Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1933
- Issue
- Heft 10 (10.3.1933)
- Date
- 1933-03-10
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 DIE WAHRHEIT Juwelen, Uhren, Golda. Silberwaren, insbesondere t re "bs, SederscIiQsseln t ' - 'r- ■ Meaorahs. Leuchter und Bestecke in großer Auswahl, auch Gelegenheitskaufe stets vorrltig . Morjtz Warkaiijr; ij., Tabprstraße 14 _ £BBBSBaBBBBBBBBBBBBBBflBBBBBBBB9BaBHBHBBflBBB9BBBBBBBBBBBflBBBBBflBflBBBBBBBBBl Jetzt wird es Zeit Mmalek, Purüngedanken. Von G. Ihren Bedarf zu decken an den berühmten 'Stfianidt-Ofttaxxoitk Jlathan (ßtodetztof Zentrate: Wien, 2. (Bezirk, Xeopofdsgosse 43 Telephone: A 461-M), A 41-9-52, A 60-2-63 Die fcfianidl-JntEXXotfk und das Fabrikat ..Ofilmtkc StSkmiat Jl. <&." (Mazzoth, Grieß und Farwel) sind außerdem erhältlich in allen besseren Geschäften m B B a B a B IBBBBBBBBB! .S CIjIJSIUSBAD KHK- UND BAi>BAKSTAl/T WIEN IX., CLUS IIIS GASSE NR. 12 an der Friedensbrücke gelegen . A Original BüSSlSdieS DompJb&d mit '—ja_ BüschenbeharidlunK Regen Rheuma etc. Gegen Vor wsisuag dieses ^nserai^e.s Stl=-3Q. Wer war Amalek? Und weshalb spricht das Schriftwort am Purimfest (2. Mose 17, 14) von ihm nicht wie von einem Schatten der Vergangenheit, an den bei passendem Anlaß dann und wann erinnert wird, sondern als von einer Gefahr, die uns ständig und unmittelbar bedroht? * * Israel hatte die Sklavenkette an seinen Füßen gesprengt, das eiserne Joch von seinem Nacken gestreift, kraftvoll erhob es sein Haupt und entledigte sich der letzten Spur der Knechtschaft. Israel erkannte den Wert der Freiheit und trat an die Wanderung nach dem Lande der Väter, einen weiten und schweren Weg, durch eine grauenhafte Wüste. Aber Israel ging aufrechten Hauptes, die Freiheitssehnsucht in seinem Herzen, das Lied des Volkserwachens auf seinen Lippen ... Da kam Amalek. Amalek stellte sich Israel in den Weg. Nicht etwa, um sein eigenes Land vor dem freigewordenen Hebräervolk zu schützen, nicht etwa aus Angst, daß seine eigene Heimat gefährdet würde. Amalek wußte, daß sein Land nicht von Israel begehrt wurde, daß es lediglich in das Land seiner Väter ziehen wollte, das damals Fremde besaßen. PeuiltetOM Rahel Varnhagen. Zii ihrem 100. Todestag am 7. März 1933. Am 7. März jährte sich der 100. Todestag von Rahel Varnhagen. Die Autorin des folgenden Aufsatzes, Frau Dr. Augusta Weldler-Steinberg, der ein allzu früher Tod die Feder aus der Hand genommen, besaß eine tiefe Kenntnis von Raheis Persönlichkeit: sie hat ein wertvolles Buch „Rahel Varnhagen, ein Frauenleben in Briefen", veröffentlicht, welches dem Leser die Persönlichkeit dieser . bedeutenden Frau erschließt Wir geben nachstehend auszugsweise einen von Frau Dr. Weldler verfaßten Artikel wieder, der 1929 im Berliner „Jüd. Magazin" erschienen ist und in feinen Strichen die Persönlichkeit der Rahel zeichnet. Die Red. Das Haus Moses Mendelssohn war der erste jüdische Salon, ein geistiger Mittelpunkt für die bedeutendsten Persönlichkeiten Berlins. Die stärksten Wirkungen gingen jedoch von drei Berliner Jüdinnen aus: Henriette Herz, Dorothea Mendelssohn und Rahel Lewin. Henriette de Lemos, die Tochter eines portugiesischen Arztes, wurde in sehr jugendlichem Alter die Frau des Mediziners und sehr bekannten Kantianers Markus Herz, dessen ästhetische und allgemein philosophische Vorlesungen von ganz Berlin besucht wurden. Diese Ehe gründete sich nicht auf Liebesüberschwang, wohl aber auf eine warme, liebevolle Verehrung der um fünfzehn Jahre jüngeren Frau. Sie zeichnete sich durch große Schönheit aus. ihre hohe, schlanke Gestalt und ihr klassisch ebenmäßiges Gesicht ließen ihren Beinamen