Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1933
- Issue
- Heft 34 (25.8.1933)
- Date
- 1933-08-25
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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1 1 Jüdische Mädchen vor der Berufswahl!! Zweijährige Fachschule für Kleidermachen und Wäscheerzeugung mit öffentlichkeitsrecht — Staatsgültige Zeugnisse. Einjährige Koch- und Haushaltungsschule. Moderne Kochkurse. Streng rituell. Viele sonstige Ausbildungsmöglichkeiten. Prospekte. — Mittelstandspreise Dr. Kragerhelm, a, Plalzgasse 7 Tel. A 48-0-77 Internat Samstag schulfrei. Berufsberatung täglich von 11 bis 12 Uhr. Das Jahr 1683 and die Jaden. Von Dr. L. Moses. t( Noch immer: „Die Weisen von Zion Gerichtliche Prüfung der Echtheit M.M. Ussischkin, Leo M o t z k i n, fi Farbstein, Dr. Mayer-Ebner, eventuell auch Berthold Feiwel und einige andere noch lebende Delegierte des I. Zionistenkongresses in Basel, die gegenwärtig zur Teilnahme am XVIII. Zionistenkongreß in Prag weilen, werden auf Ersuchen des Baseler Gerichtes in den nächsten Tagen vom Prager Gericht über ihre Ansicht betreffend die „Protokolle der Weisen von Zion", von denen von antisemitischer Seite behauptet wird, sie seien Geheimbeschlüsse des ersten Baseler Zionistenkongresses, vernommen werden. Das Baseler Gericht benötigt diese Zeugenaussagen zur Fällung des Urteils in einem Prozeß, der gegen Schweizer Zeitungen wegen Aufnahme einer Anzeige angestrengt wurde, in der der Leipziger flammer-Verlag die von ihm herausgegebenen Protokolle unter der Ueberschrift „Die Echtheit der Protokolle von einem Teilnehmer am Zionistenkongreß bestätigt" ankündigt. Im Text der Anzeige wird auf das Vorwort zur neuesten gekürzten Ausgabe der Protokolle hingewiesen, in dem als Zitat aus einem in einer schwedischen Zeitung erschienenen Artikel des Stockholmer Oberrabbiners Dr. M. Ehrenpreis folgender Satz wiedergegeben wird: „Theodor Herzl war sich von Anfang an über seine Ziele klar". In diesem Satz, mit dem Dr. Ehrenpreis die Judenstaatspolitik Herzls kennzeichnen wollte, erblickt der Herausgeber ein Bekenntnis zur Echtheit der „Protokolle*'. Da sich Dr. Ehrenpreis, der neben Herzl die Einladungen zum ersten Kongreß unterschrieben hat und der erste Generalsekretär der Zionistischen Organisation war, und ebenso der schweizer ischeZionistenverband und die Base 1 er jüdische Gemeinde durch die in den Schweizer Zeitungen wiedergegebene Behauptung der Echtheit der Protokolle beleidigt fühlen, haben sie die Klage gegen die betreffenden Zeitungen erhoben. Dias Basaler Gericht hat zunächst 750 Exemplare der Protokolle in Baseler Buchhandlungen beschlagnahmt und ein umfangreiches Verfahren eingeleitet, bei dem zum erstenmal die behauptete Echtheit der Protokolle von einem öffentlichen Gericht geprüft werden soll. Zu einer Gerichtsverhandlung um die Protokolle der Weisen von Zion sollte es schon früher einmal kommen, als Achtad Haam eine Klage gegen den Grafen Reventlow, der ihn als Verfasser der Protokolle bezeichnet hatte, einbrachte. Graf Reventlow erklärte jedoch damals vor der Verhandlung, er könne seine Behauptung nicht aufrechterhalten, so daß die von Achad Haam angestrebte gerichtliche Untersuchung über die „Protokolle" unterblieb. Die Kläger in dem jetzigen Prozeß beabsichtigen, nach seinem Abschluß die zuständigen Völkerbundinstanzen zu veranlassen, im Interesse des internationalen Ehrenschützes ein Verfahren einzuleiten, in dem endgültig festgestellt werden soll, daß die sogenannten „Protokolle der Weisen von Zion' eine Fälschung sind. Kagers Selchwaren-Restaurant Selchwaren ans der Fabrik Elsen & Hönlgsber streng orth. "fttt (Unter Aufsicht der Adas - Jisroel - Schiffschtü) Wien II., PraterstraBe 33, Telephon R-47-4-49 ■•■O von 8 2.