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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1926-03-01 · 7 (3.1926) · page 8

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
4 (1925-1926)
Issue
7 (3.1926)
Date
1926-03-01
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Verfalle de» Sffentlichtn ^Gottesdienste» wird nach den Akten »einzig in de<täglich mehr'zur Mode werdenden Prtoatonftalten^ gesucht. Eitelkeit. Stolz. Bequemlichkeit werden als Gründe für die Errichtung solcher Privatschulen angeführt. Die Synagogen seien leerv nur von Bettlern und Armen besucht, während die Wohlhabenden in ihren Häusern ihre Prtoatandachten hielten, teil» au» Bequemlichkeit, teils aus einem gewissen Dornehmtun, .um sich oom PSbel abzusondern* Die Religion verlang« aber, daß alle Glieder der Gemeinschaft sich bei den Gottesdiensten! sammeln. Hier gleiche sich aus, was die Welt geschieden, und! hier stehe der Aeiche mit dem Armen als Bruder vor seinem Gott, , Dergestalt war die Klage, die man mit einem Gesuch, die! Neberisonagogen auszuheben, bei dem Fürsten Primas durch den! fürstlichen Kommissar ankuuchte. Der Fürst tat. was die Obrigkeit! in solcden Fällen zu tun pflegte. Er gewäkrte und versagte. Und so liefj er von den Nebensynagogen die Hospital-, dle Kranken» Raffe-, die Rabbiner-, die Retß'sche, die Klaus, die Haas'sche und die Ieschtwa-Synagoge fortbestehen. Für andere Synagogen behielt er sich feine Erlaubnt» .auf oordersamsie Vernehmung der Israelitische« Verwaltungsbehörde Über deren Zweckmäßigkeit" vor In dem eigenhändigen Uandvcrmerk dcs Fürsten findet sich der Satz. »Oportet esse l»aeresi»,ut ms^ii« elu^e»t veritss" (Zekteuoildung ist nützlich, damit die Wahrheit stärker leuchte). Frau Stella Rothschild, geb. Schott. Geb. 14. w. I«4t> zu Randegg. gest. 1. l!W zu Frankfurt a. M. Es ist schwer, fetzt, da der Schmerz noch nicht dura» die Zeit geklärt ist. etwas zu sagen über Frau Stella 'Rothschild. Wir wollen versuchen, zu erzählen von ihr, der treuen Mutter, der sorgenden Gattin, der zärtlichen Tochter. l^Mit trcueslcr Treue hing sie am Heimatort Aandrgg, im Hegau Hier wohnten Urgroßeltern und Großeltern, die ihr. die den starken Famlllrnsinn hatte, lebendig waren, wie ihre Eltern. Früh schon zeigt sich ihr überlegener Geist, mit fahren kommen ihr die ersten Verse zugeflogen; sie sind biblischen Inhalts — und die Bibel ist ihr Lcbensduch geblieben. Es stellt ein Vild vor uns auf: Am Fenster si;;en die Geschwister, die Schwester den Kopf liebevoll hingeneigt, hörend aus das. was der Bruder lies«.! Vor ihm aus dem Tische ruht in dickem Pergamcutband die Phillopsohn'fche Bibel, vom Vater, dem Rabbiner Leopold nchvtt, in Lieferung gesammelt, und Moise Schott .mein Aloise" liest > seiner Schwester Morgen für Morgen die Geschichte Israels vor! und oft hörte man Frau Stella Rothschild sage», wie verkehrt es sei.; den Juden Feigheit vorzuwerfen angesichts der Tapferkeit, die das Volk Israel in seinen Kriegen bewiesen habe Mit 12 Iahren wird sie von dem Lehrer Moos, von dem wir sie zeitlebens mit größter Achtung sprechen hören, aus der i Schule geschickt, denn die .Stella" wisse seist mehr als er. Es I könnte tragisch fein, das, ihr, der Wissensdursligcn. Lernbegierigen mit 12 Jahren die Schulbildung abgeschnitten ist. daß im Jahre l5'.»4. 