Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 5 (1926-1927)
- Issue
- 5 (1.1927)
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Wir müssen allerdings zwei Arten religiöser Vorträge unterscheiden. Neben der eigentlichen Predigt, die „formen" will, „bilden" im wörtlichen Sinn, steht die Schrifterklärung. Sie will nichts anderes sein, als eine Hilfe zum Verständnis des Thora- oder Prophetentextes. Sie gibt nichts Persönliches, hält sich von allem Subjektiven fern und begllügt sich damit, das Gegebene zu erklären. Sie ist kein eigentlicher Lehrvortrag, denn sie geht nur aus Einzelheiten ein, die das unmittelbare Verständnis erleichtern sollen: in unseren liberaleil Synagogen hat sie oft keinen anderen Zweck, als den Besuchern der Synagoge den Inhalt der Thoravorlesuug zu vermitteln. Sie gehört mit zu den Vorarbeiten, die die eigentliche Predigt erst ermöglichen sotten. Darüber hinaus allerdings gibt sie auch in der eigentlichen Predigt oft die Grundlage, die schon rein äußerlich die Predigt zu ciuer jüdischeu stempelt. Rein sormell stellt sich bei der jüdischen Predigt nämlich die Frage so: Wie weit läßt sich in die objektive Gegebenheit unseres Gottesdienstes das freie subjektive Moment einfügen? Das wird dann der Fall sein, wenn das freie subjektive Wort aus dem objektiven jüdischen Geiste heraus geboren ist und sich wieder an ihm orientiert. Nicht das macht die jüdische Predigt, daß sie möglichst viele hebräische Zitate und Midraschim enthält. Aber allerdings soll das, was der Prediger zu sagen hat, sich beglaubigen an dein, was Geschichte und Literatur als die wesenhasten Momente der jüdischen Seele zeigen. So hat die jüdische Predigt eine allgemeine Form: In ihrem zergliedernden Teil weist sie an den verschiedenfachen Ichöpfuugeu der jüdischen Seele eine bestimmte seelische Stellung bestimmten Problemen gegenüber auf, um aus dieser Haltuug ein Verhältnis zu den Fragen der eigenen Gegenwart zu gewinnen. — Sofern man das Recht einer individuellen Aeußevung, einer Predigt, aus den Gründen und in den Grenzen, von denen oben gesprochen wurde, anerkennt, wird man auch die sremde Sprache nicht als dem Wesen des Gottesdienstes fremd empfinden, denn der Mensch ist eine Einheit und wenn wir das, was uns objektiv überliefert worden ist, auch nur in der überlieferten Form bewahren können, so muß in dem, was wir subjektiv hinzufüge», die Ausdrucksweise unseres subjektiven Lebens Geltung haben. An welchen objektiven Gegebenheiten und in welcher Weise der Prediger eine bestimmte seelische Haltung herauskristallisiert, welche Probleme des lebendigen Lebens ihn zur Aeußerung zwingen, dafür gibt es keine Regel. Hier wird jede Zeit anders sehen und anders sprechen, hier wird der Unterschied in der Beurteilung der religiösen Entwicklungstendenz stets verschiedene Resultate bewirken. Hier wird vor allem stets die Individualität dessen, der redet, die Predigt gestalten; denn die letzte Wahrheit, auch in der Theorie der Predigt bleibt: was für eine Predigt einer hält, hängt davon ab, was für ein Mensch er ist. Zur Psychologie des jüdischen Monotheismus. Von Binjamin Segel. Aus Anlaß des Wiederauflebens Lombart'scher Theorien. lSag, weißt du, wer unser Gott ist? Der alte Gott Israels ist's, der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, der große, heldenmütige und erhabene Gott, der alles Lebende in Liebe ernährt, der die Toten in seiner großen Gnade erweckt, der die Fallenden stützt, die Kranken heilt, die Gefangenen erlöst und seine Treue bewahrt denen, die im Staube schlummern, der dem Menschen Vernunft schenkt und ihn Einsicht lehrt, der König, der Recht und Gerechtigkeit liebt. So haben w'ir das als Kinder von unseren Eltern gelernt, und die hatten es von den ihrigen, und diese wiederum von den ihrigen bis weit urück in unvordenkliche Zeiten. Aber wir werden umlernen müssen. Das war alles ein Irrtum. Denn siehe, es sind große Gelehrte aufgestanden, die es besser wissen; nämlich was wir denken und fühlen, und was uns unsere Vorfahren überliefert haben, dies wissen sie viel besser als wir. Und in vielen dicken und sehr gelehrten Büchern haben sie es der Welt verkündet. Zuerst taten es nur die Gottesgelahrten, deren spezieller Beruf es ist, uns den lieben Gott so unverständlich zu machen, Wie es jedesmal der allerneueste Stand der Wissenschaft erfordert. 