Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1885
- Issue
- Heft 4 (16.3.1885)
- Date
- 1885-03-16
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Nr. 4. . S e l b st - E m a n c ip a t i o n! (Das 35jährige Jubiläum der Pariser „Alliance Israelite Universelle“) wurde in vielen jüdischen Gemeinden am Tage des Purimfestes feierlichst begangen. Ueber die Feier dieses Jubiläums in Konstantinopel schreibt man: „Einen feierlichen Anblick bot die Straße von Galata. wo sich der neu erbaute Tempel des würdigen Herrn Camondo befindet. Es fuhren unzählige Wagen mit ihren festlich gekleideten Insassen vor. Eine unübersehbare Volksmenge versammelte sich, um der Festlichkeit zu Ehren des 25jährigen Bestehens der „Alliance Israelite“ beizuwohen. Dieses Fest war ein wahrhaft impoiantes geworden. Die Staatswürdenträger, die hervorragendsten Persönlichkeiten haben es mitgefeiert. Die nach portugiesischem Ritus geschmackvoll ausgestattete Synagoge war heute festlich geschmückt und heute ausnahmsweise fungirte in diesem Gotteshause ein Sängerchor mit Orgelbegleitung. Die Festrede hielt der Großrabbiner in ungemein fesselnder Weise. Er rühmte die segensreiche Thätigkeit der „Alliance" und hob hervor, wie sehr sich dieselbe zu jeder Zeit der Gunst der glorreichen Monarchen, darunter auch des Sultans. erfreue. Bei jeder Gelegenheit — sagte Redner — überscdüttete uns der glorreiche Herrscher mit seiner Huld und Gnade. Aus dem eigenen Munde des Sultans kommen die Worte: „Es wird mich jederzeit freuen, wenn die Juden sich bestreben werden, Funktionäre im Osmanenreiche zu werden. Dann wird es gewiß keine hohe Stellung geben, welche ihnen nicht zugänglich wäre." Bei dem letzten Brandunglück, in dem von Juden meistentheils bewohnten Vororte Haskiöi war der Sultan der Erste, welcher unseren verunglückten Glanbeusgenossen zn Hilfe eilte. Er spendete nicht nur reichliche Gaben, sondern bildete selbst rin Hilfscomite, an dessen Spitze er in höchst eigener Person als Präsident trat. — Nach dieser Rede nylrde das Kaisergebet verrichtet. Hierauf hielt der Präsident der französischen Cvlonie, Herr Bloch, eine treffliche Rede, in welcher er ebenfalls mit Worten des Lobes nnd der Dankbarkeit der Leistungen der „Alliance" gedachte, deren Vertreter in Konttantniopel die Herren Veneziani und Fernande; sind. Rach der Ansprache des Herrn Bloch ergriff der anwesende Regierungsvertreter das Wort. Er sagte unter Anderem: „Es gereicht mir zur besonderen Ehre und wahren Freude, sowohl im Namen Seiner Majestät des Sultans, als auch im Namen des ganzes Reiches der löblichen „Alliance Israelite“ zu ihrem 25jährigen Jubiläum die herzinnigsten und aufrichtigsten Glückwünsche barbringen zu können. Wir sind wohl nur Zuschauer bei diesem Feste, aber es erfüllt uns mit freudiger Genugthuung, die Bemühungen der Israels-Söhne auf der Bahn des Fortschrittes und der Aufklärung von so schönen Erfolgen gekrönt zu sehen. Es drängt sich uns dabei die Ueberzeugung auf, daß die Sprosse» Israels nicht nur unserer Nächstenliebe, sondern auch unserer moralischen und historischen Verwandtschaftsliebe vollkommen würdig sind." Diese Woite, mit seltener Aufrichtigkeit und nicht wiederzugebender Jmiigkeit gesprochen, verfehlten nicht, den tiefsten Eindruck auf die zahlreichen Zuhörer hervorzurufen. (Die Juden i« der ruffischen Armee:) Nrch dem uns vorliegenden Berichte des kaiserlich russischen Kriegsministeriums über die Aflentirung im Jahre 1884 wurden für das stehende? Herr und die Flotte 221.116 Mann mit Einschluß von 7772 Juden ausgehoben, das ist um 3000 Köpfe weniger als im Vorjahre. Militärpflichtig waren im abgelaufenen Jahre 796.514 Personen, darunter 37.932 (Druckfehler-Berichtigung ) In der vorigen Nummer soll es in der mit „Herr Eliah