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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1934-08-01 · 12 (8.1934) · p. Seite 496

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
12 (1933-1934)
Issue
12 (8.1934)
Date
1934-08-01
Page
Seite 496 (sequence 38)
Language
German
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Seite 496 können; „man konnte sich nicht vorstellen", daß ein Akademiker wirklich Bauer werden könne. Heute wissen wir, daß diese Vorstellung, besonders in der Landwirtschaft, mit einer beinahe unvorstellbaren Rapidität den ganzen Menschen herumreißt. Dinge, die früher eine nebengeordnete Rolle spielten, treten heute in ihrer Primitivität in den Vordergrund: Lohn, Essen. Schlafen, Freizeit sind die Pole, um die sich sehr bald die Gedanken drehen.' Welche Rolle zum Beispiel Essen und Schlafen spielen, ist beinahe unvorstellbar. Hier beginnt die eigentliche Schwere der Frage. Wenn wir umschichteten, zur Hachschara gingen, so stand am Ende immer eine-Idee, die wir erfüllen wollten. So äußerlich und materiell auch die Gründe der Umschichtung waren, immer verband sie sich mit dem Gedanken an ein Ziel, das zu erreichen war. Ein Ziel war Vorbedingung für alle, ob . sie aus zionistischem oder nicht- ' zionistischem Lager kamen: S t ä r k u n g unserer jüdischen Gemeinschaft. Es verband sich mit der rein körperlichen Arbeit auch der Wille, sich g e i s t i g für ein neues Leben vorzubereiten. Der Begriff der Hachschara war nie ein rein fachlicher Begriff, sondern bedeutete immer zugleich auch Ausbildung in menschlicher und •geistiger Hinsicht Wir Zionisten wußten, daß ein Aufbau Erez Israels auch eine entscheidende geistige und gemeinsehaftsformende Tat sein müsse, denn es war nicht nur eine gesellschaftliche Schichtung, die wir für gefährlich hielten, sondern auch in entscheidendem Maße der Lebensstil des Durchschnittsjuden; der uns zu einer Revolution unseres ganzen Lebens zwang. Nun in erster Linie sind es sachliche Fragen, die heute bildungsmäßig behandelt werden. Man liest sehr viel ideologische Bücher, bespricht sie und sehr bald zeigt sich, daß das nicht gefügt. Ideologische Bildung, wissensmäßige Festigung in den wichtigsten Fragen des gesellschaftlichen Lebens war notwendig und sie wurde durchgeführt. Heute besteht die entscheidende geistige Arbeit der Umschichtlergruppen in dieser W i s s e n s a u s - bildung. Diese sachliche geistige Arbeit als solche befriedigt jedoch .nicht, da immer stärker die Fragen des Lebensstiles der Neuformung unseres täglichen Lebeng und als sein höchster Ausdruck die Gestaltung der Freizeit in den Vordergrund traten. -Man war gezwungen worden, den gewohnten Rhythmus und die regelmäßige Form eines gesicherten Lebens zu verlassen. Auf der anderen Seite befriedigt die lebensmäßige Form von Bauer 'und Handwerker uns in keiner Weise, sie scheint uns nur Abklatsch schief gesehener bürgerlicher Form zu sein und der letzten Reste der eigenen Form schämt sieh sowohl Handwerker als Bauer beinahe. Wir wußten, daß Reichtum und Kraft eines Lebens sich in der Gestaltung der freien Zeit geltend machen. Hier aber gibt es bis heute noch keine Lösung. Die Lebendigkeiten sind verschiedener Art und liegen bei städtischen und bei ländlichen Berufen vollkommen anders. Der städtische Umschichtler spürt den Mangel an lebendiger Formgebung, aber er ersetzt sie durch vielseitige — oft allzu vielseitige — Aufnahme von Referaten, durch Besuch von Arbeitsgemeinschaften. Er hat die Möglichkeit trotz aller gesellschaftlich-beruflichen Umschichtung geistig ständig angeregt zu bleiben und braucht sich von sich aus nicht in so starkem Maße wie der landwirtschaftliche Arbeiter darum zu bemühen. Dennoch entsteht auch hier die Kluft, zwischen Handarbeit und Form des Lebens. Man fühlt sieh nicht mehr wohl, in dieser Form der geistigen Arbeit. Man hat nicht mehr die Aufnahmefähigkeit für künstlerische Darbietungen. Man sehnt sich nach Musik und ist dann zu müde, um sich darauf zu