Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 37-38 (11.9.1931)
- Date
- 1931-09-11
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Seite 15 JVaßcn ßreiis am Werft Anders wie in Oesterreich . . . Die Frage, ob einem jüdischen Arbeitgeber die Weiterbeschäftigung eines Arbeitnehmers zuzumuten sei, der sich außerhalb der Dienstzeit antisemitisch betätigt, beschäftigte jüngst das Berliner Arbeitsgericht. Bei einem Apotheker in der Rosenthalerstraße war seit mehr als einem Jahre eine Praktikantin tätig. Vor ihrer Einstellung hatte sich der Besitzer der Apotheke mit Rücksicht auf seine vorwiegend jüdische Kundschaft vergewissert, daß die Praktikantin keine Antisemitin sei. Anfang August singen dem Apotheker plötzlich anonyme Briefe zu. in denen ihm mitgeteilt wurde, daß seine Praktikantin im Südwesten Berlins auf der Straße Flugblätter antisemitischen Inhalts verteilt habe, was diese auch zugab. Der Arbeitgeber machte sie darauf aufmerksam, daß ihr Verhalten nicht mit ihren Anstellungsbedingungen vereinbar sei und daß man ihm nicht zumuten könne, sie weiter zu beschäftigen, wenn sie sich fernerhin antisemitisch betätige. Nach dieser Unterredung verließ die Praktikantin die Apotheke, ohne daß genau festgestellt worden war, ob sie entlassen worden war oder selbst gekündigt hatte. Vor dem Arbeitsgericht strengte sie die Klage auf Fortsetzung des Lehrverhältnisses an mit der Behauptung, fristlos entlassen worden zu sein. Der beklagte Apotheker bestritt dies zwar, sprach dann aber in der Verhandlung die fristlose Entlassung wegen ihres Verhaltens aus. Das Gericht wies die Praktikantin nach kurzer Beratung mit ihrer Klage ab. In der Begründung betonte der Vorsitzende, daß einem jüdischen Arbeitgeber nicht zugemutet werden könne, einen Arbeitnehmer zu beschäftigen, der außerhalb der Dienstzeit antisemitische Propaganda treibe. Die Folgen. Wie das Danziger offizielle Touristenamt mitteilt, ist in diesem Jahre der Besuch polnischer Touristen und Kurgäste sehr stark zurückgegangen. Man zählte in den ersten sieben Monaten des Jahres 1931 rund 6000 polnische Gäste weniger als in der gleichen Periode des vergangenen Jahres. Allein das Seebad Zoppot weist einen Rückgang von 4200 polnischen Gästen auf. Im offiziellen Bericht des Tpuristenamtes wird die Hoffnung ausgesprochen, daß die Ursachen, die auf den Besuch polnischer Gäste störend einwirken, iti Zukunft beseitigt werden würden. Damit ist angedeutet; daß der Rückgang des Besuches aus Polen auf die Umtriebe der Hakenkreuzler zurückzuführen ist. Invalide Antisemiten. Anläßlich eines Besuches des polnischen Arbeitsministers Hubicki in dem vor kurzem im Kurort fwanitsch errichteten Invalidenheim „Excelsior" kam es zu einem peinlichen antisemitischen Zwischenfall. Die Insassen des Heims, 80 Invaliden, darunter 20 Juden, sollten gemeinsam mit dem Minister und der Anstaltsleitung photographiert werden. Die christlichen frivaliden weigerten sich jedoch, sich gemeinsam mit den jüdischen Patienten photographieren zu lassen, und versuchten, diese mit Gewalt beiseite zu schieben. Minister Hubicki ließ sich schließlich mit den jüdischen Invaliden nochmals besonders aufnehmen. Die jüdischen Insassen des Heims haben in Hinblick darauf, daß die Anstaltsleitung sich bei dem peinlichen Vorfall nicht ins Mittel gelegt hatte, beschlossen, das Heim zu verlassen. Gemeinde ~ ttkronik Kirchenbesucher retten brennende Thora-Rollen. Vor etwa drei Wochen ist die Synagoge in Eberswalde (Mark) durch einen Blitzschlag in Brand geraten und zum Teil zerstört worden. Ueber den Hergang der Katastrophe weiß das „israelitische Familienbatt" folgendes zu berichten: „In einer benachbarten Kirche fand gerade Gottesdienst statt. Als die Nachricht von dem Brand sich unter der versammelten Beterschar verbreitete, wandte sich ein Eberswalder Bürger, der kürzlich einer Führung durch die Synagoge beigewohnt hatte, an einige Kirchenbesucher mit den Worten: „Ich weiß von einem Besuch in der Synagoge, daß die Thora- Rollen den Juden heilig sind. Kommt, wir wollen die Thora-Rollen retten!" So eilten denn aus der Kirche einige Männer zur Synagoge, und Thora-Rollen, sowie Gebetbücher und Talesim wurden gemeinsam von jüdischen und christlichen Herren i n Stellennachweis der „Union". Offene Stelle: Praktikant für Damenmode-Geschäft (per sofort)." Anfragen sind an das Sekretariat der „Union", IX., Berggasse 4, Tel. A 19-2-77, zu richten. Sicherheit gebracht In unserer Zeit der politischen Verhetzung verdient diese Tat wahrer Toleranz besonders dankbar anerkannt zu werden." Kein neuer Oberrabbiner für die Türkei. Die Frage der Neubesetzung des durch den Tod vonChajimBedjarano Effendi. des letzten Oberrabbiners der Türkei, freigewordenen Postens, soll nach einem Beschluß der dafür maßgeblichen jüdischen Instanzen, gar nicht erst diskutiert werden. Die türkische Judenheit sieht sich nicht mehr in der Lage, einen Oberrabbiner zu erhalten. (Praktisch ist der Posten eines OberrabWners der Türkei durch die Maßnahmen der Regierung so bedeutungslos geworden, daß seine Neubesetzung nur demonstrativen und repräsentativen Wert hätte haben können. Anm. <t Red.) Vierzigjähriges BurgtheaterjubDäum Josei Mosers. Am 15. d. M. begeht Josef Moser das Fest seiner 40jährigen Zugehörigkeit zum Burgtheater. Am 15. September 1891 ist er im Paul Lindaus Lustspiel „Ein Erfolg" zum ersten Male im Burgtheater aufgetreten. Er entwickelte sich zu einem der feinsten und und vornehmsten Episodenspieler des Hauses. In der kaiserlichen Zeit erhielt er das Hofschauspielerdekret, vor einigen Jahren wurde ihm die Ehrenmitgliedschaft desBurgtheaters verliehen. Moser bat, von einer offiziellen Feier des Tages Abstand zu nehmen, die Kollegen, bei denen er, der ein guter Jude ist, sehr beliebt ist, wollen aber seine Bitte nicht respektieren. Uebrigens wird Moser an seinem Jubiläumstage durch das Goldene Ehrenzeichen ausgezeichnet werden. Fünihauser Gemeindetempel. Am letzten Freitag abends versah der neubestellte Oberkantor, Herr Moses Taschlitzky, zum ersten Male seine kantorale Funktion. Vor Beginn des Gottesdienstes hatten sich in der Kanzlei des Tempels der gesamte Bethausvorstand eingefunden, um den neuen Kantor feierlich einzuholen. Nach herzlichen Begrüßungsworten des Obmannes, Herrn Kommerzialrat Samuel Bernhardt, des Vizepräsidenten der Kultusgemeinde, Herrn Dr. Jakob O r n s t e i n, Sr. Ehrw. des Herrn Rabbiner Dr. I. T a g 1 i c h t und des Herrn Bernhard Kohn im Namen der Chewra Kadischa wurde Oberkantor Taschlitzky in feierlichem Zuge an die Stätte seiner neuen Wirksamkeit geleitet, «^worauf der Gottesdienst sogleich seinen Anfang nahm. Mit andächtiger Ergriffenheit folgten die überaus zahlreich erschienenen Besucher, die alle Teile des Tempels füllten, dem kantoralen Vortrage des neuen Oberkantors, dessen künstlerische Qualitäten allseits hohe Anerkennung fanden. Dem feierlichen Gottesdienste wohnten neben den obgenannten Persönlichkeiten auch die Mitglieder des Kultusvorstandes, die Herren Vizepräsident Dr. Löwenherz, Börserat Glück, Komm.