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Die Wahrheit · 1934-04-20 · Heft 17 (20.4.1934) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1934
Issue
Heft 17 (20.4.1934)
Date
1934-04-20
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Preis tficser Nummer 40 Groschen In Deutschland verboten! Jüdisch e .«« »' Jsrsdieint jeden Freitag mit den Veröffentlichungen der »Union österreichischer Juden and den Amtlichen Verlautbarungen der israelitischen Kultusgemeinde Wien IlllllllllllllllllllilUlllll Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 - Telephon R 46-2-16 — Postsparkassenkonto Wien: A 100.918 50. Jahrgang Wien, 20. April 1934 Nummer 17 Katholikenverfolgung im Dritten Reich. Rasiere Dldi gut und billig So hat sich das die Wiener „Reichspost" ganz bestimmt nicht vorgestellt, als sie kurz nach der Etablierung des Dritten Reiches, als die ersten antisemitischen Maßregeln der Hitler-Regierung bekannt wurden, dem Wunsche Ausdruck gab, der deutsche Reichskanzler möge gründlich durchgreifen. Das Wiener christlichsoziale Organ schöpfte seine Hoffnungen aus dem politischen Weisheitsborn einer langen Erfahrung. Es kannte seine „Los-von-Rom"-Schreier und wußte, daß mit ein paar Mandaten in irgend einem Landtag oder im Nationalrat oder, wenn es hoch ging, mit" einem Ministerportefeuille die Kirchenfeindschaft der Nationalen, sie mögen sich großdeutsch, alldeutsch oder sonstwie nennen, zu beschwichtigen war. Nun hatte man es mit einer neuen Firma zu tun, den Nationalsozialisten; aber war es nicht der alte Pofel, mit dein die Herren ihr Geschäft machten? Nicht einmal die neue Schutzmarke, das Hakenkreuz, konnte darüber hinwegtäuschen. Höchstens verriet es, daß man es diesmal mit besonders geriebenen Bauernfängern zu tun bekam, die sich erkühnten, einen längst so marktgängigen Artikel wie den Antisemitismus als eigenes Fabrikat anzupreisen. Das war freilich nicht ganz loyal und die „Reichspost" hat manchen Leitartikel daran gewandt, ihr und ihrer Partei Präveniere bei Erzeugung und Verschleiß des längst beliebten Narkotikums fürs Volk, das seine Haßinstinkte und seine gelegentliche Unzufriedenheit mit wirtschaftlichen Krisen nach einer für die Regierenden am wenigsten empfindlichen Seite abzureagieren gewöhnt werden sollte, nachzuweisen. Aber schließlich war die Frage, wer zuerst das Requisit aus dem Mittelalter zu einem handlichen Instrument der modernen Politik hatte umzuformen verstanden, nicht so wichtig wie die Tatsache, daß sich dieses Instrument noch immer als brauchbar erwies. Nun war ein Oesterreicher in Deutschland zur Macht gelangt, hatte sich den Weg nach oben mittels eben jenes Instrumentes gebahnt — war es ein Wunder, daß die „Reichspost" alle Voraussetzungen dafür gegeben sah, daß es auch im Reiche zu einem Kompromiß zwischen dem klerikalen Katholizismus und dem radikalen Nationalismus kommen würde? Es fehlte in dieser Hinsicht auch nicht an anderen günstigen Auspizien. Der Wegbereiter Hitlers war der klerikale Katholik v. Papen, der während seiner eigenen Reichskanzlerschaft den christlichen Charakter der deutschen Republik zu betonen für notwendig gehalten hatte. Die entscheidende Zusammenkunft zwischen Papen und Hitler erfolgte bekanntlich im Hause des katholi- '•luiuiiirauBininnniunniniiinniiinninniinniinuiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiuHiniiiiuuiiüiiii]] 4^ VERWALTUNGEN IIUDk VERKÄUFE SÄTZE - HYPOTHEKEN ^» KÄUFE SZILÄGYI IX., ROTENLÖWENG. 3 \ BEH. AOT.^EISAL TEL. A 10-5-69 ümsmciBHmHHmvschen Judenstämmlings Schröter in Köln und es gab Optimisten, die in dieser Tatsache dieselbe versöhnliche Symbolik wie in Lessings „Nathan" erblickten. Sie glaubten, wenn drei Katholiken, von denen einer klerikal, der andere national und der dritte jüdischer Abstammung ist, einen Bund miteinander schließen, dann müßte dieser nicht bloß den Antiklerikalismus, sondern auch das Rassenvorurteil des Nationalen mildern, wenn nicht ganz aufheben. Aber der Bankier Schröter hat vor Nathan dem Weisen etwas voraus, was im Dritten Reiche mehr wert ist als alle Weisheit: eine christliche Großmutter. Und diese christliche Großmutter ermöglicht es ihm, seine jüdische Urgroßmutter zu schmähen. Das ist s e i n Mitgliedsbeitrag für den Freundschaftsbund mit Hitler. Schröter hat öffentlich in heftigen Worten gegen Versuche protestiert, die Juden wieder ins deutsche Wirtschaftsleben