konzentrieren; um sich in einer Galerie einige Bilder anzusehen, braucht es einen starken Energieaufwand. Dabei sinkt das Gesellschaftlich-Gemeinschaftliche sehr ab. Geselligkeit im echten Sinn ist von innerer Ruhe abhängig. Diese fehlt heute in allen unseren Kreisen und Gruppen. Müdigkeit und Ueberlastung mit organisatorischen Dingen raubt die Kraft zu einer wirklichen* Gemeinschaftsbildung. Und die verpflichtende, gebende Gemeinschaft ist letzten Endes der Ort, an dem sich wirkliche Bildung im men/s c hli ah en Verständnis und im geistigen Austausch entwickeln kann. Noch stärker und unverhüllter besteht diese Frage in der landwirtschaftlichen Ausbildung. Hier beginnt das Problem schon beim rein Sachlichen. Es besteht nur eine geringe Möglichkeit zur intellektuellen Arbeit, schon rein technisch deswegen, weil es wenig Landwirtschaften mit geregelter Arbeitszeit gibt. Den ganzen Sommer über ist intensive geistige Beschäftigung ein Traumwimsch. der nur von den paar Unentwegten verwirklicht wird, die nach sechzehnstündiger Arbeit noch die Lust aufbringen, sich hinzusetzen und ein geistiges Problem durchzuarbeiten. Praktisch bleibt hier die Bildungsarbeit auf Sonntage und die Winterabende beschränkt. Sonntags trifft man sich irgendwo und versucht den Tag auszunutzen. Einer hält ein Referat und kann glücklich sein, wenn die andern nicht einschlafen. Man singt etwas, spricht über landwirtschaftliche Fragen und nur ganz selten kommt etwas auf, das über die Sache hinausgeht und die Menschen als Gemeinschaft bindet, das über sachliches Wissensgut hinaus wirklich menschlich packt und bildet. Vielleicht wird es klar werden, wenn ich eine der wenigen Stunden zeige, wo wir über das Gefühl der Zusammengehörigkeit hinaus auch das Bewußtsein der Gemeinsohaftstat hatten. Wir saßen alle in ziemlichen Abständen von einander auf einzelnen Bauernhöfen. Sonntags zweimal im Monat trafen wir uns. Man sprach, man referierte, las, weil das eben dazugehört und doch wußte man, daß etwas fehlt, es war die Angst da, daß uns " das Organ für die letzte Einheit der Gemeinschaft erstickt war. Die Lieder weckten nicht mehr; sie waren alt, ausgesungen, und wir waren zu weit weg von den Zentren, um irgendwie von außen angeregt zu werden. Plötzlich begann ein kleiner, schwarz verbrannter russischer Junge zu summen, irgendetwas, Töne, die ihm gerade in den Kopf kamen — und ohne zu denken, summten wir mit, begleiteten, variierten, — wir schufen uns unsere Lieder selbst. Für den musikalischen Wert stehe ich nicht ein, aber wir hatten den Weg gefunden zur Füllung ur.seres Tages, der uns gehörte. Das bittere Gefühl, wieder an einem Tag, unserem Tag, sich in Wahrheit nur gelangweilt zu haben, war nicht mehr, wir hatten einen vielleicht kargen und wenig großartigen Weg zur Form gefunden. Ich wollte damit nur deutlich anführen, daß das Bildungsproblem in der Fachausbildung anders geartet ist als sonst. Wir sollen uns nicht darüber täuschen, daß es möglich ist, in der Fachausbildung ein sehr hohes Niveau der Wissensaufnahme durchzuführen. Es wird trotz aller Bemühung nur Stückwerk bleiben. Es kann auch nicht darauf ankommen, allein Wissen zu vermitteln, da die Fragen, die auftauchen, gar nicht Fragen des Wissens allein sind, sondern ganz allgemein die Frage der menschlich-gesellschaftlichen Beziehung zur Arbeit und zum Mit-Arbeiter entscheidend ist. Bildung hat ihren Zweck verfehlt, wenn sie uns Wissensübertragung ist. Wichtig ist in erster Linie, daß die Form gefunden wird, die unseren Menschen eine Stellung als Arbeiter zur Arbeit und zum Lebensstil der Arbeiter gibt. Sie wird sich vereinigen müssen mit einer Bildungsarbeit, die unseren Menschen das klarfundierte Wissen über ihre soziologische Gebundenheit und über ihre historische Aufgabe als jüdische Arbeiter gibt. Seew Meinrath nt0 Qrnoßouch FfUher bei Gerstel «DAMENHÜTE »DAMENMODEN -, r KAlSERSTB-25( Laden) derMentsprechend einfach gfsdiniackvoU u.billig.

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