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Programm · 1907-01-01 · 1907 · page 6

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Journal
Programm
Volume
1907
Date
1907-01-01
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Tiefe, innige Wehmut bildet das gemeinsame Band zwischen all denen, die sich zu dieser Trauerfeier versammelt haben. Ist Hermann Baerwald auch in einem Alter, wie es wenigen der Sterblichen zu erreichen vergönnt ist, uns entrissen worden — unvermindert bleibt der Verlust, wie für die Seinigen, so für alle diejenigen, die sich seiner Freundschaft, seines Rates und seiner Erfahrung erfreuen durften, für alle die zahlreichen Institutionen und Personen, deren Entwicklung er mit väterlichem Auge verfolgte. Erhöht wird diese unsere wehmutvolle Trauer noch durch das Bewusstsein, dass seinem Hinscheiden schmerzreiche Leidensjahre vorangingen, die ihm das Köstlichste, was ihm das Leben bot, das Wirken zum Wohle der Menschheit, immer mehr erschwerten und zuletzt unmöglich machten. Nun, nachdem er allem irdischen Leid entrückt, mag von dieser Stelle aus, an der der Heimgegangene durch 31 Jahre Worte der Mahnung und Anregung am Beginn oder Schluss des Schuljahres, Worte der Erhebung und Begeisterung bei den Festen, die die Schule feiern durfte — auch so manches Mal Worte tiefer Trauer kündete, wenn ein Mitglied des Kollegiums unserem Kreise entrissen wurde, das Bild seines vielgestaltigen Lebens und seines segensvollen Schaffens vor uns wachgerufen werden: Dem zahlreichen Kreise seiner Verehrer, insbesondere seinen früheren Mitarbeitern und Zöglingen, zur erhebenden Erinnerung, denen, die nach ihm an der Stätte seiner Lebensarbeit tätig sind, zur Nacheiferung, der heranreifenden Jugend unserer Schule als hehres Vorbild für die Gestaltung. des eigenen Lebens! In einer seiner formvollendeten und gemütstiefen Abhandlungen schildert uns Moritz Lazarus nach eigener Anschauung das Leben und Treiben innerhalb der jüdischen Gemeinden des deutschen Ostens in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts. Die Hausväter, ehrenwerte tüchtige Geschäftsleute, vertreten inmitten der ungebildeten Bevölkerung die Intelligenz des - Städtchens, ein unablässiges Streben nach Fortbildung zeigt sich allerorten , alle erfüllt das Bewusstsein, dass der Eintritt in die moderne Kultur den Juden Verpflichtungen auferlegt hat, die durch die bisherige, ausschliesslich dem religiösen Schrifttum zugewandte Erziehung nicht erreicht werden können. Mit regem Eifer widmen sich diese Männer, namentlich die Leiter der Gemeinden, auch den politischen Angelegenheiten; in dankbarem Gefühl für die ihnen gewährte Gleichberechtigung sind sie die Träger wahrhaft königstreuer Gesinnung, aufrichtige und treue Bürger des preussischen Staates. Lebhaft beteiligen sich an den Bildungsbestrebungen der Männer die wackeren Hausfrauen; das behagliche-jüdische Heim durchweht der Geist der klassischen Periode der deutschen Poesie. Auch bei der veränderten oder vielmehr erweiterten Bildung bewahrt sich die Jugend die alten Vorzüge des jüdischen Hauses; die ehrfurchtsvolle Liebe zu den Eltern äussert sich in treuer Anhänglichkeit und herzlich dankbarer Gesinnung, auch wenn die Kinder schon längst vom Elternheim geschieden sind und in weiter Ferne das eigene Glück suchen.

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