Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Inhalt
- Article
- Jüdische Wissenschaft
- Date
- 1916-04-01
- Page
- 54 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3101111-3101112-8875855-3101351--0083-3101438- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
54 Bemerkungen übervölkische Gemeinde der Gelehrten. Aber zu Hause denkt das Volk die allgemeinen Gesetze ins Besondere. Indem es sich und seine Heimat erkennt, schafft es die jüdischeWissenschaft, ordnet es seine Halle im Bau der Völker. Was wir waren und was wir sind, wie wir sterben könnten, wie wir uns vertiefen, entfalten und verbreiten könnten, lehrt die Wissenschaft. Daß Judentum sein soll und so sein soll, spricht Jehova. Siegfried Bernfeld Helden und Drückeberger In allen kriegführenden Ländern wagt sich immer mehr der Ruf hervor: Die Juden drücken sich, sind feig, lassen die anderen für sich kämpfen. Daß mehr als drei viertel Millionen Juden auf allen Kriegsschaupläzen unter den Waffen stehen, daß schon mehr als hunderttausend gefallen und verkrüppelt sind, gilt den Rufern für nichts. Kunststück, da man ihnen nicht die Wahl läßt.... Ja, aber wenn man schon das annimmt, wer bürgt denn dafür, daß nicht auch für weite nichtjüdische Kreise dieses stille Vorgetriebensein der einzige Ansporn ist? ... Und dann, es gibt ja doch auch eine sehr große, perzentuell entsprechende Za?hl jüdischer Ausgezeichneter, sowohl gefallener und verkrüppelter als weiterkämpfender — mit dem Eisernen Kreuze allein jetzt weit über fünftausend ... Sollten die etwa auch — in die Auszeichnung — vorgetrieben sein? .. . Im übrigen liegt allerdings so etwas wie Vortreibuug vor. Eine innere nämlich. Oder müssen wir denn wirklich leugnen, daß uns Juden der Krieg fremder ist als den anderen? Müssen wir uns wirklich schämen, aus der Zucht einer dreitausendjährigen Organisation der Seelen so hervorgegangen zu sein, daß „wir die Welt nicht mehr verstehen", wenn sie Krieg führt? Und „genügt" es nicht, daß wir unsern Willen, unsern eisernen jüdischen Willen zu Hilfe nehmen, tun uns der Welt, die wir nicht verstehen — da sie vorläufig nun einmal nicht anders kann und durch das Furchtbare durch muß — nicht vorzuenthalten? Sind wir wirklich schlimmer, weil wir — für das Vaterland, das heute nicht anders zu retten, für die Sache des Rechtes, die heute nicht anders zu verfechten ist als durch den Krieg — nicht nur den Feind, sondern auch bei jedem Schritte die uns zur zweiten Natur gewordene Scheu vor Menschenblut besiegen müssen? Sind die eisernen Kreuze, die sich die Unserigen so erwarben, wirklich weniger verdient...? Gewiß nicht in allen unseren Leuten wirkt dieser Wille, und dann kann das „Nichtverstehen" wohl auch da und dort die Sucht fördern, vor allem das eigene Leben in Sicherheit zu bringen. Aber es besteht doch wahrlich auch in Hinsicht auf diese Fälle nicht der geringste Grund für uns, vor uns selber zu verzagen und vor den Anderen zu schweigen. Lassen wir uns nur nicht gerade da einschüchtern, wo wir's am wenigsten nötig haben! Ach, man weiß es doch: auch unter denjenigen, die den Heldentod gestorben sind oder ihm mit rühmlicher Tapferkeit ins Auge sehen, gab und gibt es viele, sehr viele, die erst Helden wurden, als sie nicht anders konnten. Sowohl unter Juden als unter Nichtjuden! Oft ist nur ein Schritt vom Drückeberger zum Helden. Und was diejenigen betrifft, die nie dazu kamen oder von vornherein ganz unfähig waren, ihn zu machen — so ist der, dem das absolut gewaltfeindliche Empfinden seines Stammes Gelegenheit gibt, sich darauf auszureden, doch wahrlich noch immer entschuldigter, als derjenige; der sich nicht auf eine ähnliche Grundstimmung seines Kreises berufen kann. Es ist nicht einzusehen, warum man sich leichtfertigen und böswilligen Angriffen gegenüber nicht auf diesen Standpunkt sollte stellen dürfen. M. A. Die Probe Im Novemberheft der Preußischen Jahrbücher wendet sich Max Hildebert Böhm gegen Hermann Cohens künstliche Entdeckung einer deutsch-jüdischen Weltanschauung. Da der Aufsatz den ernsthaften Willen zum Verständnis der jüdischen Seele verrät, möchte ich hier kurz auf ihn und vor allem auf ein Problem der Zukunft zurückkommen, das der Verfasser entstehen sieht. Kennzeichnend für den Geist des Jung-Juden ist ihm — er beruft sich auf das von den Hochschülern des Bar-Kochba herausgegebene Buch „Vom Judentum*1 —. daß er sich deutlich seines Ursprungs im Osten bewußt sei und sich als solcher im Gegensatz zu allem europäisch-westlichen Geist, Griechentum und Renaissance eingeschlossen, wüßte. Was werden diese Juden tun, wenn sie jetzt durch den Krieg, die große Probe dieser Tage, in die europäische Spaltung hineingerissen und durch solche Bewährung als Europäer ihrem selbstbewußten Orientalentum abwendig geworden sind? Und nun glaubt er, daß aus diesen jetzt europäisch gewordenen Juden ein bedeutender Assimilationstypus entstehen könnte,