Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1930
- Issue
- Heft 4 (24.1.1930)
- Date
- 1930-01-24
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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DIE WAHKtlEIl die Rede war, sondern im Dienste Rußlands, was immer verschwiegen wurde. Der deutsehe Antisemit Professor Bornhak weiß es besser. Er weiß noch mehr. Er versichert, daß Dreyfus diesen Verrat im Einverständnis mit einigen seiner Vorgesetzten getrieben, die Herr Professor Bornhak allerdings nicht nennt, unter denen man aber, wenn man will, bei einiger Phantasie sich auch den französischen Kriegsminister oder, was mir wenigstens ebenso plausibel erschiene, den französischen Außenminister oder den Präsidenten der französischen Republik selbst denken kann. Die Zusammenarbeit des Juden Dreyfus mit diesen respektablen Herren wäre wirklich, was Herr Professor Bornhak wirklich nicht oft zu betonen brauchte, ein höchst vernünftiger und hinreichender Grund für die sonst unerklärliche Tatsache, daß man diese großen Herren diskret laufen ließ und nur den kleinen Juden Dreyfus hängen wollte. Aber auch das mißlang, zum Schmerz des „klerikalen französischen Offizierskorps", das, wie Herr Professor Bornhak~ausdrücklich versichert, sich freute, dem jüdischen Eindringling, der übrigens auch persönlich eine höchst widerliche Erscheinung .gewesen sein mag, etwas am Zeug flicken zu .können. % Durfte das Judentum so etwas dulden? Herr Professor Bornhak sagt: Nein. Ausseschlossen. Kapiiän Dreyfus mußte rehabilitiert werden. Anstatt gehängt oder erschossen oder zu weiterem Aufenhalt auf der Teufelsinsel begnadigt zu werden, mußte er — das forderte die Ehre Israels — mit hohen Orden behängt und zum Obersten ernannt werden. Wunder genug, mag Herr Professor Bornhak sich im stillen erfreut oder seufzend gesagt haben, daß Dreyfus schließlich auch nicht als Präsident der Republik kanditiert wurde. Anstatt Clemenceaus, der bekanntlich einer der fanatischesten Verteidiger des Kapitäns war, vielleicht auch sein Komplice beim Verrätergeschäft mit Rußland? Das behauptet Herr Professor Bornhak nicht. Aber daß Dreyfus bei diesem Geschäfte nicht um einen Sou weniger als Clemenceau oder Zola verdiente, die beide sich mit Dreyfus identifiziert hatten, steht bei mir fest. Nach der Publikation des Herrn Professor Bornhak müssen die Juden wohl auf alles gefaßt sein. Warum soll nicht demnächst ein von der Gefährlichkeit der Juden überzeugter Kämpfer jedem von der Echtheit der „Protokolle der Weisen von Zion" überzeugten Gesinnungsgenossen z. B. auch die inneren Zusammenhänge, sagen wir, zwischen der Dreyfus-Affäre und dem Prozeß Hilsner klarlegen? Der Mann muß das nur geschickt anpacken und nicht etwa wie der arme Professor v. Müller seine „antisemitischen Krawallvorlesungen" zur weitereu Erbauung seiner hakenkreuzlerischen Hörer mit unbesonnenen Ausfällen auf die heutige Staatsform Deutschlands und einige noch aktive Minister verbrämen. Die antisemitischen Hetzreden könnte Herr Prof. v. Müller dank der Lehrfreiheit in aller Gemütsruhe noch heute halten, wenn man ihn nicht endlich wegen seiner auffallenden politischen Exkurse zur Rechenschaft hätte ziehen müssen. Daß bei diesem Anlasse zur Rettung des Angeklagten in geheimer Sitzung glücklicherweise dessen Geisteskrankheit konstatiert werden konnte, machte zufällig auch den antisemitischen Exzessen auf dem Katheder ein Ende. Wegen der irrsinnigsten antisemitischen Hetze allein gilt niemand für geisteskrank. ::: :«: Nach Theodor Fritsch, der offenbar gleich