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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1938-09-01 · 12 (9.1938) · p. Seite 7

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
16 (1937-1938)
Issue
12 (9.1938)
Date
1938-09-01
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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fliv 12 September 1938 .Jüdisches Gemeindeblatt für Frankfurt" Seite 7 bücher, Fabeln 72) und religiöse Schriften,- bekannt ist das Frauenbuch Z'ena ur'ena, das einige Male ins Neuhochdeutsche übersetzt worden ist (Teil I. von Berta Pappenheim). Einige jüdisch-deutsche Schriften sind in Italien gedruckt worden, so die Pentateuchüberseizung, die in Cremona 1560 erschien, ebenso die Pessachhaggada mit jüdisch-deutscher Ueberseizung, Venedig 1629, die im Museum jüdischer Altertümer in Frankfürt am Main ausliegt. Für das Jüdisch-Deutsche gibt es manchmal eine besondere hebräische Schrift, die etwas an die sogenannte „Raschischrift", die Typen der rabbinischen Kommentare, erinnert. In dieser Schrift sind oft auch die deutschen Bemerkungenin den Machsorim gedruckt, z. B. „hier erhebt sich die Gemeinde". Die Mendelssohnsche Bibelübersetzung in reinstes Deutsch seiner Tage ist in den gewöhnlichen hebräischen Typen gesetzt. b) Das Jiddische Die einzige jüdische Mischsprache, die zu einer wirklichen Literatur- und Kultursprache mit fester Grammatik und Orthographie geworden ist, ist das Jiddische. Die jüdischen Massen im Osten Europas, aber auch zahlreiche Juden in Amerika, Deutschland und Palästina, sprechen jiddisch, jene Sprache, in der nach Feststellungen des JIWO, des Jiddisch- Wissenschaftlichen Instituts in Wilna, im Jahre 1928 nicht weniger als 1021 Bücher und 400 Zeitungen erschienen sind, darunter 50 tägliche. Die Juden, die aus Deutschland in den Osten kamen, nahmen ihre Sprache mit, die allmählich eine solche Bedeutung erhielt, daß ein litauischer Rabbiner im 17. Jahrhundert schrieb: „Gott möge geben, daß alle die eine Sprache, das Deutsche, sprechen!" 73) Diese Sprache ist je nach der Gegend verschieden, es gibt den litauischen, polnischen und rumänischen Dialekt; in Amerika haben sich sehr viele amerikanische Wörter eingeschlichen,- in Rußland ist seit dem Sturz des Zaren die jiddische Orthographie umgestaltet worden. Ueberall bewahrt diese Sprache mittelhochdeutsches Sprachgut,- dem Germanisten bietet sie eine Fülle interessanten Materials 74). Wenn Luther im Buch Ruth „Schwieger" statt „Schwiegermutter", „Schnur" statt „Schwiegertochter" sagt, so ist dies im Jiddischen noch vorhanden. Das Wort „seiger Uhr" hat sich aus dem Mittelhochdeutschen erhalten, das in Süddeutschland wohlbekannte Dialektwort „als .= immer" (das noch von Lessing geschrieben wurde), das rheinische „lomer lass uns, wir wollen" ist im Jiddischen vorhanden. In „a sach viel" ist unschwer „eine Sache" zu erkennen T5). Man hat dort auch die deutsche Sprache in eigener Weise weiterentwickelt, sagt „höcher" (da von „hoch"), „kritikieren", da von „Kritik",- Zusammensetzungen wie „Zusammenfuhr Konferenz" hat diese Sprache selbständig hervorgebracht. „Müssen" heißt im Jidischen „dürfen", noch Lessing hat z. B. im Nathan beide Begriffe durcheinander verwandt,- wir haben im „Bedürfnis" ein Wort entsprechender Bedeutung. „Wollen" wird für „werden" verwandt; ich vermute hier eine ähnliche Bedeutungsmischung wie im Englischen. Viele hebräischen Wörter haben eine andere Bedeutung erhalten, z. B. „efschar hebr.) möglich",- „efscher (jidd.) vielleicht". Die Wortstellung erinnert oft an das Neuhebräisch: „Die mame wie gehts? wie gehts der Mutter?". Im Weltkrieg fiel es den in Polen und Litauen einmarschierenden Truppen auf, daß die Juden dort sozusagen „Deutsch" sprechen. Es kam zu dem Sonderheft „Ostjuden" der Süddeutschen Monatshefte im Februar 1916, und Wissenschaftler verfaßten damals Lehrbücher und Lexika des Jiddischen. Heute geht das Jiddische als Sprache stark zurück. In Rußland wird es zwar gepflegt, aber der neu angesiedelte Bauer 72) S. M. Schüler. Beiträge zur Kenntnis der alten jüdischdeutschen Profanlileratur in: Festschrift zum 75 jähr. Bestehen der Realschule mit Lyzeum der Isr. Religionsgesellschaft Frankfurt am Main. 1928, S. 79 fg. 7S) Graetz. Gesch. d. Juden. Band IX., Seite 72. 