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Die Wahrheit · 1930-07-04 · Heft 27 (4.7.1930) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1930
Issue
Heft 27 (4.7.1930)
Date
1930-07-04
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 4 DIE WAHRHEIT DIE einstimmt, das Wesen des semitischen Imperfekts neuerdings zu ermitteln gesucht hat. In sehr treffender Weise suchte in der Abteilung für Turkologie und Islam. Bergsträßer (München), die Notwendigkeit und Möglichkeit einer kritischen Koran ausgäbe darzulegen. Daß tatsächlich die Flügelische Ausgabe, die, wie Bergsträßer sehr treffend bemerkte, schon zur Zeit ihres Erscheinens (1845) nicht den zu erwartenden wissenschaftlichen Anforderungen entsprochen hat, darüber kann es keinen Zweifel geben. Daß nun eine kritische Ausgabe des Koran gegeben werden wird müssen, darüber kann auch kein Zweifel bestehen. Aber die Schwierigkeiten einer solchen sind sehr große und so wird man sich vorläufig mit der vor zwei Jahren in Kairo erschienenen Ausgabe begnügen müssen. Bergsträßer selbst plant die Ausgabe eines Apparatus criticus zum Koran, der gewiß befruchtend auf eine spätere Ausgabe des Koran einwirken wird. Von den im Anschluß an die 25. Generalversammlung des Deutschen Vereines zur Erforschung Palästinas gehaltenen Vorträgen von S. K r a u ß (Wien) über: „Neue Synagogenfunde in Palästina" und den von E. Mader (Jerusalem) über die Ausgrabungen im Mamre, die ich selber nicht gehört habe, wurde allgemein festgestellt, daß sie sehr wertvoll und spannend waren. Von den allgemeinen Vorträgen möchte ich hervorheben den im Festsaale der Akademie der Wissenschaften gehaltenen Vortrag von Lüders (Berlin) über Aufgaben und Ziele der Indologie/ den von Steindorff (Leipzig) über die thebanische Gräberwelt, von Böhl (Leiden) über babylonisches und israelitisches Neujahrsfest, ganz besonders aber die Vorträge von Litt mann (Tübingen) über abessinische und semitische Poesie, in welchem er namentlich die Poesie des Tigre, auf welchem Gebiete ja Dttmann eine erstklassige Autorität ist, im Verhältnis zur arabischen Poesie behandelte, und dann der von Oppenheim (Berlin) über die Ergebnisse seiner Ausgrabungen auf dem Teil Halaf in den Jahren 1911—13 und 1927 und 1929. Dieser mit Lichtbildern unterstützte Vortrag, der eine völlig neue Welt der Wissenschaft erschließt und über den ja auch die Tageszeitungen berichtet haben, war ein Ereignis. Eine vor viertausend Jahren v. d. g. Z. herrschende Kultur wird da erschlossen und uns gezeigt, welche Bedeutung Teil Halaf und Fecheria zukommt. Diese beiden Städte lagen am Chabur, dem größten Nebenfluß des Euphrat, nach seinem Austritt aus dem kleinasiatischen Hochgebirge und waren die Hauptstädte des Subartu, welches das südliche Kleinasien und die nördlichen Gebiete von Mesopotamien und Syrien umfaßte. Zahllose Steinbilder, Götter-, Menschen- und Tierdarstellungen, eine herrliche, buntbemalte Keramik gewähren uns einen tiefen Einblick in eine ganz neue, bislang unerschlossene Welt So bot denn dieser Kongreß, dem auch eine Sektion für Aegyptologie und Afrikanistik, den christlichen Orient, Indien und Iran, Aegäis, Kleinasien und Kaukasus, Ostasien und Südsee angegliedert war, ganz bedeutende Anregungen und man konnte beobachten, mit wie viel Idealismus an diesen Gütern gearbeitet wird. Man darf sagen, daß die in Wien stattgefundene Tagung, um deren Gelingen sich namentlich die Wiener Orientalisten große Verdienste erworben haben, wie dies auch Geheimrat Rosen in seinem Schlußworte in der Schlußsitzung der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft hervorgehoben hat, nicht ohne Wirkung auf die Forschung bleiben wird. Nicht unerwähnt kann ich aber auch lassen die von der „Wiener Zeitschrift für die Kunde des Morgenlandes" den Teilnehmern gewidmete Festschrift, in der sich wertvolle Beiträge befinden, unter welchen ich namentlich die Arbeit von Rhodokanakis (Graz) über: „Dingliche Rechte im alten Südarabien", in der er überaus wertvolle Ergänzungen zu seinen früheren Arbeiten auf diesem Gebiete liefert, hervorheben möchte, dann die ganz vorzügliche Arbeit von Geiger (Wien) über iranische Lehnwörter im Aramäischen, die in dem Aufsatze eine kleine Auswahl von iranischen Lehnwörtern im Jüdisch-Aramäischen, welche in einem in Vorbereitung befindlichen Supplementband zum „Aruch" zur Gänze dargelegt werden sollen, uns darbietet Nicht uninteressant ist auch der Aufsatz von Seif (Wien) über eine arabische Urkunde der Sa'dijje, die in mir den Gedanken eines Vergleiches der Igaza mit jüdischen Ordinationsdiplomen weckte. Wenn ich noch zum Schlüsse bemerke, daß Empfänge beim Unterrichtsminister, beim Bürgermeister und bei Kollegen, dann Führungen durch Sammlungen, an welchen namentlich die Frauen regen Anteil nahmen, nach schwerer geistiger Arbeit .uns namentlich durch die bei den Empfängen bewiesene, echt wienerisch bezaubernde Liebenswürdigkeit angenehme Abwechslung boten, die uns herzlich erfreute und die wir nicht so bald vergessen werden, dann glaube ich das Wesentlichste mitgeteilt zu haben. Mit einem Worte, die wertvolle und ertragreiche Tagung brachte allen Teilnehmern multum et multa. Wissenschaft des Judentums. Unter außerordentlich zahlreicher Beteiligung ihrer Mitglieder und Freunde hielt die Berliner Akademie für die Wissenschaft des Judentums am 25. Juni ihre 11. Jahresversammlung ab. Der Vorsitzende, Herr Oscar Wassermann, eröffnete die Versammlung mit kurzen Worten über die Bedeutung und Ziele der Akademie und gedachte der Toten des Jahres, des Philosophen Franz Rosenzweig, dessen Initiative die Akademie ihr Dasein verdankt, und des Kommerzienrates Albert Moos-Stuttgart. Dann begrüßte er den aus Amerika zurückgekehrten Professor Dr. Julius Gutmann und gab der Freude darüber Ausdruck, daß er den dringenden Einladungen amerikanischer Institutionen, seinen Wirkungskreis dorthin zu verlegen, nicht gefolgt sei. sondern der jüdischen Wissenschaft in Deutschland, insbesondere der Akademie, deren Forschungsinstitut er so erfolgreich leitet erhalten geblieben sei Hierauf erstattete Herr Professor Gutmann den Jahresbericht des Forschungsinstitutes. Ein weiterer Ausbau ist dem Forschungs-Institut im Berichtsjahre infolge der Not der Zeit versagt geblieben, aber die begonnenen Arbeiten haben guten Fortgang, genommen. Das Werk der Statistik der deutschen Juden auf Grund der Volkszählung von 1925 ist soweit gediehen, daß der ^Preußen" behandelnde Band fast fertig gedruckt ist und bald erscheinen kann: auch der zweite Band, der die nichtpreußischen Länder behandelt, ist im Tabellen-Teil druckfertig. Von der Mendelssohn-Jubiläumsausgabe, die die Akademie gemeinsam mit der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums veranstaltete, sind zwei Bände, bearbeitet von Dr. Fritz Bamberger und Dr. Haim Forodianski. am Jubiläumstage erschienen. Ein dritter Band, Judaica, unter der Redaktion von Dr. Simon Rawidowicz. ist soeben herausgekommen, zwei weitere Bände werden vor Jahresende fertig. Die Ausgabe findet große Anerkennung. Das 'gleiche gilt von Dr. Selma Sterns „Jud Süß", der ersten historisch dokumentierten Biographie dieses Hofjuden nnd Politikers. Aus der philosophischen Sektion ist Dr. Leo Strauß' Buch „Die Religionskritik Spinozas" hervorgegangen. Als nächstes Wrerk der philosophischen Reihe wird „Die Gottes-Idee des Maimonides" von . Dr. Fritz Bamberger folgen. In. der historischen Abteilung liegt der zweite Band von Dr. Fritz Baers „Die Juden in Spanien" druckfertig vor. Ebenso der zweite Teil von Dr. Selma Sterns „Der preußische Staat und die Juden". An literarhistorischen und sprachwissenschaftlichen Arbeiten ist die Edition des Propheten-Targum von Professor Landauer und Dr. Sperber abgeschlossen, letzterer hat die Edition des Targum Onkelos in die Hand genommen. Von Dr. Wilenskys „Zepher ha Rikma" kann der zweite Halbband in wenigen Wochen erscheinen. Auch Dr. Albeck hat den Einleitungsband zu einer Edition des „Midrasch Bereschit Rabba" im Manu- NEUERÖFFNETE REICHHALTIGE, MODERNE LEIHBIBLIOTHEK DER BÜCHERSTUBE M. RATH. 