Programm
- Journal
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- Volume
- 1905
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 8 (sequence 52)
- Language
- German
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— 8 _ Ausdruck zu bringen, was in .so vielen loht, die liier zu unserem Feste vorhinigt sind. Au* bernfeneroiu Munde wird die Bedeutung der Anstalt Ihnen dargelegt worden, die durch ein Jahrhundert ihrer Devise: „Für. Aufklärung und Humanität" treu gehlieben ist. Was Generationen ihr verdanken, das lässt sieh nicht zusammenfasse« in wenige Worte. Wie sie durch ein Jahrhundert einen Faktor bildete in dem Geistesleben dieser Stadt, so zeigte sich auch der Erfolg ihrer Arbeit in dieser Stadt und weit über ihre Grenzen hinaus. Auch sie hat in Gemeinschaff, und in edlem Wettbewerb mit den anderen 'Bildungsanstalten, die aus dem fruchtbaren Bodeiv des Frankfurter Gemeinsinnes erwachsen sind, gewirkt für die Erziehung der Jugend zum Guten, für Bildung und für Veredlung, für Duldsamkeit und allumfassende Menschenliebe. Diese Festesstuntie legt Zeugnis dafür ab, dass ihre Arbeit nicht verloren war. So möge denn die Jahrhundertfeier des Philanthropins beginnen, den Aelteren zur Erinnerung, den Jüngeren zur Naeheiferung. uns allen zur freudigen Erhebung.4' Hieravif ergriff Herr Direktor Dr. Adler das Wort zu folgender Festrede: „Die Stätte, die ein guter Mensch betrat, ist eingeweiht; nach hundert .fahren klingt sein Wort und seine Tat dein Enkel wieder.'1 Bei der Erinnorungsfeier, die uns heute festlich vereint, sei das erste meiner Worte dem Andenken Siegmund G eisen Ii eimers geweiht, der vor nun 100 Jahren das Philanthropin ins Leben gerufen hat; indem wir sein Wort in uns lebendig werden lassen, indem wir die Ideen, die ihn erfüllten und zu dieser seiner Ta t führten, uns ins Gedächtnis.rufen» bringen wir den Manen des unvergeßlichen-Mannes den würdigsten Dank dar. In eine geistig bewegte Zeit fällt Geisenheimers Jugend : das Höchste, was der Mensch sieh denkt, zeigt sieh in ihr. um ein Goethesches Wort zu gebrauchen, nah und erreichbar. Die Idee von dem ,,Recht, das allen gemein ist", beginnt ihren Siegeszug durch, alle .Lande; für Aufklärung* und Humanität, für Würdigung des Menschen als Menschen ohne Rücksicht auf .Herkunft und Glauben treten erleuchtete Dichter und Denker in den Plan. Der grosse Losging, in Gedanken und Worten. vergleichbar den gewaltigen Propheten, verkündet das höchste Ideal, nach dem die Menschheit zu streben hat, die allgemeine Menschenliebe, die gegenseitige Achtung und Duldung, und macht in seinem „Nathan" einen Angehörigen des verachteten Judentums zum Träger dieses Ideals; ein Jude. Moses Mendelssohn, unternimmt die wissenschaftliche Begründung dieser neuen Welt- und Lebensansehauüng und wird dann, als auch er — wie #der erste Mose — gross geworden, der Führer seiner Glaubensgenossen; er ersehliesst ihnen eine neue Kulturwolt, er zeigt ihnen in seiner eigenen Persönlichkeit, wie die Anhänglichkeit an der Väter Glauben sich mit moderner Bildung harmonisch verschmelzen lasse, er zeigt allen Andersgläubigen, wie der verspottete und 'missbandelte Stamm, wenn man ihn nur -teilnehmen-lasse an den Segnungen der Kultur, zum Segen werden könne der Menschheit wie zu jenen Zeiten, als er ihr die Erkenntnis Gottes brachte. Ein warmer, voller Strom edelster Menschenliebe dringt in alle Seelen und befruchtet alle Gebiete menschlichen Schaffens und Ringens; zu besonderer Wertung gelangt er auf dem Gebiet der Jugenderziehung, dir philanthropinistisehe Bewegung wird durch ihn angefacht, die die Menschen im einzelnen und die Menschheit im ganzen durch eine naturgemässe Erziehung zur Glückseligkeit führen will. Allgemeine und allgemein menschliche Erziehung, Berücksichtigung des für das Leben Nützlichen bei der Erziehung, eine möglichst angenehme „lusterregende" Methode — diese Grundsätze des Philanthropinismus finden in den gebildeten Kreisen warme Aufnahme, in den Judengassen der deutschen Städte begeisterte Zustimmung; der jüdischen Jugend, die bisher inmitten starrer Anschauungen in einer lediglich den Verstand berücksichtigenden Erziehungsweise aufgewachsen ist, erscheint die neue Erziehungsmethode mit dem Prinzip der Humanität, auf dem sie sich aufbaut, mit der Würdigung der Phantasie und des Gefühls.die ihr eigen ist, als göttliche Offonba-rung, der sie andachtsvoll lauscht, und die sie mit voller Inbrunst in sich aufnimmt. Freilich, wie der Philanthropinismus nur den besseren Ständen zu gute kam, so übt er auch in der Judengasse seine Wirkung nur auf die 'wohlhabenderen Kreise, die durch Privatlehrer moderne " Bildung erwerben können; die grosse Masse bleibt von der neuen geistigen Strömung unberührt und verharrt naoh wie vor in der strengen Abgeschlossenheit, in der sie seit der unsagbar traurigen Zeit, die .für die Juden nach den Kreuzzügen anhebt, lebt. Ihre Führer betrachten jede andere Beschäftigung