Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1936
- Issue
- Heft 5 (31.1.1936)
- Date
- 1936-01-31
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Nr. 5 — 31. Jänner 1936 Seite Die Scheußlichkeit des Antisemitismus. Soeben erscheint eine holländische Broschüre „Stemmen van Nederlanders over de Bebandeling der Joden in Duitschland" („Stimmen von Niederländern Uber die Behandlung der Juden in Deutschland") in Amsterdam. Darin nehmen Christliehe Niederländer. Männer von hohem moralischen und größten wissenschaftlichem Ansehen das Wort. Wir sind in der Lage, in Vorabdruck die Worte des Nestors der orientalischen Wissenschalten, Universitätsprofessor Dr. Snouck Hurgronje in Leiden, einer Weltberühmtheit, wiederzugeben. Vor noch nicht ganz 5 Jahren starb im Alter •von 94 Jahren: einer der größten Gelehrten,, die Deutschland je hervorgebracht^ Hat, „one of the greatest Orientalists tliat ever lived", wie ein maßgebender Engländer ihn nannte, mein lieber Lehrmeister Theodor Nöldeke. Die letzten beiden Jahrzehnte seines reichen Lebens waren für ihn kein Quell der reinen Freude: Nicht nur weil die Beschwerden des Alters sich fühlbar mächten, sondern vor allem wegen des Verlustes von so viel Gutem und Schönem, das durch den Krieg und seine Folgen überall, vor allem aber in Deutschland, zerstört wurde. Mehr als einmal zählte er in seinen Briefen die Verluste auf und dann fügte er die Frage hinzu: „Wie soll das alles jemals wieder zurechtkommen?" Als in Deutschland die Antisemiten sich wieder zu rühren begannen, schrieb er: „Und nun kommt zu allem Elend, das wir schon haben, auch noch das Wiederaufleben der Scheußlichkeit des Antisemitismus; wohin soll das führen?" Nöldeke war nicht nur ein wissenschaftliches Genie, sondern zudem ein unbestechlicher Freund von Wahrheit und Recht. Warme Vaterlandsliebe ging bei ihm Hand in Hand mit besonderer Sy.mpathie für seine jüdischen Mitbürger. Im Jahre 1885 widerlegte er durch die objektivsten Beweise in einem berühmt gewordenen Gutachten (Prozeß B1 och-Roh- 1 i n g) die immer wieder wiederholte Ritualm o r d b e s c h u 1 d i g u n g. Von den vielen trefflichen jüdischen Orientalisten, deren Arbeit den deutschen Namen weltberühmt hat machen helfen, waren viele Nöldekes Schüler und sie alle schätzten in ihm zugleich den treuen Freund. Hätte jemand Nöldeke vorausgesagt, was wir jetzt an Schmähung und Entrechtung der Juden in Deutschland erleben, dann hätte er das sicher mit aller Entschiedenheit als unmöglich erklärt. Wohl kannte er nur allzu gut die stille Kraft, die das Gift einer gewissenlosen antisemitischen Propaganda in weiten Kreisen zu entfalten verstand, aber daß es jemals möglich werden sollte, die „Scheußlichkeiten" in seinem Vaterlande zu Regierungsgrundsätzen zu erheben, nein, um dies zu glauben, hatte er zuviel Vertrauen in die deutsche Wahrheits- und Rechtsliebe. Glücklicherweise ist es ihm erspart geblieben, die völlige Enttäuschung dieses Vertrauens erleben zu müssen. Angenommen, daß er dieses Unglück noch erlebt häte, würde es ihm da wohl möglich gewesen sein, sich eines öffentlichen Protestes zu enthalten? Die unbeschränkten Machtmittel, die der Teufel zur Zeit der revolutionären Regierung zur Verfügung gestellt hat und denen es bis jetzt gelungen tat, jeden Widerstand gegen das greulichste Unrecht von vornherein zu ersticken, lassen uns zögern, die Frage bestimmt zu beantworten. Denn dieser in jeder Hinsicht ehrwürdige Greis, dessen Name mit goldenen Lettern für alle Zeiten in die Annalen der Wissenschaft eingeschrieben ist, würde unter dem jetzt in Deutschland herrschenden System als Landesverräter in ein Konzentrationslager gehören, ja, man würde nichts lieber tun, als die