Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 16 (1937-1938)
- Issue
- 9 (6.1938)
- Date
- 1938-06-01
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 9 Juni 1938 JÜDISCHES GEMEINDEBLATT FÜR FRANKFURT Seite 9 - Wollen Sie, dann erzähle ich Ihnen, was dem Raschid geschehen ist, sagte Muchamed. - Gerne, erzähle. Nun erzählt Muchamed in kurzen Worten halb spöttisch, halb lachend, wie es so seine Art ist, Folgendes : Achtzehn Jahre alt war Raschid, als Soldaten ihn ergriffen und zum Militär brachten. Raschid war noch zu jung und seine Zeit für das Militär war noch nicht gekommen, außerdem hafte er Privilegien — sein Vater war sehr alt, seine Geschwister noch klein, er war der einzige Ernährer der ganzen Familie. Aber die Dorfältesten hatten auf ihn von früher her einen Zorn. — Als sich Raschid noch in der Jaffaer Kaserne befand, erhielt er die traurige Nachricht, daß sein alter Vater gestorben sei, und daß alle seine Angehörigen dem Hunger preisgegeben seien. Das schmerzte ihn tief. — Mit ihm befand sich ein älterer Soldat in der Kaserne. Er hatte ein Delikt begangen, weswegen er nach Akko geschickt worden war,- jetzt aber .war er auf dem Wege nach Hause, nach Asah. Diesem neuen Bekannten nun schüttete Raschid sein Herz aus. Der Mann hatte viel Erfahrung, in seinem Leben viel gesehen und erlebt. Er gab Raschid den Rat, sich das rechte Auge auszustechen, damit er zum Militärdienst untauglich würde, man werde ihn dann befreien und nach Hause zu seiner alten Mutter und seinen kleinen Geschwistern zurückschicken. Raschid nahm diesen Rat an und tat so. . . In der Nacht verschaffte er sich von einem Kameraden einen Nagel, ver- steckte sich in eine Ecke und stach sich ein Auge aus — aber Gott verwirrte seine Gedanken und er stach sich das linke Auge aus. Am andern Tage erfuhr man von seiner Tat. Raschid wurde zur Rutenstrafe verurteilt und auf zehn Jahre, statt fünf, nach Jemen zum Militär geschickt. Und seine alte Mutter, fährt Muchamed fort, und ihre kleinen Kinder mußten bitter Hunger leiden. Manchmal fand die Mutter Arbeit, aber öfters fand sie keine. Die Kinder gingen betteln, einige von ihnen starben, zuletzt starb auch die alte Mutter. Die Kinder zerstreuten. sich nach allen Richtungen der Welt, und kein Mensch wußte mehr von ihrem Aufenthalt. Das Stückchen Land, das Raschids Vater hinterlassen hatte, lag unbestellt da, und als dann die Steuerpächter kamen, um die Steuer einzuholen, verkauften die Scheiche das hinterbliebene Haus und bezahlten von dem Erlös die Steuern. Das Feld aber überließen sie irgend jemand zur Benutzung. Vor zwei Jahren erst kehrte Raschid zurück?, frage ich mit Erstaunen. - Ja, antwortet Raschid, zehn Jahre war ich beim Militär und seit zwei Jahren wohne ich zu Hause. - Wie alt waren Sie, als Sie Soldat wurden? - Achtzehn Jahre. - Und heute? Wie all sind Sie? - Dreißig oder einunddreißig. - Fürchterlich, denke ich. Ich hielt ihn für einen Sechziger. Raschid liest mir wohl meine Gedanken vom Gesicht und fügt hinzu: Wenig Jahre aber viel Qual. — Ich betrachte den Mann, der neben mir hergeht, mit tiefer Teilnahme. Ein zerbrochenes Gefäß! Ichbin sehr bedrückt von dem eben Gehörten. - Und was tun Sie jetzt? - Als ich ins Dorf zurückkehrte, erbarmten sich meiner die Dorfältesten und gaben mir mein Erbteil zurück. Ich war nicht imstande, zu pflügen und zu säen, und so verpfändete ich den Boden an Ali Dschabri. Ich bekam von ihm Geld und kaufte mir ein Kamel und arbeite jetzt mit ihm. Die Moschawah bietet mir genügend Arbeit. Ich fahre Dünger, Weintrauben, Waren aus Jaffa, gelobt sei Allah. - Wieviel nahmen Sie von Ati Dschabri? - Zweihundert Francs. - Wann werden Sie die Schuld bezahlen? - Im Leben nicht. Er wird sich den Boden aneignen; das ist so immer seine Art. Ich bin nicht der Erste und nicht der Letzte. - Wieviel Zinsen zahlen Sie ihm? - Zwei Francs die Woche. - In der Woche? Und wieviel verdienen Sie? - Wer weiß, Herr. Ich bin kein Rechner . . . Zehn Jahre diente ich dem Sultan, nun werde ich mein Lebenlang Ati Dschabri dienen. Alles ist von Gott. Chawadscha. mit nun im inniiHHimnn immun rrrm IHIIIIII m iiiiiiiii Girier sagt's dem anderen \ und alle kaufen gern bei LUDW/Q Das grosse Spezial-Geschäft für Herren-und Knabenkleidung Hindenburgplatz 12 gegenüber dem Hauptbahnhof In unserer Spezial^Abteilung für Auswanderer : finden Sie die richtigen Artikel für Uebersee 'iiiiiiiiitiiiiiiiiitHitiiiiniiiiiiiiiiniiiiiiiiiiHiiiiiiiiiiiiiiiiiiimniuiiiii 11*41 11111111,1 im immun tinim iti.it