Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 8 (18.2.1927)
- Date
- 1927-02-18
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT iiilM Seite \6 Synagogen-Konzert in Zagreb (Agram). Aus Zagreb wird uns geschrieben: Unier dem Protektorate der Frau Präsidentin Deutsch fand am 2. Februar 1927 in der Agramer Synagoge ein Konzert zugunsten der Ferienkolonien statt, dem ein ungewöhnlich großer Erfolg beschieden war. Der aus Wien zum Vortrage der kantoralen Piecen berufene Oberkantor Postolow brachte unter Mitwirkung der Herren Oberkantoren Weiß (Budapest), Hendl und Weißmann (Zagreb) und Gill mann (Daruvar) liturgische Gesänge von Sulzer, Gerowitsch und anderen Komponisten mit außerordentlichem Erfolge zum Vortrage, von denen, wegen ihrer durchschlagenden Wirkung, das „Bseorew" von Sulzer und das „Habet mischomaiim" von Steinberg besonders hervorgehoben werden mögen. Herr Oberkantor Postolow verfügte über ein prachtvolles Stimmaterial, das in der Höhe wie in der Tiefe gleich mühelos hervorquillt. Er erreichte damit in Verbindung mit seiner dem heiligen Orte entsprechenden vornehmwürdigen Haltung außerordentlich nachhaltige Wirkungen auf die ergriffenen Zuhörer und der ihm am Schlüsse des Konzertes für seine künstlerischen Darbietungen gespendete allseitige Beifall wollte kein Ende nehmen. Die Synagoge war von einem den besten Gesellschaftskreisen angehörenden Publikum ohne Unterschied der Konfession bis auf den letzten Platz gefüllt und auch Vertreter der Zivil- und Militärbehörden wohnten dem Konzerte bei. Den überaus zahlreichen Besuchern wird dieses Synagogen-Konzert noch lange in angenehmster Erinnerung bleiben. Goldene Hochzeit. Zu dem in unserer letzten Nummer gebrachten Berichte über die goldene Hochzeit des Ehepaares Michael und Klara Kohn, haben wir noch nachzutragen, daß die Festrede von Herrn Vereinsrabbiner Dr. B. Templer gehalten und von den zahlreichen Anwesenden mit großem Beifall aufgenommen wurde. Medizinalrat Dr. Bela Rosenthal gestorben. Eine Zierde seines Standes, eine Zierde echtesten, schönsten Judentums hat am 13. Februar mit diesem Namen aufgehört zu sein. Um ein Bild von diesem seltenen Menschen zu entwerfen, müßte man in den höchsten Ausdrücken sprechen: aber er selbst war ein Feind jeder Art von Lob. Sein hoher Charakter hielt in wunderbarem Gleichgewicht eine Fülle der herrlichsten Eigenschaften vereinigt. Von tiefster Religiosität, war er von weitgehendster Toleranz. Für jeden wahren Fortschritt empfänglich, liebte er alles gediegene Alte. Gegen sich selbst anspruchslos und streng bis zur Askese, gegen seine Armen von beispielloser Milde und Freigebigkeit: Sinn und Auge offen für alles, was der Tag bot, rastlos an seiner Entwicklung weiterstrebend. Von unbeirrbarer männlicher Geradheit und doch voll Achtung und Würdigung jedweder wahrhaften Autorität. Voll Ernst und Gründlichkeit und doch ein Freund gesunden Humors, gut wie ein Kind und doch getragen von einem edlen Stolz. Ein wunderbares Etwas strahlte von ihm aus, das seine Patienten schon beim Betreten des Krankenzimmers unsagbar beruhigte. Wie hingebend er auch für seine Familie empfand, seine ärztliche Pflichterfüllung ging ihm über alles. Für die Armen hat er gewirkt und vor der Türe eines Armen brach er unvermutet zusammen und sein edles Herz hörte für immer zu schlagen auf. Unermeßlich ist der Schmerz seiner Gattin und der übrigen Familie, aber verehrt und bewundert wird er fortleben im Andenken von vielen Tausenden. Linz. Bernhard Taussigs Ableben. Am 11. Februar verschied Herr Bernhard Taussi g, Gründer und Seniorchef der Firma M. & B. T a u s s i g, Spirituosen- und Likörfabrik, nach kurzer Krankheit im 72. Lebensjahre. Nicht nur durch seine hohe, aufrechte Gestalt, sondern auch durch sein besonders konziliantes Wesen im geschäftlichen und privaten Verkehr ausgezeichnet, erfreute sich Bernhard Taussig allgemeiner Beliebtheit und Verehrung. Dies fand jüdischerseits dadurch Ausdruck, daß der Verblichene, der 40 Jahre ununterbrochen dem Vorstande der jüdischen Kultusgemeinde Linz angehörte und daselbst besonders Ersprießliches im Armenwesen leistete, im Vorjahre zum Ehrenmitgliede der Kultusgemeinde ernannt wurde. Wer immer sich an Taussig wandte, fand stets geneigtes Ohr und aufrichtiges Entgegenkommen. Unter seiner Wirksamkeit im Kultusvorstande war das Armeninstitut zu einer Mustereinrichtung geworden. Bernhard Taussig war Gründer und erster Präsident der Ehrmann-Loge, führendes Mitglied der Union deutschösterreichischer Juden, für die er ein besonderes Interesse zeigte, Vizepräsident der Genossenschaft der Spirituosenerzeuger, langjähriges Mitglied der Steuerschätzungskommission und im Vorstand zahlreicher charitativer Vereine. Sein humanitäres Wirken erstreckte sich auch