einer berlinischen Juno gerechtfertigt erscheinen. Verständig, gefühlvoll, ohne eine innere Beziehung zur Romantik, ging ihre Intelligenz mehr in die Breite als in die Tiefe, in früher, sentimentaler Freundschaft den Brüdern Humboldt verbunden, wählte sie nach dem Tode ihres Mannes Schleiermacher zum Seelenfreund. Zahlreiche Verehrer, Prinzen und Fürsten, scharten sich in ihrem glänzenden Salon um sie, und ihre Zahl verringerte sich auch nicht, Nach dem Lande AmaJeks. aber hatte Israel gar kein Verlangen, seinen Boden wollte es gar nicht betreten; Amalek hatte keinerlei ersichtlichen Grund, sich Israel entgegenzustellen. Wir begreifen wohl die Stellungnahme anderer Völker gegen Israel und verstehen sie, wenn wir etwa leseu: „Zittern ergriff die Bewohner des Philisterlandes, es erschraken die Fürsten Edoms, es erbebten die Mächtigen Moabs und in Angst aufgelöst waren die Bewohner Kanaans". Amalek hingegen hatte nicht die geringste Ursache zu erschrecken und zu zittern; sein Land lag weitab, seiner Heimat konnte nichts geschehen. Ja noch mehr. Ihm konnte es gleichgültig sein, wer in Kanaan herrschte, ob die Phönizier oder die Hebräer. Er hatte auch gar keine Vorkehrung getroffen, Israel den Weg dorthin zu versperren; denn er wußte, daß ihm selber keine Gefahr drohte. Warum fing Amalek trotzdem Streit ah mit Israel? Eines war es, was er bis zür Verträglichkeit haßte: das war die Freiheit an sich. Die Dreistigkeit, daß ein Volk sich herausnahm, das Sklavenjoch abzuschütteln und sich die Freiheit zu erobern, das allein empörte ihn. Amalek haßte alle Umstürzais sie ihren bescheidenen Witwensitz in der Markgrafenstraße aufschlug. Tiefer und leidenschaftlicher ist Wesen und Leben Do r o t h e as. Auch sie wird früh an den Bäiikier Veit verheiratet, einen gütigen und großmütigen Menschen, dessen Freundschaft sie auch hoch umsorgt, als sie ihn nach fünfzehnjähriger Ehe;verlassen hat und Friedrich Schlegels Gattin wurde. Ihm weiht sie ihre ganze Liebesstärke, eine Hingebung ohne Grenzen. Sie regt das schwerfällig und mühsam produzierende Genie der Romantik zu fruchtbarer Tätigkeit an, sie macht getreu alle Schwankuhgen seines Charakters und seines wechselreichen Lebens mit, sie schreibt Kritiken, fertigt Uebersetzungen an, schreibt einen romantischen Roman, als nach anfänglichem Aufschwung Friedrich wieder in seine hypochondrische Trägheit versinkt. Am größten aber ist Rahel. Auch sie hegt einen Abgott: Goethe. In lebenslanger, ehrfürchtiger Liebe dient sie ihm, als Verkünderin. Auch sie ist in leidenschaftliche Konflikte verwickelt. Dennoch bleibt sie frei und bewahrt ihr Eigenstes und alles Erleben und Erleiden dient ihr zum Guten. Mit gewaltiger Magie zieht sie die Menschen an sich. Es ist ein bunter Zug, der geistige Anregung, Freundschaft und dauernde Teilnahme bei ihr findet, von Prinz Louis Ferdinand bis Heine. Tiefe Güte allem Lebendigen gegenüber erfüllt sie. Noch beherrschender lebt in ihr der Zug zur Wahrheit. Revolutionär steht sie mit der Romantik" zur Sittlichkeit, sie betont die Rechte des Individuums, der Natur. „Unschuld ist schön, Tugend ein Pflaster". Sie liebt Naturen, die aus dem Vollen leben, nach den Gesetzen ihres eigenen ungebrochenen Wesens, wie jene Philine Pauline Wiesel, mit der Sehnsucht derer, denen es versagt bleibt. Die größte Lüge ist für Rahel die, nur aus konventionellen Gründen geschlossene Ehe. Darin und in der Forderung, daß der Frau ..Raum für ihre Füße" gegeben werde, ist sie eine Vorkämpferin der Frauenbewegung geworden. Jüdisch an ihr sind die leidenschaftliche Hingabe an den Schmerz, die vulkanische Heftigkeit ihres Erlebens, das Eruptive ihres