Erinnerung an ihn aus dem Geschiehtsbuch der menschlichen Bildung auskratzen und ihn der Vergessenheit preisgeben. Glücklicherweise stehen jedoch die Jahrbücher unter einer unsichtbaren, aber dauernden internationalen Aufsicht, und wer Deutschland kennt, der weiß, daß auch dort der durch Nöldeke so würdig vertretene Geistesadel nicht ausge- Union österreichischer Juden. Dienstag, den 4. Februar 1936, 8 Uhr abends, im Festsaale des Handelsmuseums, IX., Berggasse 16, Versammlung der „Union". Es spricht der bekannte katholische Schriftsteller Joseph August Lux, Salzburg über das Thema: „Der Wille zu Oesterreich". Mitglieder und Freunde der „Union", erscheinet zahlreich zu dem uns österreichischen Juden besonders interessierenden Vortrag! s t o r b e n ist, wenn ihn au£h.die Zeitumstände zu einem Bestehen im Verborgenen nötigen. Die wahren Freunde von Deutschland können nur heiß wünschen, daß bald der Geist von Theodor Nöldeke, den sie, die Freunde, so gern als den echt deutschen Geist auch weiterhin betrachten, wieder Geltung erhalte im deutschen Volke und ein Ende mache dem sittlichen Verfall des deutschen Reiches, zu dessen widerlichsten Aeußerungen die „Scheußlichkeiten des Antisemitismus" gehören. C. Snouck Hurgronje, Professor im Ruhestand an der Staatsuniversität zu Leiden. >> Die Korruption greift immer weiter um sich' Wir erhielten folgende Zuschrift: Rechtsanwalt Dr. M. ROSENBERG Verteidiger in Strafsachen Wien I., Sonnenfelsgasse 13 Telephon R-22-3-18 Postsparkassenkonto - 68.745 Wien, den 21. Jänner 1936. Herrn Oskar Hirschfeld, verantwortlicher Schriftleiter der Jüdischen Wochenschrift „Die Wahrheit" Wien II. Im Volhnachtsnamen des Misrachi-Landesverbandes für Oesterreich, Wien II., Praterstraße 60, und im eigenen Namen fordere ich Sie im Sinne des Preßgesetzes auf, nachstehende Berichtigung in der erwähnten Wochenschrift zu veröffentlichen: In einem in der Jüdischen Wochenschrift „Die Wahrheit" vom 17. Jänner 1936, Nummer 3, 52. Jahrgang, auf Seite 6 unter dem Titel „Die Korruption greift immer weiter um sich" erschienenen Artikel wird behauptet, daß die Verhandlungen im Falle Löwenherz mit den Misrachisten im Zeichen der politischen Korruption sich vollzogen, daß, um die Stimmenabgabe des Kultusvorstehers Dr. Mendel Rosenberg zugunsten des Herrn Dr. Löwenherz mit dem politischen Komitee der Misracfaisten gefeilscht wurde, daß die Herren Misrachisten, besonders Dr. Lilienfeld, neben einer Unzahl von Ehrenstellen in den Kommissionen der Kultusgemeinde, nicht mehr und nicht weniger als drei Beamtenstellen der Kultusgemeinde und nicht die geringsten mit einem Mindestgehalt von je S 8C0.— verlangt haben, daß Dr. Lilienfeld für sich die SteHe des Sekretärs des Rabbinates, für einen Herrn Frostig eine Stelle im Friedhofsamt cum jure succedendi und für Herrn Dr. Mendel Rosenberg eine Stelle in der Amtsdirektion verlangte, daß Herr Präsident Dr. Desider Friedmann diese Forderungen ablehnte, daß Herr Oberbaurat Stricker'aber mit den Augen zwinkerte und versicherte, er werde Vizepräsident, er nehme von den „Wünschen" Kenntnis, man möge sich nur auf ihn verlassen und daß ich, Dr. Mendel Rosenberg, dann eine schriftliche ehrenwörtliche Erklärung, für Dr. Löwenherz als Amtsdirektor zu stimmen, abgegeben habe. Es ist unwahr, daß die Verhandlungen mit den Misrachisten in dem Falle Löwenherz im Zeichen der politischen Korruption sich vollzogen, wahr ist vielmehr, daß die Verhandlungen mit den Misrachisten im Falle Löwenherz im Zeichen politischer Gewissenhaftigkeit und Reinheit sich vollzogen. Es ist unwahr, daß um die Stimmenabgabe des Kultusvorstehers Dr. Mendel Rosenberg zugunsten des Herrn Dr. Löwenherz gefeilscht wurde, wahr ist viermehr, daß