Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 36 (6.9.1929)
- Date
- 1929-09-06
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3062972-3064197-3064232--17445-3087569- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
DIE WAHRHEIT BföBRfl m Seite $ schuldigen Blutes, das geflossen, und trotz der materiellen Opfer, die der Aufstand gekostet. Wir sehen, wie die zionistischen Sammlungen nach parteiischen Hinsichten zersplittert werden, statt eine große zentrale Sammlung durchzuführen, die auch die sicherlich eintretende Rückwanderung zu berücksichtigen hätte. Und nicht nur Geld, auch neues Blut wird schon von unverantwortlichen Elementen gefordert. Stolz schlägt sich im sicheren Hinterland ein Stimmgewaltiger in die Brust und schreibt: „£s lebt das jüdische Volk! Im Blute wälzt es sich. Und vom eigenen Blute schöpft es neues Leben!" Gemach, Allerwertester! Viktor Adler hat einmal solchen Leuten, die ähnliches forderten, geantwortet: „Wenn Sie Blut fließen sehen wollen, dann lassen Sie sich selbst zur Ader!" Das Blut unserer Jugend ist kostbar, jüdisches Blut zu opfern, nicht einmal in phrasengeschwollenen Zeitungsartikeln darf man darüber so leichthin sprechen. In Palästina sind bis jetzt 250 Tote, 500 jüdische Verwundete! Wie viele sollen ihnen noch folgen?! Deshalb, in letzter Stunde: Hört den Mahnruf! Laßt ab von eurer Politik, die dem Judentum schon so viel Schaden bereitet und nun auch das Blut seiner Söhne gefordert! Wir rufen euch zu: Caveant consules! O. H. Der erste Tote. Von M. Y. Ben-Gavriel. Jerusalem, 22. August. Jerusalem, „die Mitte der Welt", die in den Berichten der Mandatsmacht als die ruhigste Stadt Vorderasiens bezeichnet wurde, ist plötzlich in eine Hölle verwandelt worden. Mord, Ueberfälle und Polizeiattacken stehen seit sechs Tagen auf der Tagesordnung. Daß es dazu kommen mußte, war für den Eingeweihten kein Geheimnis. Kein Geheimnis auch für die Regierung, denn diese Ereignisse sind das Ergebnis einer langen Reihe von maßlosen Hetzereien, die in aller üeffentlichkeit vor sich gingen. Die große und einflußreiche Familie Husseini erklärte, um sich auf diese Weise die Gloriole der Glaubenskämpfer und damit das wichtige Amt des Großmufti und des Präsidenten des Obersten Moslimischen Rates zu sichern, daß die Klagemauer der Juden eigentlich moslimischer Besitz sei. Seit einem Jahre nun geht der Zeitungskampf um diese Kultstätte, bis es in dieser Woche zu den in ihrer Grausamkeit haarsträubenden Vorfällen kam, die. über die kurzen telegraphischen Berichte hinausgehend, einem europäischen Publikum darzustellen, wichtig ist. Wohl kommt es fast täglich im großen Asien zu Zusammenstößen, Morden, Ueberfällen und Polizeiattacken, aber Jerusalem ist kein unbekanntes indisches Dorf und Tote und Verletzte in Jerusalem sind ein Warnungszeichen von größter Wichtigkeit. Die Anstrengungen der Familie Husseini und ihrer Anhänger — die durchaus nicht mit dem arabischen Volk als solchem identifiziert werden dürfen — hatten jene merkwürdige Haltung einer Großzahl palästinensischer Beamten der Mandatarmacht zur Folge, die kaum mehr als unparteiisch bezeichnet werden kann. Der Zusammenstoß lag in der Luft. Als nun die Juden in der vorigen Woche das Andenken an die Zerstörung des Tempels wie alljährlich in Andacht verbrachten, gingen die Zeitungen der Husseinis zu unverhüllten Drohungen über. Die Regierung unternahm nichts Wesentliches. Als aber am nächsten Tag ein kleiner unbewaffneter Demonstrationszug von jüdischen jungen Leuten zur Klagemauer ging, wurde dieser Zug von einer unabsehbaren Menge von Polizeisoldaten eingerahmt, wiewohl die friedlichen Absichten der Manifestanten unverkennbar, waien. E>as Unglück aber wollte es, daß der folgende Tag ein Doppelfeiertag der Mohammedaner war, der an die zehntausend rellachen aus den Dörfern in die Omarmoschee brachte. Dort von den Leuten