Mannheim
Compact Memory

Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main · 1875-01-01 · 1875 · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)

OCR text

4 entity mentions

— 4 — telen Schulen, daß sie mit religiösen und politischen Tendenzen gegründet wurden: sie sollten der religiösen Reform dienen und die der bürgerlichen Gleichstellung entgegenstehenden Hindernisse, soweit dieselben in den eigenen Verhältnissen der Juden selbst begründet waren, beseitigen helfen. Das ist es, was der Geschichte jener Schulen ein über das pädagogische hinausgehendes kulturgeschichtliches Interesse verleiht. Während nun anderswo, in Berlin, Breslau, Seesen, Dessau, Wolfenbüttel israelitische Schulen im modernen Sinne in's Leben traten, so verdient, als etwas, was für Richtung und Gedeihen der Anstalt von Wichtigkeit wurde, hervorgehoben zu werden, daß man hier nicht einfach eine Schule, sondern ein Philanthropin gründete. Die Ursache davon ist hauptsächlich in der Lebensanschauung und dem Wesen des ausgezeichneten Mannes zu suchen, der die Anstalt in's Leben gerufen hat. Sigismund Geisenheim er lebte in philanthropinischen Ideen*). Diese waren es, die ihn der Freimaurerei zuführten und so weit begeisterten, daß er selbst der Gründer einer Freimaurerloge wurde, der ersten, zu welcher Juden sich vereinigten. Für Basedows Philanthropin in Dessau hatte sich in den Logen ein thätiges Interesse gezeigt^). Nicht minder hatte ihm, wie Immanuel Kant, auch Moses Mendelssohn seine Theilnahme zugewandt Und in jüdischen Kreisen hatte Mendelssohns Freund, der Kaufmann Moses Wesseln in Berlin, eine Geldsammlung für dasselbe veranstaltet^). Hier in Frankfurt hatte man eben einer neu errichteten Schule den viel verheißenden Namen „Muster schule" gegeben. Wollte nun Geisenheimer seiner, zunächst für arme Kinder bestimmten Anstalt einen ihre Aufgabe bezeichnenden Namen geben, so lag es nahe, dieselbe Philanthropin zu benennen, ein Name, welcher den Ideen entsprach, die ihn selbst leiteten, zugleich aber auch die Gesinnungen bezeichnete, an die er zur Erhaltung des Instituts zu appelliren gedachte, sowie endlich den Geist, der es beseelen sollte. Der Name war glücklich gewählt, er prägte denen, die um die junge Anstalt sich bemühten, gleichsam einen Stempel auf und kuüvfte zwischen ihnen eine engere Verbindung f), er war eine weithin sichtbare Fahne, die, Ich will hier gleich, meine frühere Angabe (Einladungsschrift von 1669 S. 5) berichtigend, bemerken, daß Sigismund Geisenheimer am 12. December 1775 (19. Kislew 5536) geboren ist. Diesen Tag hat S. G's. Vater, Wolf Geisenheimer eigenhändig in einen Pentateuch eingetragen, der seit 1690 im Besitz der Familie ist und dessen Vorsatzblätter, wie das zu geschehen pflegt, zur Einzeichnung wichtiger Familienereignisse gedient, haben. Dort ist auch S. Geisenheimer's Sterbetag (20. April 1828) von seinem Bruder Leopold mit dem Bemerken eingetragen, daß Sigm. G ihm vor seinem Tode diesen Pentateuch zum Geschenk gemacht hat. Der gegenwärtige Besitzer, ein Sohn Leopold's und ein Neffe unseres Sigismund G., Herr Abraham Geisenheimer in Solingen, hat mir dieses werthvolle Familienerbe mit dankenswerther Zuvorkommenheit auf einige Zeit zur Einsicht überlassen. **) Raumer, Geschichte der Pädagogik, H. 223. Die hiesige Loge zur Einigkeit wollte aus ihren Mitteln „eine Wohlthätigkeitsanstalt zur Bildung der Jugend" gründen und gab einen Organisationsplan derselben im Jahre 1804 heraus, in demselben Jahre, in welchem Geisenheimer den Prospectus zum Philanthropin drucken ließ. S. Kühner, Programm der Musterschule 1865, S. 10. Anm. Vergl. Mendelssohns Schreiben, die philantropinische Erziehung jüdischer Kinder betreffend, an Campe (1778) in M. Mendelsohns gesammelten Schriften HI, 419—422. „Herr Wesseln (Moses W., geb. 1737, gest. 1792) unterzog sich der Sache mit löblichem Eifer und fährt noch immer fort, sie zu betreiben. Ich hoffe, seine Bemühungen sollen nicht so ganz fruchtlos sein." Basedow erhielt von Juden (besonders aus Berlin) einmal 516 Thaler. S. Raumer, Geschichte der Pädagogik 1. e. 5) In poetischen Ergüssen und sonst auch in Briefen nennen sie sich „Philanthropen".

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.