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Die Herstellung der Druckwerke, insbesondere der Statistik und der Mendelssohn-Ausgabe, erforderte große Mittel. Die Ausgaben haben deshalb gegen das Vorjahr eine erhebliche Steigerung erfahren, mit denen die Einnahmen trotz bedeutender Spenden, infolge der Wirtschaftskrise, nicht Schritt halten konnten. Die Entwicklung des Akademie-Verlages ist eine langsam aufsteigende. Wenig erfreulich war der finanzielle Stand der Hermann Cohen-Stiftung. Es bleibt zu hoffen, daß die. Hilfsbereitschaft der Judenheit sich des Akademie in stärkerem Maße zuwendet, damit das für ihren Fortbestand unentbehrliche Ruturwerk dauern und weiten wirken kann. Dem Verwaltungsvorstand wurde Entlastung etteilt. Der Etat für 1930 in Höhe von Mk. 176.000 in Einnahmen und Ausgaben wurde genehmigt. In den Ausschuß wurde Herr Sally Bradt, der Bruder des Begründers der Akademie, hinzugewählt. „Franz Rosenzweie und das jüdische Bildungsproblem". Nach Erledigung des geschäftlichen Teiles hielt Dr. Ernst Simon. Jerusalem, einen Vortrag über „Franz Rosenzweig und das jüdische Bildungsproblem". 1917 entwickelte Rosenzweig in seinem an Hermann Cohen gerichteten offenen Brief „Zeit ist's" sein neues jüdisches Programm. Ausgangspunkt für ihn ist das jüdische religiöse Leben. Von diesem Leben geht der Weg in die Bildung hinein. Mit Rosenzweig endete so die Epoche des Historizismus der jüdischen Wissenschaft. Nicht nur das Lernen war ihm dabei wichtig, sondern auch die Lehrer. Er fordert daher die Schaffung der Akademie mit 150 Gelehrten, die zugleich Forscher und Pädagogen sein sollten. 1920 kritisierte er in der Schrift „Bildung und kein Ende" die Akademie. Als Ergänzung schuf er das freie jüdische Lehrerhaus in Frankfurt a. M. An ihm zeigt sich die Ueberwindung des Historizismus. Die Bibel z. B., wurde nicht genetisch betrachtet, sondern mit allen ihren Widersprüchen als eine religiös wirksame Einheit Der Talmud wurde vollste jüdische Gegenwart Hermann Cohen wurde von ihm unter dem jüdischen Ewigkeitsaspekt beurteilt. Rosenzweig bemühte sich zugleich um den „Am Haarez", den er dem Judentum ein religiöses Erlebnis und eine Anfechtung. Wie In das Lernen führte Rosenzweig einen neuen, heiteren, aristokratischen Ton ein. Er hat ihm die Atmosphäre der engen Verhältnisse genommen. Neben diesen direkten Wirkungen müssen die indirekten genannt werden. Im ..Stern der. Erlösung" gab Rosenzweig die Antwort der Philosophie auf das Kriegserlebnis. Die Tatsache des Todes wurde von ihm kreatürlich ernst genommen, vom individuellen Tode her das Problem der Persönlichkeit . aufgerollt Ueber eine „zweite Unmittelbarkeit" gelangte er so zu neuer Religiosität Seine mit Buber unternommene Bibelübersetzung ist eine „mündliche" Bibel, die laut gelesen werden muß. Seit der Septuaginta ist sie die erste jüdische Bibelübersetzung, die für die Welt bestimmt ist. Das aber bedeutet erst die geistige Emanzipation der Juden. Für Rosenzweig war das Christentum ein religiöses Erlebnis und eine Anfechtung. Wie es Heine als Kultur, Theodor Herzl als Staat begegnet, da sie noch voremanzipatorische Juden waren, dfenen Gleichberechtigung am Herzen lag. so begegnete es dem nachemanzipatorischen Juden Rosenzweig als Glaube. Diese Begegnung hat ihn dem Judentum zugeführt. — Man kann Rosenzwig keiner jüdischen Partei zuzählen. Erhat als freier Jude gelebt, aber hat sich auch vor dem Rausch der Freiheit gehütet. * Eine Franz Rosenzweig Gedächtnis-Mappe. Herr Ludwig Katzenstein -Kassel. Mitglied des Ausschusses der Akademie für die Wissenschaft des Judentums, hat eine Gedächtnis-Mappe geschaffen, welche alle seit dem Ableben von Franz Rosenzweig in