Empfindens und Ausdrucks. In den ungestillten Tagen ihrer Jugend ler, alle Neuerer, sie schienen ihm eine Bedrohung der Weltordnung. Amalek dünkte sich den hohen Protektor der Sklaverei, der Reaktion in der ganzen Welt. Die einmal untertänig sind aind in Knechtschaft schmachten, die haben diese Ordnung zu respektieren und in diesem Zustande willig zu verharren. Jede Auflehnung ist Revolution und darum ihm in tiefster Seele verhaßt, „Amalek" — schon der Name sagt es: „Das Volk muß gezüchtigt werden". Nun sah er, wie ein Sklavenvolk plötzlich revoltiert, seine Ketten zerbrochen und sich die Freiheit errungen hatte. Das schien ihm eine Zerstörung der staatlichen Ordnüng. Ein Sklavenvolk schwang das Panier der Freiheit, dazu konnte Amalek nicht schweigen, da durfte er nicht untätig bleiben, nicht ruhig zusehen. Diese Juden versuchen die Weltordnung umzustürzen, das Beispiel könnte Nachahmung finden. Ueberall werden nun die Sklaven sich gegen die Unterdrücker auflehnen und empören. Dieses revolutionäre Gesindel muß bis auf die Wurzel ausgerottet werden. Dazu ist er, Amalek, berufen, das ist seine geschichtliche Aufgabe. (Reschith gojim) Das erste der Völker, die Israel bekämpften, weil dieses der Menschheit auf dem Wege der Freiheit voranzieht, war Amalek. (Rezuoh l'Jisroel) „Die Knute den Juden," diesen Empörern gegen das Prinzip der Reaktion! Tod allem Freisinn und Fortschritt, Krieg alier nur im Segen des Friedens, im Schutz überwältigt diese Intensität ihres Fühlens oft alle Form und läßt zuweilen verstehen, daß ihre bewunderte Zeitgenossin Karolirie Schlegel, die auch in ihrem Schmerze ein edles Maß bewahrte; ihr vorgezogen wird. Rahel ist sich dessen bewußt: „Nie kann mein Gemüt in schönen Schwingungen einherfließeh, wozu diese Schöne in der Tiefe meines geistigen Seins wie in den Eingeweiden der Erde verzaubert liegt. Wie richtig, geliebter Freund, und wie traurig, vergleichst du mich einem Baum, den man aus der Erde gerissen hat und dann seinen Wipfel hineihgegraben . . ." Doch wenn sie ihre leidenschaftlichen Angriffe gegen soziale Schäden richtet, Freiheit und materielle Besserung für alle Menschen fordert, Klassenunterschiede verachtet, ist sie eine späte Tochter der Propheten. Auch Rahel trat zum Christentum über, als sie ihre Ehe mit Varnhagen einging. Doch ebensowenig wie Heine wurde sie Christin, ihre Religiosität ist jüdisch geblieben. Des persönlichen Gottes kann sie nie entraten, zu dem Gott ihrer Väter ruft ihr Herz in allen schweren Stunden des Lebens. Echt jüdisch ist auch ihr Erfassen des ganzen Daseins in all seinen großen und kleinen Momenten als Offenbarung göttlichen Wunders. „Leben ist die große Uressenz, woraus alles quillt, mit und ohne unser Zutun." Frömmigkeit ist für sie, wie auch für Goethe, bewußt am Stoffe des Daseins mitzuarbeiten. Und das Ergebnis ihrer Weisheit faßt sie zusammen in den schlichten Worten: „Sehen, lieben, verstehen, nichts wollen, unschuldig sich fügen, das große Sein verehren, nicht hämmern, erfinden und bessern wollen und lustig sein und immer güter." Und wie sie selbst in ihren letzten Jahren stiller, weicher zu den Dingen der Natur zurückfindet, verliert sich auch in ihr jenes Empfinden, daß das Judentum das größte Unglück ihres Lebens sei. Losgelöst von zeitlichen Wertungen, wendet sie sich in tiefem Erkennen den Wurzeln ihres Seins zu. Auf ihrem Totenbette denkt sie, „der Flüchtling aus dem Lande Aegypten und Kanaan, mit erhabenem Entzücken an diesen ihren Ursprung, an diesen ganzen Zusammenhang des Geschicks, durch welches die ältesten Erinnerungen mit der neuesten Lage der Dinge, die weitesten Zeit- und Raumformen verbunden sind."