2 Diesmal lehrt uns Herr Professor Werner Sombart, was unser Gott ist: ein großer Geschäftsmann; und unser Verhältnis zu ihm: ein Vertrag. Nicht ein Blind aus Leben und Tod, sondern ein Kontrakt aus gegenseitige Leistung: ich gebe dir das und du gibst mir das; ich bin dir das schuldig und du -bist mir das schuldig. Fein säuberlich, geschäftsmäßig, nach den kaufmännischen Usancen. Und da die Inden selber, und sie zuerst, gelehrt haben, daß Gott die Menschen nach seinem Ebenbilde geschaffen habe, so ist es nun kein Wuuder, daß sie selber solche guteu Geschäftsleute sind. Ihre Religion ist ja nur oine Form des Kapitalismus. Kurzum: unser Gott i st M a m mon! Jules Huret -überliefert eine hübsche Szene, die ihm der Rektor eines Jesnitenkollegs in Nordamerika erzählte. Ein Mnkee, der seinen jungen Sohn dorthin zur Erziehung gebracht hatte, zog beim Abschied einen Dollar hervor und sprach zu dem Jungen: „Alles was die hochwürdigen Patres dir sagen, sollst du -glauben, aber eins merke dir stets und laß' es dir nicht ausreden: Du hast keinen anderen Gott als diesen da!" Man darf wohl getrost behaupten, daß ein jüdischer Vater, auch wenn er nicht so fromm war, seinen Sohn unter geistlicher Obhut erziehen zu lassen, noch nie zu seinem Kinde ein solches Wort gesprochen hat. Trotzdem kann Sombart dozieren, das ganze (jüdische) Religionssystem sei im Grunde nichts weiter als ein obligatorischer Vertrag zwischen Gott und seiuem altserwählten Volke, wonach Gott etwas verspricht und gibt, während die Gerechten ihm dafür eine Gegenleistuug zu machen haben. Wie einer ist, so erscheint ihm das, was er in der Welt sieht, sagt^das Sprichwort. Wir Juden sagteil stets: Gott hat mit uns einen Bund (bsritb) geschlossen. Das sollte gewiß ausdrücken, daß der Mensch Gott freiwillig anerkennt und sich feinem Willen itnd sei':?r Führung vertrauensvoll unterwirft. Mag ein Philosoph das als eine Selbsttäuschung des religiösen Bewußtseins auffassen. Aber in einem Bunde kann man nicht einen bloßen Vertrag ans deni Grundsatz „äo ut äss" erblicken. Schon weil unser Bund nicht kündbar ist wie ein Vertrag. Möge doch unsere ganze Gebetsliteratur vor aller Welt Zeugnis ablegen, vom viernndvierzigsten Psalm, dem klassischen Märtyrer-Psalm angefangen, bis zu den letzten „Selichoth". Dieser Name „Selichoth", Verzeihungen für die Lieder und Gebete an den Gedenktagen blutiger Verfolgungen und grausamer Ausrottungen, ist selber bezeichnend genug und spricht mehr als dicke Geschichtsbände. Wenn die Kreuzzüge ganze jüdische Gemeinden in ihrem Blute ersäuft hatten — und so oft und wo immer in der Welt sich das wiederholte —, warfen unsere Borfahren nicht ihre Bibeln fort und bündigten ihrem Gott nicht den „Vertrag", sondern sie versammelten sich und beteten zu ihm, daß er ihnen ihre Sünden vergebe. Ihre Sünden! Denn es war klar für sie, daß sie Wohl gesündigt haben müßten, da er Ungemach über sie geschickt hatte. Und da wir gerade bei den Gebeten der Juden sind, so muß auch eine andere Seite des Problems berührt werden. Der Bund zwischen Gott und Israel wird häusig als ein Liebesbund, als ein Ehebuud aufgefaßt, und zwar von den ältesten Zeiten der Propheten bis auf die heutigen. Es sei nur an den einen ergreifenden Vers erinnert: „Ich gedenke dir deiner jugendlicheu Liebe, deiner .bräutlichen Hingabe, da du mir folgtest durch die Wüste, durch saatenloses Land . . ." Die Gemeinde Israel ist, bildlich gesprochen., die Braut und die angetraute Gemahlin Gottes. Nun reden wir einmal ganz irdisch. In -fast jedem Ehebündnis werden überall in der Welt gewisse vermögensrechtliche Grundsätze und gegenseitige Verpflichtungen, die in sehr Prosaische und nüchterne Formeln gefaßt sind, stipuliert. Aber wer würde den wahren, gefühlsmäßigen Inhalt einer Ehe durch die Formeln des Ehepaktes erschöpft wähnen? Wenn Abälard und H-sloise ein Paar geworden wären, so würden ihre Allverwandten wohl einen Ehekontrakt aufgesetzt haben. Wenn Frau voy Stein zehn Jahre jünger gewesen und zehn Jahre früher Goethe begegnet wäre, so würde sie — zu seiner Ehre sei es angenommen — seine rechtmäßige Frau geworden sein, dann wäre Wohl hierüber beim Notar ein rechtsgültiger Akt voller Pavagraphen aufgesetzt worden. Vielleicht findet sich auch im Familienarchiv der Humboldts zu Tegel noch der Ehevertrag zwischen Wilhelm und Karoline von Humboldt. Wer wer würde es Wohl wagen, das Verhältnis zwischen