der Husseinis gehörig vorbereitet — die lächerliche Behauptung, die Juden wollten die Omarmoschee den Mohammedanern wegnehmen, wurde zum Schlagwort —, wälzte sich eine menrere tausend Mann starke Menge zur Klagemauer. Die Regierung, die davon unterrichtet worden war, unternahm nichts anderes, als daß sie die noch anwesenden Beter warnte und sich durch drei Polizeisoldaten an der Klagemauer vertreten ließ. Diese Polizisten konnten natürlich nichts unternehmen, als die fanatisierte Menge heilige Bücher zerriß und verbrannte. Die aus dem ganzen Lande zusammengezogenen Polizeisoldaten aber patrouillierten während dieser Zeit in den jüdischen Quartieren. An jenem Tage setzten die Ueberfälle auf einzelne Passanten ein, die noch immer andauern und Jerusalem zur unsichersten Stadt der Welt machen. Selbstverständlich ergriff die jüdische Bevölkerung Verteidigungsmaßregeln, denen es zuzuschreiben ist, daß die Zahl der Verwundeten auf beiden Seiten sich beiläufig die Waage hält. Am Sonnabend aber fiel das erste Todesopfer. An der Grenze des Quartiers der kurdischen Juden wurde ein ballspielender junger Mensch von Arabern durch einen geradezu bestialischen Stich, der den ganzen Bauch öffnete, tödlich verwundet. Diese Bluttat alarmierte die Kurden, die nicht weniger wild und durch diese fürchterliche Tat bis zur Siedehitze erregt, sofort gegen die ein Steinbombardement eröffnenden Mörder vorgingen und sie in die Flucht schlugen. Natürlich wußte sofort die ganze Stadt von der Bluttat. Ungeheure Erregung durchbebte sie. Kurz darauf schoß ein Araber aus Lifta in ein bucharisches Haus. Bucharer und Kurden wollten nun Lifta stürmen. Und neuerliche Ueberfälle, ohne Ausnahme von Arabern ausgeführt, folgten. Eiserne Disziplin hielt die Kurden zurück, an Lifta Blutvergeltung zu üben. Sie vertrieben nur einige Beduinen, die neben ihrer Siedlung Lager aufgeschlagen hatten. Die Regierung gab eine Erklärung heraus nach dem Grundsatz: „Wasch mir den Pelz und mach* mich nicht naß". Polizei patrouillierte, vor der Post standen zwei Maschinengewehrautos — und Dienstag abends starb im Regierungshospital der junge Kurde. Der stellvertretende Gouverneur von Jerusalem wollte ihn sofort begraben lassen, stieß aber auf leidenschaftlichen Widerstand der Eltern und der Landsmannschaft. Nach langen Unterhandlungen wurde das Begräbnis für den nächsten Morgen festgesetzt. Zur festgesetzten Zeit versammelte sich eine leidenschaftlich erregte Menge vor dem Hospital und überdies alle verfügbaren Polizeitruppen. Arabische, jüdische und englische Poiizeisoldaten sicherten den Platz. Nun verlangte die Menge stürmisch den sofortigen Abzug der arabischen Polizisten. Dies geschah. Darauf Verhandlungen bezüglich der Route des Leichenzuges. Unter stetem Gesang setzte sich der Trauerzug in Bewegung, in dessen Mitte die Leiche von Kurden, wie es Sitte ist, auf einer offenen Bahre, in den Gebetmantel eingehüllt, getragen wurde. Unterwegs wiederholte Ansprachen, die sich scharf gegen das parteiische Verhalten der Regierung wenden. Es kommt aber zu keinem Zwischenfall, bis die Menge auf einen starken Kordon englischer Polizisten stößt, der unter persönlicher Leitung des stellvertretenden Gouverneurs in der Höhe der Post die Straße abriegelt, dem Zug eine andere Richtung weisend. Neuerliche Verhandlungen. Ehe diese aber noch abgeschlossen werden, drängt die Menge vor und plötzlich setzen die Engländer auf Befehl des Gouverneurs mit einer Knüppelattacke ein. die mit unerhörter Grausamkeit vollführt wird. Wahllos wird auf die Menge, selbst auf die Leichenträger eingeschlagen und Fliehende fallen verwundet auf der Flucht. Unter gellenden Schreien der Verletzten stiebt die KLEIDERHAUS SCHACHTER XII., HEIDI. H AUPTSTR. 26 - TEL. R 31-3-76 Größte Auswahl in fertigen Herren - und Knabenhleidern in bester Qualität Eigene Werkstätte für feine Maßarbeit.;^C