— aufwarte. Hochzeiten und Banketts werden bestens arrangiert Nur wenige Tage trennen uns noch von einem Feste, wie es unser viel verlästertes und angefeindetes Oesterreich in keinem Augenblick vielleicht mit mehr Betonung zu feiern in der Lage sein dürfte, als gerade im gegenwärtigen. Denn Wien und mit ihm alles, was in Oesterreich die Heimat liebt, begeht nach zweieinhalb Jahrhunderten den Jahrestag des Entsatzes Wiens, der Rettung des Bollwerkes Europas vor barbarischer Ueberflutung, die sich am 12. September 1683 vollzog. Und wieder, wie damals vor einem Vierteljahrtausend, steht dieses selbe Wien im Kampfe gegen eine Uebermacht von Barbaren, die in ihm alles, was europäisch, was menschlich genannt zu werden verdient, bedrohen. Die Zeiten haben sich nur inzwischen ein klein wenig geändert und nicht von Osten her droht der Feind und auch nicht der Halbmond ist es, der gerne auf dem Stephansturm aufgepflanzt werden möchte, sondern das Hakenkreuz. Den Entsatz aber erwartet Wien heute nicht wie einst vom christlichen Abendland, sondern von der gesamten Kulturwelt ohne Unterschied der religiösen oder nationalen Einstellung, nicht zuletzt aber von den seelischen Potenzen, die in seiner eigenen Mitte aufgespeichert liegen. An diesen seelischen Potenzen nun sind nicht im geringsten Maße auch die Juden Österreichs beteiligt, deren Interesse wie sonst vielleicht noch nie im Laufe der Exilsgeschichte mit „Schlom ha-ir", mit dem Wohle der Stadt identisch ist. Diesmal kann sich dieses Interesse aber auch in mancher Hinsicht in Taten für das gemeinsame Vaterland auswirken, während im Jahre 1683 infolge der eigenartigen Lage der Juden jener Zeit der Anteil der österreichischen Juden am Kampfe gegen die Türken nur ein I e i d e n d e r im wahrsten Sinne des Wortes sein konnte. So war es, als im MÖBEL Moderne KDchen- Vorzlramcr- Wohnxlmmer- F.KOHN, Wien II TABORSTRßSSE Nr. 22 Telephon R 40-7-14 Samstag geschlossen — Angeschlossen der „Schomra* Juli 1683 eine Streifschar der mit den Türken verbündeten „Kuruzzen' die Judengemeinde von Ungarisch-Brod heimsuchte und schonungslos Männer, Frauen und Kinder niedermachte, während die „christlichen" Mitbürger die Tore der inneren Stadt geschlossen hielten und den Juden den Einlaß verwehrten. Auf dem eigentlichen Schauplatz der Ereignisse aber gab es im Jahre 1683 nur wenige oder gar keine Juden. Sowohl aus Niederösterreich als auch aus den bedeutendsten Gemeinden des heutigen Burgenlandes hatten die Juden ja nicht lange vorher, im Jahre 1671, auswandern müssen, als hätte ein gütiges Geschick ihnen doch möglichst viel von den Schrecken des Türkenkrieges ersparen wollen. So ist denn auch von Juden in diesen Gegenden während der zwei Jahrzehnte von 1671 bis 1690 so gut wie nichts bekannt. Wir wissen höchstens, daß im Jahre 1678 nach einer Plünderung durch Esterhazysche Husaren, also durch versprengtes und verwildertes Kriegsvolk, die wenigen noch dort zurückgebliebenen Juden auf Befehl des Grundherrn, des Abtes von Heiligenkreuz, Mönchhof am Neusiedlersee hatten verlassen müssen, und daß in Eisenstadt im Jahre 1670 ein wahrscheinlich bald unterbrochener jüdischer Wiederbesiedlungsversuch erfolgte. Bloß in Wien selbst waren — während Samuel Oppenheimer die Entsatzarmeen zwar mit Lieferungen versorgte, selbst aber noch nicht in Wien wohnte — einige Juden auf Grund der im Jahre 1673 durchgeführten Verhandlungen wieder ansässig geworden und im Juli 1672 bereits hatte ein kaiserlicher Befehl den Juden den Besuch der Kremser Märkte freigegeben, zu denen später auch noch die von Laa an der Thaya, Retz und Mistelbach kamen. Von diesen wenigen Juden aber, die etwa beim Herannahen der Türken in Wien gewohnt haben mochten, dürften manche gleich dem Hofe und vielen christlichen Bürgern die Flucht ergriffen und nach dem nahen Mähren gereist sein, wo auch sonst viele ihrer Brüder auf eine günstige Gelegenheit für ihre Einwanderung nach Westungiarn warteten. Zu diesen Flüchtlingen aus Wien gehörte vielleicht auch Abraham Klesmer, der wenige Tage vor dem Gemetzel aus Wien nach Ungarisch-Brod kam und dort ermordet wurde. In Wien aber machten