Scheid" überichriebenen Notiz statt Alliance Israelite Nouvelle selbstverständlich Alliance Israelite Universelle heißen. Korrespondenzen. Lemberg. (Non habemus pap am.) Die sancti Agudianer, die bekanntlich auf Umwegen die Massentaufe der Juden anstreben und in der letzten Nummer ihres Blättchens das Volk Israel zum nachahmungswürdigen Beispiele anffordern, es ebenso zu thun, wie es in der jüngst neu eingeweihten Synagoge, zn Tisza-Vorkany geichah, daß in Ermanglung eines jüdischen Rabbiners der katholische Geistliche die Inaugurations-Ansprache hielt, lassen traurig ihre Köpfe hängen und gehen trostlos, aller Welt ihr Leid klagend, herum. Ihr bisheriges Oberhaupt nämlich, der gelegentlich der letzten Generalversammlung der heiligen Schaar, mit siegesstrahlender Miene verkündete : „Der P an j udais muS fei glücklich beseitigt", witteit nunmehr die in Bälde in Aussicht gestellte Vorsteherwahl in die jüdische Cnltnsgemeinde und hat, um nicht ganz mit der hiesigen Judenschaft, die ohnedies auf ihn genug erbittert ist, zu brechen, sein Mandat als Obmann des Vereines niedergelegt. Der Lament und das Wehgeheul der Aeffer (Assimilanten) ist unbeschreiblich. Aber — es gilt das Vorsteher-Mandätchen zu erhalten — Euer Flehen und Bitten ist daher umsonst. — In ihrer Verzweiflung boten die Untergeher-Apostel den curulischen- Stuhl einem andercii Manne aus ihrer Mitte an, doch — o weh! — auch dieser, wahrscheinlich aus eben denselben Gründen wie sein Vorgänger, lehnte dankend ab. Die armen, jammernden, unmündigen Kuäblein, bei denen, wie seinerzeit der hiesige „Israelit" richtig bemerkte, der Lehrer einst die Ruthe zu viel gespart, stehen nun ganz rathlos da. — Helfe, wer helfen kann! (Lemberg). Sitzungen ohne Ende. Die Häupter des hiesigen Vorstandes befaßte» sich am 20. Februar zur Abwechslung mit dem Lehrerseminar. Zu dieser Sitzung wurden auch die Herren Rabb. Dr. Kodak, Em. Frankel und der Polonomane, Herr Director Landes geladen. Dort soll es Verschiedenes für und wider die „Allianz" abgesetzt haben, bis schließlich ein Zgliedriges Comite (aus den Herren Dr. Byk, Rabiner Löwenstein und Frankel bestehend) zum Entwürfe des Budgets gewähll wurde und nun mag die Sache wieder schön ruhen. Es ist wohl hier nicht der Ort die Seminarfrage auf ihren Werth zu prüfen. Aber der Ueberzeugung darf man sich nicht verschließen. daß dieses Institut bei einem solchem Vorstande völlig aussichtslos ist. Die Wiener „Allianz" thäte besser, wenn sie vorerst ihre volle Aufmei ksamkeit dem Centralcheder zuwenden und die Gründung eines Seminars für polnische Religionslehrer, welche hier zu Lande vor Hunger sterben müßten, einer spätem Zeit überlassen würde. Eine zweite Berarhung fand im Hause des Herrn Banquier Stroh statt, über die Ermöglichung der Realisiruug einer höheren jüdischen Lehranstalt, etwa nach Art eines Gymnasiums. Schon im Jahre 1873 hat Herr Dr. Vierer de» Plan gefaßt, ein derartiges jüdisches Gymnasium im Scomer Israel einturichren und setzte sich mit dem damaligen Reichs, alhsabgeordneten und Schulrath Dr. Janowski zur Äerathung des Schulplanes ins Elttvernehmen. Der selige Dr. Janowski versprach dem Wecke seine Unterstützung. Doch die Sache schlief ein, da sie eben als jüdische wenig Interesse erregte und Herr Dr. Bierer nach Wien abreisen mußte. Diesmal dürfte es eher gelingen, da Herr Stroh nnd Herr Dr. Holzer eine jährliche Unterstützung an Geld versprachen, während die hiesigen Mitglieder der Wiener „Kadimay" den weltlichen Unterricht gratis zu eitheilen vereinbarten. Von der Unterstützung der „Allianz" hängt das Gelingen des großen Werkes ab. Z . . . Ulm. („Israelitischer Leseverein in Ulm.") Wie alljährlich hielt der hiesige israelitische Lesevcrein am 1. d. M. seinen Purim-Cvstümball ab. Derselbe war