Herrn Prof. Bornhak alles, was in der Welt geschieht, durch die antisemitische Brille beobachtet, hat Kapitän Dreyfus Leben und Ehre nicht den Männern wie Clemenceau und Zola zu danken, sondern umgekehrt, diese wären ohne die Protektion dieses Juden zu nichts gekommen. So schreibt Fritsch z. B. unter anderem: „Im öffentlichen Leben Frankreichs machte sich Clemenceau wieder bemerkbar, als er für die Unschuld des Hauptmannes Dreyfus eintrat und zu diesem Zweck mit Geldmiteln von Rothschild und Genossen 1897 die „Aurore" begründete. Als Parteigänger des Dreyfus gewann er Freunde und Anhänger auch in Deutschland, denn das „Berliner Tageblatt" versichert am 16. Oktober 1S98, daß „keiner mehr Bewunderung verdient als Clemenceau: dieser sei nun der.glänzendste Publizist Frankreichs geworden." Mit Hilfe der Dreyfus-Leute kam er 1906 in den Senat, wurde in den folgenden Jahren Minister und Ministerpräsident usw. usw." Alles das durch Dreyfus! Nur zum Präsidenten der Republik hat ihn auch Dreyfus nicht machen können. Vielleicht doch wegen der Verratsgeschäfte mit Rußland? Ego. Daröffantlickunqan dar Union deu+schös+errcicViscber Juden Telephon A 19-2-77 IX., Berggasse 4 Postspark.-Kto. 9.464 Die Tätigkeit des Kultusvorstandes. Donnerstag, den 16. d. M.. fand im Goldsaal des Cai6 Siler unter Vorsitz des Herr« Dr. Oskar Hein eine Versammlung der „Union deutschösterreichischer Juden" .statt, die trotz des an diesem Abend vorherrschenden schlechten Wetters sehr gut besucht war. Diese starke Teilnahme dokumentiert« das rege Interesse der Freunde und Anhänger der „Union" an den Vorgängen in der Kul t us g e m e i n d e, der dieser Berichtsabend gewidmet war. Reg.-Rat Dr. Hermann) Oppenheim beschäftigte sich zunächst hi seinem ungemein interessanten Referate mit den Ereignissen nach der Konstituierung des Kul- ■fcusvorstandes, als der damals ad hoc gegründete Zweckverband der gegnerischen Parteien glaubte, die „Union" unterkriegen zu können. In den schweren Wochen unmittelbar' nach den Kultuswahlen hat die „Union" mit diesem Zweckverband Verhandlungen gepflogen, um einen modus vivendi zu finden, und die gegnerischen Parteien haben schließlich entgegen ihrem ursprünglichen Siegesgeschrei anerkannt, daß die „Union" als die größte Partei des Kult/usvorstaudtes die Führung innehaben müsse, in die sie sich wohl mit den Jüdischnationalen teilt. Unsere Mitteilung, daß die „Union" eventuell zu dem Mittel greifen würde, nochmals an die Wählerschaft zu appellieren, hat ihre Wirkung nicht verfehlt, darauf wollten es unsere Gegner denn doch nicht ankommen lassen. "Win wollten tatsächlich zu Neuwahlen schreiten, denn wir sind überzeugt, daß die Wählerschaft, die bei den letzten Wahlen leider eine starke Indolenz bewiesen hat, in einem solchen entscheidenden Momente aufzurütteln gewesen wäre; es ist die Schuld dieses indolenten Teiles der Wählerschaft, daß wir heute die Gemeinde nicht so führen können, wie wir es gerne wollen, und daß wir oft zu Kompromissen greifen müssen, um so gut als möglich herauszukommen. Seit dieser Zeit haben sich die Verhältnisse im Kultusvorstand infolge zweier Umstände einigermaßen zu unseren Gunsten verschoben. Der Aufstand der Araber in Palästina, dieses tiefbedauerliche Ereignis, dem auch unsere Trauer gilt, weil so viele Glaubensgenossen dadurch schwer betroffen wurden, hat sichtlich auf die zionistische Partei eingewirkt. Ob sie schon zur vollen Erkenntnis der Bedeutung dieses Ereignisses gekommen ist. mag man bezweifeln. Aber es hat ihr immerhin die Augen in einer Weise geöffnet, wie wir