nur wenige Juden die Belagerung mit. Es war wahrscheinlich nicht einmal die für einen gemeinsamen Gottesdienst erforderliche Anzahl von zehn Männern innerhalb der Mauern der belagerten Stadt vorhanden. Einem kleinen, wahrscheinlich nur mehr in dem einen in der Bodleiana zu Oxford befindlichen Exemplare vorhandenen Büchlein, das Steinschneider im Katalog dieser Bibliothek beschreibt, verdanken wir die wenigen Daten über die zur Zeit der Belagerung in Wien befindlichen Juden. Der Verfasser, Meir ben Perez Schmelkes aus Prag, erzählt, daß er im Taunnus (Juni—Juli) 1683, also knapp vor der Einschließung aus Prag nach "Wien gekommen sei, wo sein Vater am kaiserlichen Hof in Geschäften zu tun hatte. Auf dem Prager alten Judenfriedhof finden sich gerade um jene Zeit viele Angehörige dieses Perez Schmelkes, wodurch, wenn es überhaupt noch notwendig ^ein sollte, die Glaubwürdigkeit dieses Berichtes noch erhärtet wird. Noch mehr geschieht dies aber durch seine Aufzählung der vielen kostbaren Dinge, die nach dem Entsatz Wiens erbeutet und in das kaiserliche Zeughaus gebracht wurden. Namentlich in diesem Punkte stimmt ja unser jüdischer Augenzeuge vollständig mit den diversen anderen in Kabdebos „Bibliographie der Türkenbelagerungen Wiens' aufgezählten Berichten von Augenzeugen überein. Wenige Tage aber nach dem Sieg am Kahlenberg, wahrscheinlich Sonntag, den 28. Elul (19. September), verließ Meir Schmelkes, nachdem er noch am Abend vorher die letzte Eintragung in sein Tagebuch gemacht hatte, mit dem Vater und vier anderen Juden Wien. Sie wollten, da ja wahrscheinlich andere Juden in Wien nicht weilten, das jüdische Neujahrsfest, das ebenso wie heuer auf den 21. und 22. September fiel, in einer der nächsten Judengemeinden, und zwar in Nikolsburg, feiern und waren eben im Begriff, bei Klosterneuburg die Donau zu übersetzen, als sie von umherstreifenden Soldaten des polnischen Entsatzheeres ermordet und beraubt wurden. Unter den Erschlagenen befand sich auch Mordechai (Max) Schlesinger, der Stammvater der bekannten Wiener Buchhändlerfamilie dieses Namens. Sein Leichnam wurde gleich dem eines seiner Begleiter von der Donau fortgeschwemmt, während die anderen vier Erschlagenen, und unter ihnen auch der Verfasser unseres Büchleins, von Pesach Balbierer (Barbier) aus Tobitschau (Mähren), der sich nebst anderen Juden beim polnischen Heere befunden hatte, begraben wut^ den. Wahrscheinlich waren dies jüdische Marketender oder Fuhrleute gewesen, wie sie einzeln oder in kleinen Gruppen bei allen Heeren zu finden gewesen sein dürften. Durch Pesach Balbierer kam das Büchlein dann in die Hände des Elchanan ben Isachar Kohen, der es in der Druckerei des Josef ben Jehuda Bäk zu Prag im Jahre 1684 herausgab. Kaum dürfte es ein zweites Büchlein geben, auf das so wie auf dieses der Spruch paßt, daß Bücher ihre Schicksale haben. Es ging ja noch vor seinem Druck in wechselvollen Zeiten von einem Besitzer zum anderen und teilte dann das Schicksal seiner vielen Genossen aus der Bibliothek Oppenheimers, um, endlich in Oxford zur Ruhe gelangt, noch einen unserer wichtigsten Zeugen bilden zu müssen. Besäßen wir nämlich nicht wenigstens dieses eine Büchlein in diesem einen Exemplar, wir wären wahrhaftig hinsichtlich der Rolle, die Jude* zur Zeit der Belagerung Wiens spielten, auf bloße Vermutungen angewiesen — oder auf eine trübe Quelle gefährlichster Art, von der hier trotz allem Widerwillen gesprochen werden muß. Es ist dies ein am 5. November 1911 im Wiener „Deutschen Volksblatt" erschienener Aufsatz „Die Juden in der Türkenbelagerung Wiens 1683", der auf Grund eines angeblich in einem türkischen militärischen Fachblatt erschienenen Artikels nicht mehr und nicht weniger behauptet, als daß 6000 Juden die Türken begleitet und in Werd einen Trödelmarkt etabliert hätten, wo sie die erbeuteten Waren aufkauften, den Gefangenen Kleider und Wertsachen abkauften und namentlich schöne junge Christinnen kaufte«.