-Rat Albers, Obermedizinalrat Dr. Haase, in Vertretung des Zentralvorstandes der „Union österreichischer Juden" Reg.-Rat Dr. Lenk und vom Beamtenstabe der Israelitischen Kultusgemeinde Amtsdirektor Reg.- Rat Fuchsgelb und die Herren Amtsleiter Engel und Meißner bei. Orthodoxer Israelitischer Tempelverein „Emunas Aves" (Wien XIV., Storchengasse 21). Am ersten Slichothtage, Sonntag, den 6. d.M., fand die feierliche Einweihung der umgebauten Synagoge des im Titel genannten Vereines statt. Wir können uns heute infolge des Raummangels in der vorliegenden Feiertagsnummer lediglich auf die Registrierung der in unserer Zeit der Wirtschaftskrise und Wirtschaftsnot besonders erhebenden Tatsache beschränken, daß es dem Glaubenseifer und Opfermute eines von tatkräftigen Männern ausgezeichnet geleiteten Bethausvereines, unterstützt durch die anerkennenswerte Hilfe der Wiener Muttergemeinde, gelungen ist hier ein Werk von Künstlerhand zu schaffen, das diesem Vereine zum Ruhme und Ehre gereicht. In der Storchengasse, wo sieben Jahrzehnte das alte Bethaus stand, das vor Jahresfrist einzustürzen drohte, erhebt sich von dem vielfach bewährten Tempelbauer Architekt I. Reiser entworfen, ein prächtiger Bau, der am Sonntag in einer imposanten Feier, bei der der überaus rührige Präsident des Tempelvereines, Emanuel Weiß, Architekt I. Reiser und der Vizepräsident der Kultusgemeinde, Dr. J. O r n s t e i n, gediegene Ansprachen und der Vereinsrabbiner A. Weiß eine ungemein gehaltreiche Festrede hielten, sowie Oberkantor S. Einhorn in stimmungsvoller Weise die kantorale Funktion versah, seiner erhabenen Bestimmung übergeben wurde. Wie einleitend erwähnt, verbietet uns Raummangel heute. die schöne Feier, zu der sich ein zahlreiches Publikum eingefunden hatte, mit der ihr gebührenden Ausführlichkeit zu besprechen. Dies soll in unserer nächsten Nummer nachgeholt werden, in der auch eine Beschreibung des herrlichen Gotteshauses gegeben werden wird. Goldene Hochzeit. Am 8. d. M. beging das in den weitesten Kreisen hochgeschätzte Ehepaar Samuel und Anna D o n r e i c h das Fest der goldenen Hochzeit. In den Nachmittagsstunden des Festtages fand sich im Haus des Jubelpaares eine große Schar von Freunden ein, um das Ehepaar, umgeben von all seinen Kindern und Kindeskindern, zu beglückwünschen. Vizepräsident Dr. J. Ornstein überbachte die Glückwünsche der israelitischen Kultusgemeinde und feierte das jubilierende Paar als vorbildliche edle Menschen, in deren Haus echtes jüdisches Familienleben eine dauernde Stätte gefunden habe. Er überreichte dem Paare ein in wärmsten Worten abgefaßtes Glückwunschschreiben der israelitischen Kultusgemeinde. Reg.