es nicht gewünscht, jedoch schon lange vorher prophezeit haben. Die Zionisten haben den schweren Fehler begangen, den Palästinaaufbau mit nationalen und politischen Forderungen zu verknüpfen, woran der Schöpfer des Zionismus. Theodor Herzl, nie gedacht hat. Sein Buch „Der Judcnstaa t" ist heute selten mehr im Buchhandel erhältlich; wenn man sich aber die Mühe nimmt, es sich zu beschaffen und zu lesen, so wird man sehen, wie sich der zionistische Gedanke seit Herzl gewandelt hat. welcher bekanntlich infolge der üblen Erfahrungen, die er als Jude auch in der Gesellschaft gemacht hat. sein Buch geschrieben. Er hat an eine internationale politische Bewegung, wie sie heute der Zionismus darstellt, nie gedacht und auch nie davon gesprochen, daß Palästina ein nationales Heim für die Juden werden sollte, sondern nur eine rechtlich gesicherte Heimstätte. Der Redner illustrierte die Unterschiede zwischen dem Herzischen Zionismus und! der heutigen zionistischen Bewegung an Hand von Zitaten aus dem Buche Herzls, der zum Beispiel geschrieben hat. daß als Umgangssprache in Palästina jene gewählt werden Seite 5 solle, die die Opportunität erheische, keinesfalls di-e hebräi>sehe. An einer anderen Stelle schrieb er. der das Araberproblcm mit keinem Worte erwähnte: „Wenn wir in Palästina sein werden, werden wir mit Wehmut und Sehnsucht der fernen Heimat gedenke n." Man sieht, der „Judenstaat" Herzls ist nicht nur aus dem Buchhandel, sondern auch aus den Gedanken unserer modernen Zionisten verschwunden, die mit ihrem nationalen Chauvinismus der Jugend ganzfalsche Wege zeigen. Statt des einzig richtigen Standpunktes, dem auch wir beipflichten, daß Palästina eine rechtlich gesicherte Heimstätte für jene werden solle, die in ihren Heimatländern nicht leben können oder wollen, stellen die Zionisten das nationale und politische Moment voran, das jetzt ein vollständiges Debakel erlitten hat. Man darf nur hoffen, daß diese Ereignisse die Zionisten endlich zur Besinnung bringen und daß sie den nationalen und politischen Gedanken nunmehr aufgeben werden. Das zweite Ereignis, das die Verhältnisse im Kultusvorstand verschoben hat. jedoch nur in weitem Abstände von dein erstgenannten erwähnt werden darf, ist die Spaltung i n der Partei der „W e r k t ä t igeni Juden". Nach der Konstituierung des Kultusvorstandes haben sich in dieser Partei tiefgründige Differenzen zwischen der poale-zioiiistischen und der rein sozialistischen, uns näher stehenden Gruppe ergeben. Von dieser Gruppe, die in allen Fragen der Orthodoxie und der politischen Stellung in unserem Hei ma blande mit uns einen Ansicht ist, trennt uns wohl der grundlegende Gegensatz, daß wir der Anschauung sind, daß db Politik in der Ku1tusgemeiude nichts zu suchen habe, und daß wir in dieser, egal welche politische Stellung wir im Privatleben einnehmen, nur als Juden tätig zu sein haben. Auch unsere Anschauung isi der Frage des allgemeinen Wahlrechtes scheidet uns von der dieser Gruppe: das Kompromiß zwischen den Parteien des Kultusvorstandes geht bekanntlich dahin, daß bis zur Erledigung des Budgets pro 1930 über diese Frage nicht gesprochen werden wirdwiT stehen jedoch unbedingt auf dem Standpunkt, daß keinesfalls die nächsten K u 11 u s w a h 1 e n auf Grund eines geänderten Wahlrechtes stattfinden dürfen. Aui die Leistungen der Kultusgemeinde im Jahre 1029'übergehend, stellte Reg.