21 Jahre vor dem Tode, das Augenlicht so schwach wird, daß strenges ärztliches Verbot ihr das Lesen vern-ehrt Ader in diesem Leben ist nichts tragisch, sie — das Sonncnkind ihres Elternhauses - birgt eine Lebensfreude, einen Humor in sich, die jede Tragik t» Harmonie auslöset. Die Schule ist ihr verjagt: Sie lernt vom glühend verehrten Vater, von der Mutter, der Tochter de» Lalmtd Ehochom Meier Randegger. Sie darf nicht mehr! selbst leien. sie läßt sich „orlese-i. von Kindern. Schwirgcrkindeu,. > Enkeln. Freunden. Sie ist lernbegierig noch im höchsten Alter.! Mit tiä Jahren noch bestellt sie sich jede» Samstag Mittag de»! Ihrer Enkel, der de» Namen des geliebten Gatten trägt, und läßt sich von ihm informieren über Dinge der Politik, über alles, was er gerade in der Schule lernt. V^n ihrer Mutter, der Iricftinerin. lernte sie italienisch, und sie übt diesihr geläufig? S??achc!n Korrespondenzen mit den in Italien wohnenden elterlichen Verwandten. Familiensinn ist ihr von den Eltern eingeprägt. Verwandtschaftliche Beziehungen, von den Eltern gastlich gepflegt, sie heat sie weiter. An ihr mütterlich warmes Herz drückt sie alle, die nach ihrem wannen Gefühl zur .Familie" gehören und so kommt es. das; die Enkel ihrer Cousinen sie als Großmutter liebe» und verehren. Sie ist heute nicht nur Kindern, Enkeln. Urenkeln weggerissen, es trauert um sie die große Zahl derer, die durch verwandtschaftliche und sreundschaftliche Beziehungen sich um sie scharten. denen sie niemals triviale Dinge sagte, denen sie immer etwas persönliches zu geben hatte. Wie oft hörten wir sie sagen: Die Liebe wird j kommt^ im Gegenteil die Liebe wird immer größer, je mehr sie > umiaNt Und so spendet sie denn reichste Liebe, den Eltern, dem > Gatten, den Kindern, den Enkeln. Im'S5. Lebensjahr weint sie. weil ihr geliebter Vater so früh diese Erde oerlassen mußte und keines ihrer Kinder bannte, und immer erzählt sie, daß ihre Mutter prophetisch voraussah, wie ihre Kinder einst kräftig sein und sie auf Händen tragen werden. Ganz im Sinne ihres Elternhause» erzieht sie Kinder und Enkel, und bringt eines ihrer Endel einen Ausdruck mit nach Hause, der ihr nicht gefällt, so wehrt sie es mit den Worten ihres Vaters: .Das Wort wirst Du nie mehr sagen". Sie sieht in jedem ihrer Kinder die Begabung und weiß sie zu fördern. Sie genießt jedes Glück ihrer Kinder als ihr eigene» und dankt aus der reichen Tiefe ihres Herzens jedem Einzelnen ihrer Kinder, die ihr höchstes Glück darin sehen, chrer Mutter da» Leben zu verschönern. Sie hat schwere Zeiten erlebt und alle überstanden, treu ihrem Gatten zur Seite stehend, ihre Kinder vorbereitend sür den Kampf des Lebens in a'ter Frömmigkeit Auch in Schwerer Zeit behält sie ihren Sonnenschein und Humor. Gott hat sie mit reichster Begabung gesegnet Mit ihrer herrlichen Singslimme sang sie im Snnagogenchvr ihrer Heimat. Sie sang noch acht Tage vor ihrem Tode Lechs Daudi. Die literarische Begabung war der Stolz ihres Gatten. Vor uns liegen zwei schön gebundene Bücher .Stella Rothschild. Gedichte und Gedanken in Liebe und Dankbarkeit von ihren Kindern zum 70. und ttO. Geburtstag gesam-nelt", worin Gedichte an ihn. an die Eltern enthalten sind All' ihre Kinder sind darin liebevollst charakterisiert. Gedanken jüdischer, geschichtlicher, literarischer Art sind darin enthalten. Die Tagesereignisse hört sie, ihr weiser Sinn vergleicht sie mit vergangenen Geschehnissen, und ihrer Feder entfließen Erinnerungen und Anregungen für ihre Zeitgenossen. Sie tritt in Verbindung mit sShrenden Persönlichkeiten. Der Kaiserin Friedrich sendet sie ein