in großem Maße auf seine Mitbürger anderer Konfession, was allgemein anerkannt wurde. Das Leichenbegängnis des verdienstvollen Mannes fand unter überaus großer Beteiligung aus sämtlichen Bevölkerungskreisen am 13. Februar, um 15 Uhr, vom jüdischen Friedhofe aus statt. Der Sarg wurde vor die Zeremcnienhalle gestellt, worauf Rabbiner Dr. K u r r e i n die Trauerrede hielt, in der er das edle Herz des Verstorbenen besonders hervorhob. Sodann nahmen Medizinalrat Dr. Edmund Bloch namens der Ehrmann-Loge Linz, Präsident Benedikt Schwager im Namen der Kultusgemeinde Linz, Dr. Arnold Ascher für die Großloge Wien, Dozent Doktor Brünauer namens der Familie des Verstorbenen, Professor Dr. E h r m a n n und Dir. König aus Budweis für die tschechoslowakische Großloge von ihrem Bruder Abschied. Hierauf wurde das Schiwisi von Oberkantor Bernhard Löwensohn, der die kantoralen Funktionen versah, wirkungsvoll vorgetragen. Der Kultusvorstand mit dem Präsidium war vollzählig erschienen. Tragischer Tod eines Oberkantors. Oberkantor Samu Grünwald war ein ausgezeichneter Sänger, ein großer Künstler und ein hervorragender Vertreter seines Faches. Infolge dieser Fähigkeiten machte er eine glänzende Karriere. Nachdem er längere Zeit in der Rombach-Synagoge in Budapest als .Oberkantor tätig gewesen war, wurde er nach Amerika berufen, woselbst er an verschiedenen großen Synagogen durch fünf Jahre tätig war und sich durch sein künstlerisches Wirken und seine hervorragenden persönlichen Eigenschaften allseits der größten Wertschätzung erfreute. Doch Oberkantor Grünwald, der im 40. Lebensjahre stand, war nicht nur ein großer Künstler, sondern auch ein Mensch von reinstem und edelstem Charakter. Er hing mit allen Fasern seines Herzens an seiner greisen in Wien lebenden Mutter und konnte den Tag kaum erwarten, an dem er sie wiedersehen, sie in seine Arme schließen könnte. Er unternahm die weite Reise über den Ozean, um wenige Tage an der Seite seiner über alles geliebten Mutter verbringen zu können, da ereilte ihn, nachdem er bereits den Boden Europas betreten hatte, sein Schicksal. Auf der Fahrt von Hamburg nach Berlin wurde er von Bahndieben seiner ganzen Barschaft, das Ergebnis seiner fünfjährigen aufreibenden Tätigkeit, und aller Dokumente beraubt. Dies machte auf den schwer herzleidenden Mann einen solchen Eindruck, daß er vollkommen niedergeschmettert und schwer krank in Berlin ankam und, da er sämtlicher Mittel entblößt war, vom ungarischen Konsulat mit einem Rettungsauto in ein Spital gebracht werden mußte. Trotzdem sich sein Zustand zusehends verschlimmerte, ließ er sich nicht davon abhalten, seine Reise nach Wien fortzusetzen, um seine Mutter noch einmal zu sehen und starb hier in ihren Armen. Das Präsidium des österreichischen Kantorenverbandes, das vom tragischen Schicksal Oberkantor Grünwalds erfahren hatte, setzte nun alles daran, um dem verstorbenen Kollegen ein würdiges Begräbnis zu bereiten, und wurde in seinen Bestrebungen vom Präsidium der Wiener israelitischen Kultusgemeinde auf das tatkräftigste unterstützt. Das Leichenbegängnis, das Sonntag, den 13. d. M., stattfand, gestaltete sich zu einer außerordentlichen Ehrung des auf so tragische Weise verschiedenen Oberkantors durch seine Wiener Kollegen, die sich unter Führung des Präsidenten des Kantorenverbandes I. L ö w i t fast vollzählig eingefunden hatten. In Vertretung des Präsidenten der Pester isr. Religionsgemeinschaft Dr. S. L e d e r e r und des Präsidenten des Tempelvorstandes des 9. Budapester Gemeindebezirkes Dr. E. Zahler war Eman. Abrahamsohn erschienen, Oberkantor des Rombach-Tempels, an welchem der Verstorbene gewirkt hatte. Rabbiner Dr. Bach würdigte die großen Verdienste des Verstorbenen und schilderte in erschütternder Weise das tragische Ende des auf den Gipfel seines Könnens und Schaffens verschiedenen Mannes. Präsident I. Löwit widmete sodann dem verstorbenen Kollegen warme und zu Herzen gehende Worte des Gedenkens und sprach ihm im Namen der Kollegenschaft den Dank für sein Wirken im Interesse des Kantorenstandes aus. Hierauf trat Oberkantor Abrahamsohn an die Bahre des verstorbenen Kollegen und Freundes und hielt ihm in tiefster Ergriffenheit folgenden Nachruf: „Scheidegrüße, wehmütige Scheidegrüße erzittern auf meinen Lippen, wenn ich die dunkle Bahn betrachte, welche die sterblichen Reste meines geliebten, guten Jugendfreundes umschließt. Und tausend innige Abschiedsgrüße bringe ich dir aus der weiten Ferne, die dir so herzensnahe war, von der Stätte deines Wirkens, der Budapester Synagoge, die durch die Andacht deines Herzens, die Wundermelodien deiner Lippen, zu einem Heiligtum gottgeweihter jüdischer Gesangskunst geworden ist. Wir haben dich tür Schabbos sehnsüchtig erwartet; du solltest deinen Freunden.