der allgemeinen und jüdischen Presse erschienenen Veröffentlichungen über den Philosophen vereinigt Die schön ausgestattete Mappe vermittelt ein fast erschöpfendes Bild der geistigen Persönlichkeit Rosenzweigs und einen Begriff von der Verehrung, die er sich durch seine Werke und sein Leben im Judentum erworben hat — Herr Katzenstein hat.die Rosenzweig- Mappe der Akademie am Tage ihrer 11. Jahresversammlung zugeeignet, damit auch in dieser Form das Gedächtnis Rosenzweigs in der Akademie, die im geistigen Sinne sein Werk ist, festgehalten bleibe. Mendelssohns Schriften im Akademie-Verlag. Von der im Berliner Akademie-Verlag erscheinenden Jubiläumsausgabe der gesammelten Schriften Mendelssohns ist soeben der erste Band der „Schriften zum Judentum" erschienen. Dieser Band enthält den ganzen Lavater-Streit, die Auseinandersetzung zwischen Mendelssohn und Bonnet, weiter die Ritual-Gesetze der Juden und Aktenstücke zur Reform des Judeneides. Der Band enthält über 700 Seiten und ist bearbeitet von Dr. Simon Rawidowicz, der den einzelnen Texten ausführliche wissenschaftliche Forschungen voranschickt. Zum Lavater—Mendelssohn-Streit gibt Dr. Rawidowicz eine Reihe bisher unveröffentlichter Akten aus verschiedenen Archiven und Bibliotheken. Der ganze Streit wird auf eine neue geisteswissenschaftliche Ebene gebracht und es werden neue Zusammenhänge aufgedeckt Dr. Rawidowicz konnte auch neues handschriftliches Material für die Auseinandersetzung Mendelssohns mit dem Philosophen Charles Bonnet beibringen, da eine ausführliche Bearbeitung als Einleitung zu den Gegenbetrachtungen über Bonnets Palingenesie gefunden hat. Auf einem ganz anderen Gebiet liegt die Bearbeitung der Ritualgesetze durch Dr. Rawidowicz. Hier hat der Bearbeiter von ihm im preußischen Staatsarchiv vorgefundene bisher völlig unbekannte Materialien bearbeitet so daß nunmehr eine quellenmäßig belegte zeitlich lückenlose Entwicklung der gesamten Vorgeschichte der Ritualgesetze zum' erstenmal gegeben werden konnte. Sehr wichtig ist der den Ritualgesetzen beigegebene Quellennachweis, der die gesamten halachischen Quellen, soweit sie in Frage kommen, zusammenfaßt Dem Bande ist ein Apparat angeschlossen, der Anmerkungen, Erläuterungen und eine Reihe von philosophischen Exkursen für die im Bande gegebenen Texte enthält" Antijüdische Fremdenkontrolle in Ungarn. Schwere Anklagen gegen die ungarische Regierung. Im Verlauf der Debatte über den Gesetzentwurf betreffend die Fremdenkontrolle im ungarischen Abgeordnetenhause richteten Mitglieder der sozialdemokratischen Fraktion scharfe Angriffe gegen den Innenminister. Abg. Kabek (Soz.) führte aus, daß Hunderttausenden ehemals ungarischer Staatsbürger, die in den abgetrennten Gebieten geboren wurden, die ungarische Staatsbürgerschaft vorenthalten wird und sie Vexationen ausgesetzt sind. Der Sozialist Györki führte aus, noch immer werden Personen, die ihre Staatsbürgerschaft nicht in einwandfreier Weise nachweisen können, im Schubhause interniert, und es seien Fälle bekannt, daß Leute mehrere Monate im Schubhause verbringen mußten und daß mit ihnen geradezu in barbarischer Weise umgegangen wird. Die Betreffenden werden von den Gendarmen einfach an die Grenze gebracht und dort gezwungen, rumänisches, tschechoslowakisches oder jugoslawisches Gebiet zu betreten. Die Folge sei dann, daß diese Unglücklichen von den Behörden der Nachbarstaaten wieder nach Ungarn zurückgeführt werden. Abg. Esztergalyos (Soz.) führte aus: In Pezs haben sich vor einiger Zeit ganz unerhörte Dinge zugetragen. In dieser Stadt haben sich zahlreiche ehemalige russische Kriegsgefangene, die dem mosaischen Glauben angehören, angesiedelt und sie alle sind um die ungarische Staatsbürgerschaft eingekommen. Gleichzeitig sind die Betreffenden aufgefordert worden, zum katholischen Glauben überzutreten, indem man ihnen in Aussicht stellte. daK

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