Trauergedicht beim Tode ihres Gatten und zeigt bis ins höchste Alter die ihr zuteil gewordene dankende Antwort. Sie trilt V5jährig noch in Korrcspooenz «it Dr. Eckner von der Zeppelinwerst, anläßlich des Am-rikaslugs. sie protestiert mit seinstem Humor gegen den unwürdigen Plan des Schillerdeilkmals in Frankfurt a. Main. Sie nimmt schriftlich Stellung gegen die Iudcnzählunq von lUlti und noch im vergangenen Sommer lasen wir voll Freude, wie die 5>5>jährige in der Frankfurter Zeitung für ihren Liebling Vkrthold Auerbach spricht. In eine,» Erinnerungsaussali an das Jahr bekennt sie, wie ihre Familie dem anacslammten qroßherzoglichen Hause ergeben war. Auch die Umwälzung dcs Jahres l'.»t» hat nicht vermocht, ihre Verbundenheit mit all' dem Guten, was den badischen Juden aus der Rcgicrungszcit des Großhcrzogs Friedrich des l. stammt, irgendwie zu stören. Sie hat den neuen Verhältnissen nicht das Vertrauen entgegengebracht, das viele andere vcranlaßten. sich mit ihnen abzufinden. Ihrer Wahlpflicht hat sie noch als ^jährige genügt- Ihr harmonisches Leben schloß, wie sie es sich gewünscht hatte, sie schlief ein, wie ihre Mutter und ihre Geschwister und man kann von ihr sagen, was die Bidet von Abraham sagt: Sie verschied und slarb in einem beglückten Greisenaltcr. alt und lebenssatt und wurde versammelt zu ihren Vätern. Zacob Scherer. Geb.V.Mai zuSinshllm. gest.».Februar 1926 zuFrankfurt a.M. In den kürzlich erschienenen Lebenserinnerungen eine» bekannten Schriitslellers werden erste Iugcndempsindungen au» Karlsruher Gnmnasialzcit geschildert, heiß! da: ersten Schulcindrücke waren wundervoll. Ich schwärmte fü? Herrn Scherer. Er war - nach Vater — der herrlichste Mensch. Ich schloß ihn abends ins Gebet mit ein". Wer zählt die Namen der jungen Menschen, in deren Herzen Jakob Schcrer, der gottbegnadete Pädagoge, sich wie in diese» Halle ein unvergängliches Denkmal gesetzt dat! Wer hätte wie er es ocrslanden. durch Lehrkunst Lernsreude zu erwecken! W<nn er seinen Schülern und Schülerinnen?d>? und 5??::?2lle Kenntnisse »ur Beruf und Leben gab. leh-te er jie zugleich in Begeisterung glühen für alle hohen Ideale. Er war der Mann. der. wie Generalionen feiner Zöglinge immer wieder betonten, unauslöschliche Eindrücke in ihrer Seele hinterließ- D^s war ein Lehrer, der lebte, was er lehne. So naturgemäß er Wissensstoffe in methodisch wohlgeordneter, faßlicher Weise vermittelte, so selbstverständlich wirkte ine G?a?hcit. Wahrhaftigkeit und Unbeslechiichkett feines Wesen». Jacob Scherer glaubte an seine heilige Sendung, und ein gütige» Geschick gab ihm Klarheit des Blicks und ein feine» und kluge» Urteil über Menschen und Dinge. Sein ganzes Lehrerleben war erfüllt von Beweisen der Liede ehemaliger Schüler aus seilen früheren Wirkungsstätten: Gernsbach. Frcidurg. Karlsruhe. Um das Philanthropi». die Anf:aK an de? c? 36 Jahre fez-nsr-ich wirkte, hat er sich unvergängliche Verdienste erworben Sein Lehrtalcnr. sei.,e religiöse Gesinnung, feine Liebenswürdigkeit trugen nicht i-enig zum Ansehen dieser Unterrichts-niialt der jüdischen Gemeinde unserer Stadt bei. Und als Jahrzehnt an Jahrzehnt sich reihte, und im Jahre 1913 der Moment gekomme» war. va Scherer ia den Äuhrjlano trat, da begann er ein wundervares Talent zu entfalten in der Kunst, alt zu werden, ohne es zu sein. Sei» Kontakt mit der Schule, an der seine Seele hing, blie» Fortsetzung aus Seite 10

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