Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Inhalt
- Article
- Die Probe
- Date
- 1916-04-01
- Page
- 56 (sequence 3)
- Language
- German
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56 Bemerkungen ganzen, entdeckt oder vertieft haben, werden an der neuen Verinnerlichung des Staatsgedankens mit Eifer mitarbeiten und die jüdische Eigenart in sich, mögen sie sie nun als altererbten Orientalismus empfinden oder als Produkt der Zeiten, bewußt bekämpfen. Anzeichen für eine solche Entwicklung kann ich freilich noch nirgends erkennen. Die künftige Generation hat die Antwort zu geben. Daß sie mit Notwendigkeit so lauten müßte, behauptet auch Böhm nicht, aber das ist ihm zuzugeben: an diesem Punkte hängt die Entscheidung, ob das deutsche Judentum als solches noch Lebenskraft besitzt oder nicht, die Halb und Halben werden Stellung nehmen müssen. Diejenigen Juden aber, die ihres Volkstums gewiß bleiben, sind darum noch nicht aus der schweren Aufgabe der Zukunft, ein tieferes Zusammenwachsen Europas zu ermöglichen, ausgeschaltet. Niemand weiß, ob eine Nation einen neuen Kulturwillen zu Ende denken wird, oder ob außerhalb des Volkstums kulturelle zwischenvolkliche Gebilde erstehen werden. Wie vermöchte man da schon eine Aufgabe des Juden festzustellen! Als Orientale aber dürfte er sich in der neuen Kulturmischung gar nicht allzu fremd fühlen; denn wenn die Scheidung von Europa und Orient überhaupt einen Sinn haben soll, so kann sie doch nur unter der Voraussetzung gelten, daß in diesen zweiundeinhalb Jahrtausenden in Europa immer wieder Mischungen mit dem Geiste des Orients stattgefunden haben. Selbst die im tiefsten Sinne europäische unter den geistigen Leistungen Europas, die Philosophie Piatons, ist von Einflüssen des Orients getränkt. Vielleicht ist der Jude berufen, als Jude hier mitzuwirken. Wir glauben erkannt zu haben, daß er auch einer positiven welthistorischen Aufgabe gewachsen sein könnte, aber nur, wenn er der Aufgabe seines eigenen Lebensgesetzes gerecht wird. M. C. Eine Denkschrift*) Eine stolze Schrift, die sich schon dadurch von der schier uferlosen Flut „jüdischer Kriegsliteratur" wesentlich und wohltuend unterscheidet, daß sie es verschmäht, das selbstverständliche und unveräußerliche Recht des jüdischen Volkes auf menschenwürdiges Dasein und nationale Selbstbestimmung erst *) Die Juden im Kriege. Denkschrift des Jüdischen Sozialistischen Arbeiterverbandes Poale Zion an das Internationale Sozialistische Bureau. durch den Hinweis auf die angeblichen oder wirklichen Interessen anderer zu begründen. Die Schrift ist demgemäß weder an die Öffentlichkeit der einen, noch der anderen Mächtegruppe gerichtet, aber auch nicht an das* durch den Krieg erst recht problematisch gewordene „europäische Gewissen", sondern an die organisierte Arbeiterdemokratie aller Völker, durch Vermittlung des internationalen sozialistischen Bureaus. Diese Adresse-Wahl ist zunächst ein feierliches Bekenntnis des jüdischen Sozialismus zu der trotz allem lebendigen und zukunftssicheren Idee der Interessen- und Kampfgemeinsamkeit der Arbeiterklassen aller Nationen. Aber sie ist mehr als das. Denn trotz der gegenwärtigen Zerfahrenheit und der zweifellos vorhandenen Gegensätze — die oft schier unüberbrückbar scheinen mögen — bestehen für die sozialistischen Parteien unumstößliche gemeinsame Ziele und Prinzipien, die sich im allgemeinen Endziel keineswegs erschöpfen. Dahin gehört — wie die Konferenzbeschlüsse der neutralen, mitteleuropäischen und Ententesozialisten von neuem beweisen — die Grundforderung der nationalen Gleichberechtigung und Selbstbestimmung, welche mit dem von der Entente für ihre Kriegsziele proklamierten „Schutz der kleinen Nationen*' keineswegs zu verwechseln ist. Die Denkschrift der „Poale Zion" hat nun die Aufgabe, die sozialistische Internationale in Anwendung dieser Prinzipien auf das jüdische Volk zur „Aufrollung der jüdischen Frage im Rahmen der nationalen Fragen, deren Lösung durch den Krieg unvermeidlich geworden ist" zu veranlassen. Die Aufgabe ist nicht leicht angesichts der bekannten Vorurteile, die teils auf die Beurteilung des gesamten jüdischen Volkslebens nach „westeuropäischem Muster", teils auch auf die jahrzehntelange systematische Verdunkelungs¬ und Fälschungstätigkeit gewisser „jüdischer" und nichtjüdischer Kreise zurückzuführen ist. Doch erfüllt die Denkschrift ihre Aufklärungsaufgabe in überaus geschickter und erfolgversprechender Weise. Schon die" knappen Ziffern des Vorworts, die klar beweisen, daß die Vorstellung, die Juden seien „eine Kaste von Finanzmännern, Kaufleuten und Industriellen", grundfalsch ist, daß man es hier vielmehr mit einem entrechteten Volke zu tun hat, das in seiner großen Mehrheit aus industriellen und gewerblichen Proletariern und schwer um ihr Brot ringenden Mittelschichten besteht, wird manchem Westler eine Offenbarung sein, ebenso wie die Tatsache der Existenz einer jüdischen Arbeiter-