-Rat Dr. Lenk verdolmetschte die Glückwünsche der „Union österreichischer Jude n", deren langjähriges eifriges Mitglied Herr D o n r e i c h ist. Herr Dr. Isidor Schalit beglückwünschte als alter Freund des Hauses das Jubelpaar, Oberbuchhalter Brauner sprach den Dank und die Glückwünsche des Personals des Geschäftshauses S. Donreich aus. An diesen offiziellen Teil schloß sich eine intime Feier, um deren Gelingen sich besonders die Tochter des Ehepaares, Frau B a e c k e r, als Verfasserin ebenso herzlicher als humorvoller Gelegenheitsgedichte verdient gemacht hat. Todesfälle. Am 5. d. M. verschied nach langem schweren Leiden im 77. Lebensjahre Herr Philipp Herzog, ein in weitesten Kreisen sehr beliebter Glaubensgenosse, der sich für jüdische Angelegenheiten schon in seiner Eigenschaft als Mitglied der Schätzungskommission der Wiener Kultusgemeinde stets warm einsetzte. In dem Verblichenen, dessen Leichenbegängnis am 6. d. NL, seinem Wunsche gemäß in aller Stille stattfand, verliert Herr Simon Herzog, Mitinhaber des bekannten Cafe Excelsior (I., Rotenturmstraße), seinen Vater. — Am 4. d. M. wurde eine der edelsten Frauen der Wiener jüdischen Gesellschaft Olga (von) Doctor in ailer Stille zu Grabe getragen, die Witwe nach dem Großindustriellen Eduard von Doctor. Als Tochter des Präsidenten der Leipziger Kultusgemeinde Werthauer kam sie jung nach Nachod in Böhmen, und wurde nicht nur eine musterhafte, leider schwer geprüfte Mutter und Hausfrau, sondern dort und später in Wien ein Engel der Armen. Namentlich still, vornehm und diskret an einst Begüterte zu geben. lag in ihrer Art. Es gelang ihr, als I. Vizepräsidentin des Prauenhortes. dessen Geschäfte sie nach dem Tode der Frau Regine Kopstein führte, den Verein vor dem Herabgleiten zu bewahren und sie erhielt im Kriege eine hohe Auszeichnung, weil sie als eine der allerersten Privaten in ihrer luxuriösen Wohnung in der Stadt und ihrer herrlichen Privatvilla ein Kriegsspital eingerichtet hatte. Der Frauenhort hielt am 8. d. M. im Tempel des 9. Bezirkes eine Trauersitzutig ab, in der Frau Präsidentin Massarek. für den Tempelverein 9. Bezirk. Börserat J. Glück, und namens der „Weiblichen Fürsorge" Frau Dir. Regine Uli mann, die aus diesem Anlasse eigens von Baden nach Wien gekommen war, Trauerreden hielten. Eine einzige Tochter und ein Schwiegersohn. Frau Hella und Herr Direktor Hugo Dukes, zahlreiche Angestellte und viele Freunde betrauern die Frau, in deren Heim sie so viele angenehme Stunden genossen. Cl. Benedikt An unsere Glaubensgenossen! Ein harter, grausamer Winter naht und soweit nur möglich, denkt schon heute jeder daran, sich gegen die Unbilden der Kälte za schätze» and sichand seinen Lieben ein behagliches, wärmendes Heim für die ranke Jahreszeit zu bereiten. Mit Schrecken und Graues aber gedenken wir der vielen Unslfickliclwn unter unseren Glaubeasbr&dern. der frierenden Kinder, der Kranken, der arbeitslos Umherirrende«, die keine warme Stube zu Hause finden, die den Gefahren der kältet» Jahreszeit täglich und stündlich ausgesetzt sind. Der jüdische Frauetrverein Leopoldstadt leitet soeben eine Kohlenaktion für diese Aennstes in die Wege. Er will Kohle für sie beschauen, und zwar sogleich, wo sie noch zu erschwinglichen Preisen zu haben ist Für billiges Geld möglichst viel Kohle! Er bittet anläßlich der hohen Feiertage Jeden, ein Scherflein zu dieser Aktlos beizutragen! Aach die kleinste Gabe ist willkommen. Wer rechtzeitig gibt, gibt doppelt und dreifach. Mit wärmstes Danke F. d. Vorstand des »dfecbeo Frasesvereises Leoooldstaft Margarete Gruawafd. Präsidentin. ..„ Spende» sind zu richten an Pnm Regine Oimrnheim. Wien IL. Praterstrase 30. and werden dkwothen in der Zeitschrift JHe Wahrheit" aasgewfeee«.