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Der Jude · 1916-04-01 · Inhalt · p. 53

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Inhalt
Article
Das Mittel des Geistes
Date
1916-04-01
Page
53 (sequence 2)
Language
German
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Bemerkungen 53 dieser Zeit gemäßen: kein Zusammenfühlen hat die Wirtschaftsmacht der Juden aller Staaten gegen Rußland bedingungslos geeint, kein Boykott alle Juden bedingungslos gegen das boykottierende Polentum aufgerufen. Wenn die Regierung des Zaren befreiende Reformen verspricht — bleibt sie nicht die Regierung von Kischinew und Kiew, dem Orte des Beilisfrevels? Es müßte, wären die Juden dem ökonomischen Mittel nicht entfremdet, wie dem der Gewalt, keinen Juden in keinem Lande geben, der nicht zu Rußlands Niederlage beitrüge, indem er den Finanzen dieses Reiches seine Hilfe kämpfend versagt. So zeigt es sich, daß die Juden als Gesamtheit auf ein drittes Mittel angewiesen sind, welches sie seit langem gewählt haben, nein, nicht gewählt, welches ihr Mittel und ihr Schicksal ist, das Mittel der kommenden Tage, einer vielleicht sehr fernen Zukunft, das Mittel des Geistes ist das ihre. In der edlen und unwirksamen Form des Gebets, in der wirksameren und niederen der Organisation, in der gegenwärtig schwachen, zukünftig starken, stets reinen Form der Aussage benutzen sie es. Der tief optimistische Glaube des Juden an den Menschen, seine ganze Zukünftigkeit erweist sich darin, daß er erhobenen Angesichts unter Kämpfenden steht und aussagt, daß er ist und wie er ist, und wartet, daß man ihn höre, und ebenso gewiß wie seines eigenen Daseins der Erwartung ist, daß man ihn eines Tages hören wird. Der Glaube an den Geist bezeugt, daß im Juden, während alles, was in Europa noch Mittelalter ist, sich an ihm ausläßt und entsetzlich sichtbar wird, der Mensch reiner, menschlicher, sittlicher vorgebildet ist als im Europäer, der ihn heute noch überhört. Wenn ihm einmal die Ohren aufgehen werden für die Stimme des Juden, dann wird eine Scham ohnegleichen die Seelen läutern. Arnold Zweig Jüdische Wissenschaft Also spricht Jehova — war die Formel der Propheten. So ausschließlich war ihr Unwille über das ungeistige und entsittlichte Volk, ihr Wille zu einer anderen Ordnung, zu einer geistigeren Hingabe, so unerschütterlich gewiß war ihr Erleben neuartiger Werte, daß sie dies nicht aus ihrer zufälligen persönlichen Bedingtheit verstehen mochten, sondern in sich die Stimme des absolut seienden Wesens ertönen hörten. Nicht ganz so die Propheten des heutigen Tags. Was aus der geistigen Fülle und Sicherheit jener sich erzeugte, entspringt der Armut und Unbestimmtheit dieser. Was jenen selbstgewisse Notwendigkeit war, ist diesen Zweifels-Not: das eigene Wollen und Werten im Objektiven zu verankern. Und die Heutigen erfanden die Formel: also spricht die Rassentheorie, die Wissenschaft. Der Spruch der Wissenschaft verstärkt das Säuseln ihres Innern zur immerhin deutlich vernehmbaren Sprache, statt daß sie vermeinen müßten, der donnernde Ruf ihrer Seele sei das Echo Jehovas. Wir brauchen keine Kompendien, Experimente, Tabellen und Ausgrabungen, um zu wissen, daß wir Juden sind, daß wir es bleiben und uns entfalten wollen. Wenn wir sie nötig hätten, nützten sie uns nichts mehr. Nicht um Wissenschaft verächtlich zu machen und die jüdische als überflüssig zu schelten, wird dies gesagt. Vielmehr ist unsere Idee von Wissenschaft zu rein, als daß wir mitansehen könnten, wie man bemüht ist, sie zu verderben und ihres Sinnes zu berauben, indem man durch sie stützen will, was auch ohne sie nicht fällt, und wäre es morsch, durch sie^ nicht entpestet werden könnte. Noch richtungsloser, noch gefährlicher und entwürdigender für Wissenschaft und Judentum als dies Dogmatisieren der Wissenschaft und an Dogmen Hängen des Wertwillens ist, Wissenschaft für eine klebrige Apologetik als Werkzeug zu mißbrauchen. Nur unehrliche oder beschränkte Menschen glauben vor dem Forschen zu wissen, was sie finden werden; daß die Juden allezeit gute Staatsbürger, edle und treue Menschen waren, daß das Judentum zu allen Zeiten wenigstens auf derselben Höhe der Kultur stand wie die umgebenden Völker, ja daß diese im wesentlichsten ihm zu hohem Dank verpflichtet wären. Haben wir nichts Besseres zu tun, als in satter Selbstgenügsamkeit uns anzubieten? Dientuns Wissenschaft als Reklame-Licht? Oder haben nicht die großen Propheten an ihrem Volke verurteilt und verdammt mit unerbittlicher Strenge? Sah jemals die Morgenröte einer neuen Zeit den feisten Dithyrambensänger des Einst und Jetzt wach oder grüßte sie nicht immer ein leidenschaftlich Unzufriedener, den es aus der Enge seines Volks und seiner Zeit vor Tag hinaustrieb, daß er das Morgen finde? Uns ist jüdische Wissenschaft nicht bloße Wissenschaft vom Judentum; aber keinesfalls Nachweis der Berechtigung des Judentums und schon gar nicht der heutigen deutschen Judenschaft. Wir wollen unser Volk eingereiht wissen in den großen Prozeß der Erkenntnis ihrer selbst und der Welt, der in der Menschheit zu reifen beginnt. Seine Hertz, Jaquea Loeb und Ehrlich entsendet es in die

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