einzugliedern... Das war ganz im Sinne der „Reichspost". Ihr Wunsch, Hitler möge gründlich durchgreifen, bezog Treffpunkt der Feinschmecker Cafe-Restaurant FETZER bei der Schwedenbrücke sich ja nur auf seine Judenpolitik. Mochte er sich nach dieser Richtung austoben — je heftiger, um so besser. Denn um so zahmer — so hoffte sie — würde er sich dann nach der anderen Seite hin benehmen': gegen den katholischen Klerikalismus. Oh, die „Reichspost" kannte ihre nationalen Bundesgenossen von der Einheitsliste... Aber es stellte sich heraus, daß sie weder Hitler noch ihre eigenen Gesinnungsgenossen im Reiche richtig gekannt hat. Wohl schien es eine Zeitlang, als ob es zwischen diesen beiden Partnern zu einem gedeihlichen Verhältnis kommen würde. Ja, Hitler schloß sogar mit dem Papste ein Konkordat. Aber nichts kennzeichnet die Wertlosigkeit diesies Vertrages besser als die Ansprache, die der Papst dieser Tage an katholische Jungmänner aus Deutschland gehalten hat. „Wir wissen", sagte das Oberhaupt der katholischen Kirche, „wie schwer und peinlich die Stunde ist, besonders für Sie, für das katholische Deutschland und die katholischen Jungmänner... Auch während man verhandelt, wird mißhandelt..." Diese Klage des Papstes bezieht sich auf den Terror, der gegenwärtig im Hitler-Reiche gegen die katholischen Jugendverbände und gegen die katholische Presse ausgeübt wird. Beide sollen gänzlich unterdrückt werden. Dies wird vom nationalsozialistischen Rednern und Zeitungen ganz offen verkündet. Der bayerische Innenminister Wagner, der sich gleichfalls öffentlich in diesem Sinne geäußert hatte, erhielt einen Protestbrief des Münchener Erzbischofs Kardinal Faulhaber. Oeslcrrelchischcs Qnaiitäfe FaDrikat Ueberau erhältlich Gerade in dieser Persönlichkeit kommt so recht der Gegensatz zwischen der „Reichspost"- Mentalität und dem Geist der reichsdeutschen Katholiken zum Ausdruck. Während jene stets bereit ist, auf Kosten der Juden sich mit Tod und Teufel zu verbünden, hat der bayerische Kirchenfürst dem Wahnsinn der nationalsozialistischen Judenhetze seine sensationellen Adventpredigten entgegengesetzt, in denen er den einzigartigen ethischen Wert des jüdischen Sittengesetzes begeistert pries. Dazu gehörte iin Hitler-Reiche nebst hoher Einsicht und gerechtem Werturteil über das vielverlästerte Alte Testament auch sehr viel Mut. Just in diesen Tagen der katholischen Bedrängnis in Deutschland kommt von: dorther die Kunde, daß 600 Pastoren der evangelischen Kirche Deutschlands sich an den Papst mit der Bitte gewendet haben, in die katholische Kirche aufgenommen zu werden. Offenbar handelt es sich um protestantische Priester, die die Ausschaltung des Alten Testaments aus der evangelischen Kirche nicht mitmachen wollen und sich daher lieber jener christlichen Kirche zuwenden, in der die Lehre Moses' und der jüdischen Propheten die Anerkennung findet, die ihr in bezug auf Ethik wie auf die Genealogie des Christentums gebührt. Dr. Wilhelm Freiherr v. Pechmann, der Direktor der Bayrischen Handelsbank und von 1924 bis 1930 Präsident des Deutschen Evangelischen Kirchentages, hat ein Schreiben an den Reichsbischof gerichtet, m dem er ihm mit folgenden Worten seinen Austritt aus der evangelischen Kirche mitteilt: „Ich habe oft und ort — aber immer ganz vergeblich — protestiert gegen die Vergewaltigung der Kirche, gegen ihren Mangel an Widerstandskraft, auch gegen ihr Schweigen zu vielem Unrecht und zu all dem Jammer und Herzeleide, das man, aus einem Extrem in andere fallend, in ungezählte „nichtarische" Herzen und Häuser, in christliche und jüdische, getragen hat. Es ist nun Zeit, einen Schritt weiterzugehen, das heißt, durch den Austritt aus einer Kirche zu protestieren, die aufhört Kirche zu sein, wenn sie nicht abläßt, sich einem Totalitätsanspruch zu unterwerfen." Es ist fraglich, ob das neue Kirchengesetz des Herrn Reichsbischofs Müller, durch das seine ominöse Verordnung betreffend die „Wiederherstellung geordneter Zustände in der deutschen evangelischen Kirche" außer Kraft gesetzt wurde, den Massenabfall aus dieser Kirche noch aufhalten wird können. Dieser Massenabfall von Geistlichen einer Kirche, die sich von Hitler einen paradoxen Haß gegen d?e Rasse des christlichen Religionsstifters oktroyieren ließ, ist eine grandiose Absage an den Haß überhaupt, der sich aus Gründen politi-

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