-Rat Dr. Hermann Oppenheim fest, daß d i e ..U n i o n" auch in diesem Jahre bemüht war, Angriffe aui die von uns hochgehaltenen Grundsätze abzuwehren. (Lebhafter Beifall.) Wir stehen vor der Budgetdebatte, sie wird wahrscheinlich dasselbe Bild bieten, wie alle bisherigen. Als Finaiizreiurent werde ich mich bemühen, ein unpolitisches und sachliches Referat zu erstatten, wie ich es seit Jahren immer getan habe. Dann wird gewiß wie stets bisher der Sprecher der Zionisten aufstehen liikI erklären, gegen die Ziffern sei nichts einzuwenden, sie werden schon stimmen, aber das sei kein Budgenreferat mit neuen Prinzipien und neue n Gesichtspunkten. Wenn man dann fragt, was wir. die wir für den Kultus sorgen müssen, dio wir die Tempelvereiue unterstützen müssen, deren iiursorgerischc Tätigkeit einen Ruhmestitel der Gemeinde bildet — d'.e ganzen Einnahmen aus den Steuern, fast 2 Millionen Schilling, werden restlos für Fürsorxezwecke verwende* —, was wir also außerdem noch tun sollen, dann entsteht bei den Verkündern der neuen Gesichtspunkte g.roße Verlegenheit und das Budget wird nach denselben Gesichtspunkten wie bisher immer, daß nämlich die Einnahmen mit den Ausgaben in Einklang gebracht werden, angenommen. Bisher ist von der zionistischen Seite nur eine wesentliche Anregung gemacht worden, nämlich die Einsetzung e i n e >n statistischen Kommission, damit die L e b e n s v e r h ä 11n i s s e d e r Wiener Juden entsprechend erfaßt und verwertet Wireden. Andere große Gesichtspunkte haben bisher immer gefehlt, die Reden werden nur zum Fenster hinausgesprochen und deshalb gehalten, um die Konservativen, die immer nur an der Vergangenheit hängen, lächerlich zu machen. Der Referent beschäftigte sich unten anderein auch mit der Frage der Erziehung der Jugend in re11g i ö s e m Sinne und wandte sich gegen die rein konfessionelle Schule, da die Jugend auf Grund der Erfahrung, die sie in den allgemeinen Schulen macht, dazu erzogen werden soll, im Wettbewerb des Lebens ihren Mann zu stellen und sich nicht in den Hintergrund drängen zu lassen. Der Rechnungsabschluß für das Jahr 1929 liegt wohl noch nicht vor. allein es ist jetzt schon abzusehen, daß infolge der eisernen Sparsamkeit des Präsidiums der Rechnungsabschluß den Vorai>sehlag Lügen strafen uikI die Kultusgcmeiitde ohne das p r ä I i rn in i e r t e Defizit von Schilling 180.(1)0.— (im ursprünglichen Voranschlag war das Defizit sogar mit mehr als S 700.000.— präliminiert: auch die früheren zwei Jahre schlössen mit einem Minus ab. so daß das Defizit insgesamt nach dem Voranschlag pro 1929 S 400.000.— gewesen wäre) abschließen, wahrscheinlich sogar einen k I e i n e u b ebe>ns c h u ß e r z i e 1 e n wird. Diese an sich erfreuliche Tatsache, die von der Versammlung mit großem Beifall aufgenommen wurde, hat ihren Grund in einer Maßregel, durch die sich der Vorstand vielleicht nicht sehr beliebt machen konnte, nämlich in der Verwendung einer Besitmmuiig der Statuten, in außengewöhnlichen Fällen eine Erhöhung de r S t e u e r n vornehmen zu dürfen, wovon der Kultusvorstand im heurigen Jahre im Ausmaße von 20 Prozent Gebrauch gemacht hat. Die Einnahm e ii a us dieser St e u e r e r h ö hang sind iast identisch mit dem p r ä 1 i m i n re.nt e n Defizit: für das Jahr 1930 treffen aber die gleichen Voraussetzungen nicht zu und dieses Jahr wird die Kultusgemeinde kaum so günstig abschneiden wie im Jahre 1929. Die Tcmpolvereine müssen größere Subventionen als bisher erhalt e n. was eine ziemlich bedeutende Ausgabe involviert, dazu kommt, daß die Gemeinde Wien, der die Angestellten der Kultusgemeinde bekanntlich angeglichen sind, ihren Angestellten einen 14. Monatsgehalt bewilligt hat. was zu gleichen Forderungen der Kultusgemeindeange-