um diese Stimmenabgabe nicht gefeilscht wurde und daß die Misrachisten und Restaurant Hotel Stefanie vormals Operer II.. Taborstrafle 12, Tel. B 4«-5-s? ««*4a> Ausgiebige Braten-MenQs S 1.60 mm« J „ Geüügel- „ S 2.20 \WJ Vorzügliche Zubereitung — Schwechater Biere Naturweine. Kultusvorsteher Dr. Mendel Rosenberg sich bei ihrer Stellungnahme in dem Falle Dr. Löwenherz von rein misrachistischen, rein jüdischen Erwägungen leiten ließen. Es ist unwahr, daß die Misrachisten und besonders Dr. LiHenfeld neben einer Unzahl von Ehrenstetten in den Kommissionen der Kultusgemeinde drei Beamtenstellen und nicht die geringsten mit einem Mindestgehalt von je S 800.— verlangt haben und daß Dr. Lilienfeld für sich die Rabbinatssekretärsstelle, für einen Herrn Frostig eine Stelle im Friedhofsamt cum jure succedendf und für mich, Dr. Mendel Rosenberg, eine Stelle in der Amtsdirektion verlangte, wahr ist vielmehr, daß weder die anderen Misrachisten noch Dr. Li¬ Henfeld irgend eine Ehrenstelle in den Kommissionen der Kultusgemeinde oder irgend eine Beamtenistelle bei der Kultusgemeinde verlangt haben. Es ist unwahr, daß Herr Präsident Dr. Desider Friedmann Forderungen der Misrachisten abgelehnt hat, wahr ist vielmehr, daß Präsident Dr. Friedmann keinen Anlaß zur Ablehnung von Forderungen hatte, da solche seitens der Misrachisten nicht gestellt wurden. Es ist unwahr, daß Oberbaurat Stricker mit den Augen zwinkerte und versicherte, er werde Vizepräsident, er nehme von den „Wünschen" Kenntnis, man möge sich auf ihn verlassen, wahr ist vielmehr, daß Oberbaurat Stricker eine solche Versicherung nicht gegeben hat und daß zu einer solchen Versicherung kein Anlaß vorhanden war. Es ist unwahr, daß Dr. Mendel Rosenberg eine schriftliche ehrenwörtliche Erklärung, er werde für Dr. Löwenherz als Amtsdirektor stimmen, abgegeben hat, wahr ist vielmehr, daß Dr. Mendel Rosenberg nie eine schriftliche ehrenwörtliche Erklärung, er werde für Dr. Löwenherz als Amtsdirektor stimmen, abgegeben hat. Ich habe überhaupt keine ehrenwörtliche diesbezügliche Erklärung abgegeben. Hochachtungsvoll Dr. Mendel Rosenberg. Wir haben obiger Berichtigung Raum gegeben, obwohl sie nicht den preßgesetzlichen Bestimmungen entspricht. Zur Sache selbst können wir nur feststellen, daß wir an unserer seinerzeitigen Darstellung nach wie vor festhalten. Sie ist in allen Punkten richtig, wenn Herr Dr. Mendel Rosenberg das nicht glaubt, so möge er zur Kenntnis nehmen, das unsere Informationen indirekt aus dem Munde des Herrn — Dr. L i 1 i e n f e! d herstammen. Wie eine nichtnationale Gemeinde arbeitet. Die Pester Isr. Religionsgemeinde hat in den hauptstädtischen Bezirken die O rganisierung der religiösen Fürsorgearbeit in Angriff genommen. Es wird Kampf gegen religiöse Gleichgültigkeit und Fahnenflucht, Arbeit für die Heilighaltung des Sabbaths und der Feiertage sowie für die Einhaltung der Zeremonialgesetze weitestgehend propagiert werden. Auch gegen die Ehescheidungen und gemischten Ehen richtet sich die Aktion der Religions-Fürsorgestellen. Nach einer gemeinsamen Konferenz des Rabbinats, der Religionslehrer, der Jugendgruppen und Distriktsorganisationen wurden die Fürsorgeausschüsse konstituiert. Die Delegierten des Rabbinats, der Religionslehrerschaft und der Jugendgruppen gehen von Haus zu Haus und legen einen Kataster des jüdischen Familienlebens an. Herr Streicher ist nicht zufrieden. Auf der Nürnberger Kundgebung der Hitler- Jugend hielt Julius Streicher eine Ansprache, in der er erklärte: „Die Nürnberger Gesetze haben die Judenfrage nicht gelöst, weil diese Gesetze eben von den Juden mit List umgangen werden. (?) Die antijüdische Aktion müsse deswegen ohne Unterbrechung fortgesetzt werden."