74j Nach L. Wiener (Archiv f. slav. Philologie. XX., Wien 1898, S. 620) hat das Jiddisch einen Bestand von 70 % deutschen, 20 % hebräischen und 10 % slawischen Wörtern. 75) Vgl. die Jiddischen Wörterbücher von Bischoff und Strack. Unsere Jüdische flotstandskücbe.- Vor Jahren gegründet, in schweren Zeiten gehalten, jetzt durch größte Not bedrängt, erbittet sie zur Fortführung ihrer Arbeit die Hilfe der judischen Gemeinschaft Von dem Ergebnis der ßaussammlung am 28. August 1938 hängt die lebensnotwendige Versorgung von 1000 jild. Männern, Frauen u. Kindern ab! In Erkenntnis der Not gebt den hilfsbereiten Sammlern! Jüdische Notstandsküche Frankfurt a. M. spricht und singt ukrainisch oder russisch, zum mindesten seine Kinder. In Amerika gewöhnt sich die zweite Generation an die Landessprache, und in Palästina wird sich mehr und mehr die hebräische Sprache durchsetzen. c) Das neue Jüdisch-Deutsch in Palästina Unter ganz neuartigen Umständen entsteht zur Zeit in Palästina und in zionistischen Kreisen in anderen Ländern ein neues Jüdisch-Deutsch. Da viele „Olej Germania (Einwanderer aus Deutschland)" kein oder wenig Hebräisch können, behalten sie zunächst ihre deutsche Sprache, die aber allmählich mit hebräischen Wörtern vermengt wird. Diese Wörter — übrigens ist kein einziges Zeitwort unter ihnen-- werden durchaus als deutsche Wörter behandelt, so entspricht z. B. der Artikel immer der deutschen. Bedeutung: „die maader die Hacke", obwohl maader im Hebräischen männlich ist. Wiederum ist, wie im Jüdisch- Deutschen und im Jiddischen die Abwandlung der Wörter durchaus deutsch, und wiederum mit alleiniger Ausnahme1 der Mehrzahlbildung. Man lernt „iwrith" - und manche meinen, diese Sprache sei etwas Anderes als das klassische Hebräisch - man grüßt mit „schalom", geht auf „hachschara Vorbereitung" oder zur „alija UeberSiedlung nach Palästina"76). Das Wort „hachschara" hat den gleichen Stamm wie „koscher (kascher) tauglich", und mit diesem Wort ist ein all- und altbekanntes jüdisch-deutsches Wort in neuer Bedeutung belebt worden. Man macht einen „tijul Ausflug" ans „jam Meer", sitzt in der „sifria Bibliothek" oder arbeitet im „refet Kuhsiall" 7T). Oft ist man sich über die Bedeutung dieser Wörter nicht restlos klar,- „sifria" wird allgemein als Raum für geistige Arbeit oder als gemeinsamer Aufenthaltsraum angesehen,- „machsan", dieses ursprünglich aus dem Arabischen stammende Wort (Magazin) heißt oft „gemeinsame Verwaltung von Kleidungsstücken" und bedeutet eine bestimmte Richtung unter den Kibbuzim.' Diese jüngste Judensprache wird in deutschen Buchstaben geschrieben,- einen literarischen Niederschlag hat sie noch kaum gefunden 7S). Der Reigen der jüdischen Sprachen schließt sich damit, die alte Sprache hat ihre alte Heimat wieder. 76) Alijah kommt von „alah emporsteigen". Es heißt je nach der Epoche: Balkon, zur Thorarolle aufgerufen werden, nach Palästina gehen. 77) Heinr. Loewe hat über diese Sprache im Frankfurter Jüd. G.-Bl. 1934 geschrieben. 78) Die Jüdische Rundschau brachte 1937 einen Roman in dieser Sprache: „Volk Israel lebt" von Schwarz. Dieser Abdruck gab Anlaß zu einer lebhaften Diskussion. 1938 erschien in, der gleichen Zeitung eine Erzählung: „Kinnereth" von Neuberg mit starker Verwendung dieser Ausdrücke.

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