschiedener Länder, der die nationale Kolonisation ein Dorn im Auge ist, zurückgeführt werden muß. Es wird der Nachweis erbracht, daß die jüdische Kolonisation Palästinas mit den zivilisatorischen Aufgaben der Türkei in Vorderasien in vollem Einklänge steht, und die Grundlosigkeit der Denunziationen dargelegt, als erstrebten die Zionisten und insbesondere die sozialistische Partei Palästinas die Lostrennung von der Türkei. Im Schlußkapitel wird die Internationale aufgefordert, für die volle nationale Gleichberechtigung der Juden in den Ländern jüdischer Massensiedlung und für die Freiheit der Einwanderung und Kolonisation in Palästina zu wirken. Vor allem aber muß die Internationale die Gleichberechtigung des jüdischen Volkes in ihrer eigenen Organisation durch die Schaffung einer jüdischen Sektion im Internationalen Bureau durchführen und jedenfalls eventuellen Beratungen über eine proletarische Friedensaktion eine besondere Delegation des jüdischen Proletariates zuziehen. Dies in sehr kurzen Strichen der Inhalt der Denkschrift, die aber gelesen werden muß, soll ihre Bedeutung beurteilt werden können. Auch wer den Wert der Internationale und insbesondere ihre gegenwärtige reale Bedeutung anders einschätzt, wird diese Schrift freudig begrüßen, die auf jeden Fall ein Dokument jüdischer Würde ist. Die anschließende Dokumentensammlung enthält folgende Abteilungen: L Rußland und die Juden (Verfügungen der Oberbefehlshaber und Militärgouverneure, Vertreibungen, Duma-Reden, Kundgebungen jüdischer Arbeiterorganisationen); II. Polen und Juden (Aus polnischen Schriften und Zeitungen, aus Georg Brandes* Aufsatz über Juden und Polen, Erklärungen jüdischer Arbeiterorganisationen); III. Die Türkei und die Juden (offener Brief des Chacham Baschi in Jerusalem, Programm der Poale Zion); IV. Das jüdische Proletariat im Kampfe um die nationale Emanzipation. Die Dokumentensammlung ist etwas dürftig ausgefallen. Das wissen auch die Herausgeber und berufen sich im Vorwort einerseits auf die Unzulänglichkeit gewisser Dokumente, andererseits auf die Verkehrsschwierigkeiten mit den kriegführenden Ländern. Indes fehlt manches Schriftstück, das wirklich nicht schwer zu erreichen wäre. So vermißt man beispielsweise im Anschluß an die Besprechung der Verhältnisse im österreichischen Okkupationsgebiet den Aufruf der obersten Leitung der verbündeten Armeen an die polnischen Juden, der u. a. auch die Zusicherung der freien Betätigung „in allen Zweigen des ökonomischen und kulturellen Lebens in euerem Geiste" enthält. Ebenso fehlt jede Erwähnung der Schicksale der in die französische Armee eingetretenen russischen Juden, die etwa durch Artikel Herves zu beleuchten wären. Berl Locker Palästinensische Literatur im Kriege »In den Jahren 1648/49, in den schrecklichen Jahren der Chmielnickischen Aufstände wurde kein einziges hebräisches Buch ge-