Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Inhalt
- Article
- Das neue Wort zwischen den Völkern
- Date
- 1916-04-01
- Page
- 52 (sequence 1)
- Language
- German
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BEMERKUNGEN Das neue Wort zwischen den Völkern (Aus dem Felde) Die Menschen traten zu Babel zusammen und bauten gemeinsam einen Turm, daß sie in die Himmel reichen. Der Himmel Herr aber verwirrte ihr Wort, daß es nicht diesen mit jenem mehr einte. Da wandte sich Sinn wider Sinn, Waffe gegen Waffe und sie zerteilten ihre Gemeinschaft. Abermals ward das Wort zwischen den Nachbarn verwirrt und die Waffe ward Zunge, und diese Zunge schien eine Zeit lang der Sinn der Welt zu sein. Die Waffe wird schweigen, wenn sie ihr Werk getan, und das Wort wird aus dem Schweigen von neuem erstehen. — Ein Wort, aus dem Schweigen aufstehend. --Denkt ihr daran, als Aug in Auge war, das Schweigen euch umgab, da eure Gemeinschaft zum Wort ward und eure Seelen lagen ineinander in diesem neuen Worte? Nun soll das Wort aus dem Schweigen zwischen die waffensatten Gegner treten. Gegner, nicht Feinde mehr. Denn wo das Wort schon Raum hat, ist Wille des Verstehens und Verstandenwerdens. Der Urgrund alles Verständigens aber ist Liebe. Auch zwischen Mensch und Mensch, Volk und Volk, Gemeinschaft und Gemeinschaft, auch wo sie nicht Waffe wider Waffe stehen, liegt Schweigen. Lärm und Toben füllen die Luft, betäuben das Ohr, und das Wort kommt nicht frei von einem zum andern. Auch kommt Besinnen nicht bis ans Wort. Nur die besoldeten Schwätzer des Tages fügen gewohnheitsträge Wörter aneinander. Es gibt Grade von allem; dies ist Segen und Fluch zugleich. So gibt es auch Grade des Schweigens. Das Wort von Menschen zueinander wird sich unmerklich erneuern, denn das Reden, der Erbfeind des Schweigens, wie des Wortes, hat nicht geschwiegen. Von Gemeinschaft zu Gemeinschaft aber, von Volk zu Volk wird eine neue Sprache am neuen Worte geboren. Wird diese neue Sprache, gleich den vielen alten, Lieblosigkeit, Halbhörigkeit, Streit, Dünkel, Wahn, Zwecksucht, Mehrfältigkeit in sich tragen? Wird sie Fratze der Gemeinschaft, Hohn der Verbindung, Taubheit, Haß, Schimpf, Tratsch, Verleumdung, Lüge sein? Im ersten Worte, dem neuen Worte, wird sich das entscheiden. So viel Heil trägt dies neue Wort in die Welt, als Heiligkeit in ihm lag. Wenn die Völker Europas ihre dringendsten Angelegenheiten geordnet haben werden, dann muß die Spannung zwischen Judentum und Abendland schließlich auch zum Worte werden. Zum „neuen Worte" in mehr als einem Sinn. Denn noch hat Jeschurun zu den Völkern, bei denen er zu Gast ist, nicht unvermittelt, Du zu Du gesprochen. Worte von Juden an Juden gerichtet, wie der Propheten und des Jeschua Worte, sind, über ihren mütterlichen Raum hinaus, wohl zu allen Völkern gedrungen, aber das neue Wort, dessen wir bedürfen, ist ein anderes. Auch ist des Paulus Wort von uns zu ihnen gedrungen, doch ward es nicht zur Brücke, sondern zum Abstand und ward nicht erwidert. Abermals ist es ein anderes, dessen wir bedürfen. Auch die tausend, in ihrem Grunde jüdischen, und doch von unseren Wirten wohlvernommenen Stimmen, die allerhand jüdische Grundworte in das Getriebe fremder Völker einrollen, sind nicht dem neuen Worte, dessen wir bedürfen, gleichgestimmt. Es ist ein anderes. Aug in Auge, Wort in Wort müssen Judentum und Abendland einmal kommen und ihre Gemeinsamkeit in eine Gemeinschaft wandeln, ihre Grenzen gegeneinander scharf machen. Nicht um Freundschaft oder Haß, die daraus erwachsen, bange; hangend am eigenen Wesen, von ihm ausgehend, muß jeder zum andern so weit kommen, daß sie einander abgrenzen. Denn solcherart ist das wahrhafte Wort, daß Gemeinsamkeit Fluch ist, wo sie verschwiegen die Eigenart verunreint, doch zum Heil, zum Sakrament der Gemeinschaft wird, wo das erlösende Wort ertönt. Ernst Rappeport Das Mittel des Geistes (Aus dem Felde) Drei Mittel hat ein Volk, von seiner Existenz zu zeugen und sein Recht geltend zu machen. Zwei davon hat Franz Oppenheim er benannt: das politische und das ökonomische; das der Waffen und Verhandlungen, und das der Wirtschaft und des Geldes. Zu beiden hat das Judenvolk Nein gesagt, zum ersten, welches das älteste ist, aber auch zum zweiten, dem