Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 6 (1927-1928)
- Issue
- 3 (11.1927)
- Date
- 1927-11-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Gemeindeblatt dev SsvaeMikche« Gemeinde KvanVfuvt a. Main Die Gemeindemitglieder erhalten das Ä DU I! <^ V ÄßtU^^AOV Anzeigenpreis für die v-ge,paltens Blatt unentgeltlich. Bezugspreis für . Nonpareillezeile 40 Pfg. NichtMitglieder 40 Pfg. flir die VOV O Bei Wiederholungen Rabatt. Nummer. Zustellung durch die Post. ---------^----------^------^--^ Anzeigenverwaltung: Gemeindehaus Schriftleitung und Verwaltung: 6.Zahtg. FkaNtfUtt Ü. M, MVeMbek 192? As. 3 Fahrgasse!4b. Erdgeschoß. Aus dem Inhalt. Seite Amtliche Anzeigen....................64 Aus dem Semeindevorstand................65 Aus der Gemeindevertretung................65 Brenner, die Arbeit des Jüdischen Frauenbundes in Deutschland 55 Forchhelmer, Soziale Krauenarbeit............. 57 Seligmann, Oer jüdische Religionsunterricht im Jahre 1926/27 59 Hülsen: Aur Ausstellung jüdischer Kunstdenkmäler.....6l Anstalten und Vereine, Versammlungskalender ...... 67/70 Bücherschau.......-...............70 Gottesdienftticher Anzeiger................75 Veränderungen im Personenstand ..............74 Judentum und Christentum von R. Travers Herford. Herford „Die Phar/säer^ (übersetzt von Dr.W- Das Christentum ist eine Religion, die auf dem Glauben an eine Person beruht, und der wesentliche Kern seiner Botschaft ist die Darbietung des He^s durch den Glauben an Christus. Es stellte und stellt den Glauben vor alles sonst. Das zeigt die Tatsache (wenn es überhaupt nötig ist, Beweise anzuführen), daß die Bedingung der Zugehörigkeit zur Kirche ein Glaubensbekenntnis war, das schon zu einem sehr frühen Zeitpunkt die Form einer Reihe von Glaubensartikeln angenommen hatte — kurzum ein Glaube. Der Glaube wurde das Einheitsband, das die Kirche zusammenhielt. Zwar hat die Kirche auch immer eine reine Moral und ein heiliges Leben gelehrt. Aber sie legte darauf nicht denselben Nachdruck wie auf den rechten Glauben. Niemals wurde jemand auf dem Scheiterhaufen verbrannt, wejl er ein schlechter Mensch war. Mit anderen Worten: die Erfüllung des göttlichen Willens stand unter den Zielen, auf die die Kirche hinarbeitete, an zweiter Stelle und nicht an erster. Gewiß ist das eine vollkommen gültige Theorie, und die Kirche war vollständig konsequent in der Art, wie sie diese verfolgte. An ihren Ergebnissen beurteilt, ist sie das Mittel unberechenbaren Segens für die Menschheit geworden. Nun war aber das Judentum im allgemeinen und der Pharisaismus im besonderen eine Religion, die gerade die Erfüllung des göttlichen Wittens an erste Stelle setzte und den Glauben an die zweite. Glauben — nicht an eine Person, sondern an Gott selbst. Der Glaube behielt deshalb im Judentum seinen ursprünglichen Sinn und wurde nie zu etwas, was ein Glaubensbekenntnis zum Ausdruck bringen konnte. Das Judentum hat nie ein Glaubensbekenntnis gehabt, wenn auch Maimonides sich bemühte, ein solches aufzustellen. Aber das Judentum hat, seitdem die Pharisäer auf den Schauplatz der Geschichte traten, die Halacha gehabt, die die Erklärung des göttlichen Willens darstellte. Die Halacha ist das Analogon zum Glaubensbekenntnis. Ob es ihren Urhebern gelang, in ihr den göttlichen Willen völlig zu bestimmen, ist jetzt nicht die Frage. Entscheidend allein ist, daß für sie die Erfüllung des göttlichen Willens das erste und weitaus wesentlichste der Religion war, was immer sonst danach kommen mochte. Pharisaismus und Rabbinismus nahmen also eine ganz eigene Form an, die weit verschieden war von der des Christentums. Sie war eine Erklärung derselben geistigen Realitäten, wie sie auch den Christen gegenwärtig waren, aber sie beurteilte sie von anderen Voraussetzungen aus und legte auch ihre Folgerungen in anderen Ausdrücken dar. Sie war eine andersartige Religion, die also mit dem Christentum nicht in Übereinstimmung gebracht werden konnte, aber sie war in jeder Weise gerade so gültig und hatte ebensogut ein Recht zu leben, — wie sie ja tatsächlich auch existiert hat und noch weiter besteht. Es ist zugegeben worden, daß das Christentum geeigneter war, der heidnischen Welt Segen zu bringen, als das Judentum. In Anbetracht des Zustandes der heidnischen Welt, wie sie damals bestand, war eine Religion mit der besonderen Anpassungsfähigkeit des Christentums für diesen Zweck die beste Religionsform. Das kann der Grund gewesen sein, warum das Christentum überhaupt aufgetreten ist und sich in der Richtung entwickelte, die es dann einschlug. Aber das heißt keineswegs, daß die Wahrheit, die das Judentum vertrat, durch das Auskommen des Christentums - unwahr wurde, noch daß das Judentum als eine selbständige Religionsform etwas von seinem vorher besessenen Wert eingebüßt hatte. Beides erfolgte ja auch nicht; und was noch mehr ist, das Judentum behielt seine Lebenskraft neben dem Christentum weiter als dauernde Mahnung, daß keine Religion, auch nicht jene besondere, all die Möglichkeiten der Offenbarung erschöpfte uno oas Ganze oer göttlichen Vorsehung ver Menschhei gegenüber umschloß. Das Christentum vertrat ein Ideal, das Judentum vertrat ein anderes, uud beide Ideale waren Manifestationen dessen, was Gott der menschlichen Seele gezeigt hatte. Wenn wir mit Ehrfurcht von der göttlichen Vorsehung sprechen, wie sie sich in der religiösen Erziehung der Menschheit offenbart, können wir da nicht sagen, daß diese Vorsehung zu ihrer Erfüllung diese beiden Religionen benötigte und nicht nur die eine? Dieser Auffassung trete man nicht dadurch entgegen, daß .man sagt, das Christentum habe das Beste in der jüdischen Religion angenommen und es mit dem Besten in der heidnischen Religion verbunden, auf welche Weise es die einzige, höchste Weltreligion wurde. Meine Ansicht ist, daß, wenn auch das Christentum aus diesen beiden Quellen geschöpft hatte und dadurch das wurde, als was es in der Geschichte erscheint, daß es dennoch das Judentum als sein Korrelat brauchte, weil das Judentum religiöse Elemente vertrat, die im Christentum nicht vorhanden waren und auch mit ihm unver-